Euro-Krise deckt ethische Mängel auf

Harald Stollmeier am 19. November 2011

Arbeitskreis Ethik und Soziale Marktwirtschaft tagte in Aachen

Die Euro-Krise ist ohne Würdigung ihrer sittlichen Grundlage weder erklärbar noch heilbar. Darin waren sich die Mitglieder des von der ASM geförderten wissenschaftlichen Arbeitskreises Ethik und Soziale Marktwirtschaft (ESMA) bei ihrer Jahrestagung in Aachen einig. Die rund 20 deutschen und österreichischen Wissenschaftler und Praktiker aus verschiedenen Fakultäten diskutierten die aktuellen Entwicklungen vor dem Hintergrund von Texten der Deutschen Bischofskonferenz, Joachim Starbattys und Friedrich Beutters. Auch die publizistischen Klagen von Charles Moore („Hat die Linke doch recht?“) und Constantin Seibt fanden Gehör – Zustimmung allerdings nicht.

Denn nach Ansicht des ESMA-Kreises beweist die Aufeinanderfolge von Bankenkrise, Schuldenkrise und Währungskrise gerade nicht das Scheitern der Sozialen Marktwirtschaft: Denn deren Regeln sind im Vorfeld der Krise missachtet worden.

Bei der Diskussion der Euro-Krise diagnostizierten die Gesprächsteilnehmer verschiedene Facetten eines dramatischen Vertrauensverlustes, der seine Wurzeln in Konstruktionsmängeln der gemeinsamen Währung hat. So gibt beispielsweise nicht etwa die Europäische Zentralbank den Euro aus; das tun vielmehr die einzelnen Partnerländer, ohne dass die Zentralbank sie daran hindern könnte. Schwankende Auslegungen von Verträgen wie bei der „No bail out“ Klausel des Lissabon-Vertrages und allzu intransparente Legitimationen von gemeinsamen Maßnahmen bewirken ein Übriges.

Die Gesprächsteilnehmer erkannten als wesentlichen Grund der aktuellen Vertrauenskrise einen kaum durchschaubaren ethischen Konflikt zwischen Einzelmaßnahmen zur Rettung des Ordnungsrahmens einerseits und vertragsrechtlicher Zuverlässigkeit andererseits. Und sie stellten die offene Frage, wer legitimerweise erstens die Notlagen und zweitens die Wirksamkeit der Maßnahmen feststellt.

Der ESMA-Kreis am Mutterhaus der Aachener Franziskanerinnen

Der ESMA-Kreis am Mutterhaus der Aachener Franziskanerinnen

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Gezeugt durch eine Vergewaltigung: Rebecca Kiessling

Caroline Stollmeier am 3. November 2011

Rebecca Kiessling wurde gleich nach ihrer Geburt adoptiert. Als 18-jährige begann sie die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Es war nicht ganz einfach, aber schließlich fand sie heraus, wer ihre Mutter ist. Darüber war sie sehr glücklich. Todunglücklich hingegen machten sie die Umstände, unter denen sie gezeugt wurde: ihre Mutter war nämlich Opfer eines brutalen Serienvergewaltigers geworden.

Rebecca war überzeugt davon, dass ihre Mutter sie hassen würde. Sie stellte sich vor, dass sie das Schlimmste sei, das ihrer Mutter je passiert ist. Außerdem fühlte sie sich beschmutzt und wertlos. Welcher nette Mann würde sie, das „Produkt“ einer Vergewaltigung, je lieben können? Und sollte sie jemals einen Sohn bekommen, wäre dieser dann auch irgendwann ein Vergewaltiger?

Rebeccas Mutter hingegen war überglücklich, als sie endlich Kontakt zu ihrer Tochter hatte. Nach dem ersten Telefonat schrieb sie ihrer Tochter in einem herzlichen Brief: „All diese Jahre hatte ich nichts von Dir, kein Foto, nichts, das mir sagte, dass Du ein Teil von mir bist. Nur die Erinnerung an eine Schwangerschaft mit dem Baby, von dem ich hoffte, dass es eines Tages seine wirkliche Mutter suchen würde, so wie auch ich mein Baby kennen lernen wollte. Ich habe Dich in meinem Herzen immer geliebt.“

Das Wiedersehen nach all den Jahren war ein wunderbarer Tag für Mutter und Tochter.

Dann ist Rebecca auf das Thema Abtreibung aufmerksam geworden. Sie fragte ihre Mutter, ob diese je daran gedacht hätte, ihr Kind abzutreiben. Und die Mutter gab zu, dass sie es sogar zwei Mal versucht hatte. Zu dieser Zeit aber waren Abtreibungen in ihrem Heimatstaat der USA verboten. Und die Hinterhofpraxen, in die sie geschickt wurde, arbeiteten unter so abstoßenden Bedingungen, dass die Mutter Reißaus genommen hatte. So wurde Rebecca schließlich geboren.

Auch das Wissen darum, dass sie beinahe abgetrieben worden wäre, stürzte Rebecca in eine große Krise. Sie lebte fortan in der zwanghaften Gewissheit, dass sie der Welt beweisen müsse, dass sie es wert sei, zu leben und geliebt zu werden. Mehr noch als Faktoren wie Herkunft, Wohngegend, Beruf und Einkommen der Eltern fühlte sie, dass die Umstände der Zeugung und Geburt den Wert eines Menschen in den Augen anderer ausmachen.

Ihre Beziehungen endeten oft in Missbrauch und Gewalt. Bis sie eines Tages Gottes Wirken in ihrem Leben erkannte. Sie begann sich im Lebensschutz zu engagieren. Ihre Freude darüber leben zu dürfen wollte sie mit anderen Menschen teilen und damit auch beweisen, dass die Umstände der Zeugung nicht entscheidend für ein gelingendes Leben sind.

Nach langen Gesprächen mit ihrer Mutter und vielen anderen betroffenen Frauen weiß sie heute: „Nicht das Baby ist das Schlimmste, das einer vergewaltigten Frau passieren kann, sondern eine Abtreibung ist das.“

Aufgrund ihres Engagements trifft sie häufig auf Abtreibungsgegner und -befürworter. Sie findet es herzlos, wenn diese ihr sagen, dass sie gegen Abtreibungen sind „außer nach einer Vergewaltigung“ bzw. für ein Recht auf Abtreibung sind „vor allem nach einer Vergewaltigung“. Für sie ist das, als wenn diese Menschen sagen würden: „Wenn es nach mir ginge, dann wärst Du heute tot.“ Und so etwas würde Rebecca nie zu jemandem sagen.

Oft hört sie, dass sie damals großes Glück hatte, weil ihre Mutter sie nicht abgetrieben hat. Darauf erwidert sie: „Nein, ich hatte kein Glück, ich wurde beschützt. Ich wurde beschützt vom Gesetz und von den Leuten, die dieses Gesetz gemacht haben. Wären Abtreibungen damals legal gewesen, dann wäre ich heute tot.“

Ihre Helden sind die Menschen, die sich damals so wirksam für den Lebensschutz Ungeborener eingesetzt haben und denen sie ihr Leben verdankt. Und ein bisschen hofft sie nun auch, so ein Held für andere Menschen werden zu können. Deshalb sagt sie deutlich: „Ich bin 100% für das Leben, ohne Ausnahmen und ohne Kompromisse.“

Rebeccas eigene Geschichte hat inzwischen ein nahezu märchenhaftes Ende gefunden: Sie arbeitet als Familienanwältin für verzweifelte Frauen, lebt glücklich zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern, und von ihrer leiblichen Mutter wurde sie rechtskräftig adoptiert.

 

Rebecca_Moralblog

Rebecca Kiessling bei einer Festveranstaltung der ALfA in Düsseldorf am 31. Oktober 2011 (Fotos: Caroline Stollmeier)

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Evolutionärer Humanismus: ein tragisches Missverständnis?

Harald Stollmeier am 31. Oktober 2011

Offener Brief an den Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung

Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Salomon,

als katholischer Akademiker setze ich mich mit meinen bescheidenen Kräften dafür ein, unsere Welt humaner zu machen. Als ich anlässlich Ihrer diesjährigen Auszeichnung von Peter Singer und Paola Cavalieri erstmals auf Sie und die Giordano Bruno Stiftung aufmerksam wurde, war ich neugierig und wohlwollend: Wie könnte man auch als gläubiger Katholik anders als wohlwollend auf den Versuch von Menschen ohne Religion reagieren, „trotzdem“ nicht nur persönlich ein anständiges Leben zu führen, sondern darüber hinaus unsere Welt humaner zu machen?

Ich schreibe bewusst „trotzdem“ in Anführungszeichen, damit deutlich wird, dass ich damit nicht meine, Agnostizismus stünde im Widerspruch zu einer ethisch anspruchsvollen Lebensführung. Aber ich meine, dass Menschen, die ein im moralischen Sinne gutes Leben anstreben, obwohl sie sich davon keinen himmlischen Lohn versprechen, dafür großen Respekt verdienen, wie Ehrenamtliche sozusagen, deren intrinsische Motivation höher sein muss als die von Profis – die werden ja dafür bezahlt …

Unglücklicherweise dauerte es nicht lange, bis ich herausfand, dass auch Sie ein „trotzdem“ verwenden, aber wie es scheint ganz ohne Anführungszeichen. Bitte widerlegen Sie mich, wenn ich im Unrecht bin, aber für mich ist eine der Kernaussagen Ihres Buches Manifest des evolutionären Humanismus, dass religiöse Menschen, vor allem katholische Christen, allenfalls trotz ihrer Religion ein anständiges Leben führen können, und Priester, Bischöfe oder gar Päpste überhaupt nicht.

Ich bin überzeugt, dass Sie sich irren, und ich sehe in diesem Irrtum ein tragisches Missverständnis, denn wer eine humanere Welt anstrebt, sollte dabei nicht ausgerechnet die Menschen bekämpfen, die dasselbe wollen.

Zugegeben: Sie sehen diesen Widerspruch nicht, weil Sie sich darauf festgelegt haben, dass die religiösen Menschen im Allgemeinen und die katholischen Christen im Besonderen einer humaneren Welt schlichtweg im Wege stünden.

Sie behaupten, Religion sei vernunftwidrig, weil sie ihre Begründung und ihre Legitimation letztlich außerhalb dieser Welt finde. Sie behaupten zudem, die Bibel selbst beweise, dass Judentum und Christentum in ihrem Kern grausam, tückisch, rassistisch seien, und für alle Fälle erklären Sie noch unter Berufung auf Karlheinz Deschner, man könne die Kirchengeschichte NUR als Kriminalgeschichte lesen.

Fangen wir beim dritten Vorwurf an: Er widerlegt sich durch seine Beschränkung auf das „nur“ beinahe von selbst. Gar so simpel ist nichts auf dieser Welt, nichts Menschliches jedenfalls. Und wie kann man das Christentum in Bausch und Bogen verurteilen, ohne das Handeln von Menschen wie Franz von Assisi, Bartolomé de Las Casas oder Mutter Theresa auch nur zu erwähnen?

Dabei ist es wahr, dass durch Christen und unter Berufung auf das Christentum entsetzliche Verbrechen verübt wurden. Wollen Sie aber für diese Verbrechen das Christentum oder gar Christus verurteilen, dann müssen Sie ein wenig genauer hinschauen.

Sie können sich dabei auf das Werk eines katholischen Historikers und Priesters stützen: Arnold Angenendt sichtet in seinem meines Erachtens epochalen Buch Toleranz und Gewalt die Sünden der Christen und ihrer Kirche(n) ebenso gründlich wie kritisch, und im Gegensatz zu Deschner in dem Bemühen, seinen Forschungsgegenständen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Dabei tritt unter anderem zutage, dass Gewaltanwendung im Namen Christi in einer Welt auftrat, der Gewaltanwendung vertraut war: Genaugenommen sind Ereignisse wie die Hinrichtung der sächsischen Gefangenen in Verden an der Aller oder das Massaker bei der Eroberung Jerusalems im ersten Kreuzzug vor dem Hintergrund dessen, was damals außerdem vorgekommen ist, keineswegs Ausnahmeerscheinungen. Entsetzlich, erschütternd und himmelschreiend sind sie vor allem, wenn man den Maßstab der Botschaft Christi an sie anlegt. Und genau das haben Christen jeweils zeitnah getan.

Es ist nicht gerecht, wenn man jedes von Christen verübte Verbrechen auf ihr Christentum zurückführt, nicht einmal dann, wenn die Täter sozusagen im Hauptberuf Christen waren. Die meist unausgesprochen damit verbundene Unterstellung lautet: Wären diese Menschen keine Christen gewesen, dann hätten sie sich humaner verhalten. Man braucht nicht einmal besonders belesen zu sein, um zu erkennen: Es ist eher umgekehrt. Menschen haben unabhängig von ihrer Religion das Zeug zu solchen Grausamkeiten, und es spricht viel dafür, dass der Einfluss des Christentums meistens mäßigend, ja zivilisierend gewesen ist. Ob er mäßigend genug war, ob die Christen ihren eigenen Maßstäben in der Regel gerecht geworden sind, das ist eine andere Frage, die Angenendt differenziert und ohne Selbstgerechtigkeit beantwortet.

Wollen wir für einen Augenblick Ihre strengen Maßstäbe an die Aufklärung und ihre Protagonisten in der Französischen Revolution anlegen? Wollen wir neben den insgesamt 97 zwischen 1540 und 1800 wegen direkter Glaubensvergehen von der römischen Inquisition (Angenendt S. 285) und den insgesamt ungefähr 6 000 von der spanischen Inquisition (Angenendt S. 283) zum Tode verurteilten Menschen für einen Augenblick an die 50 000 Menschen denken, die allein von 1792 bis 1794 in Frankreich hingerichtet wurden, oder an die über 100 000 Menschen, die während dieser Zeit den Massakern der Revolutionskommissare zum Opfer fielen (Angenendt S. 69)? Es ist ja nicht so,  dass die Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Ihrer Weltanschauung eine Nebenrolle spielte. Die historische Gründlichkeit müsste Ihnen eigentlich gebieten, die Nebenwirkungen der Aufklärung wenigstens beiläufig zu erwähnen.

Dabei meine ich nicht etwa, dass diese Grausamkeiten eine notwendige Folge der Aufklärung gewesen wären; auch in diesen Fällen spricht viel dafür, dass Menschen einfach das Zeug dazu haben. Allerdings wird man wohl sagen dürfen, dass den Revolutionskommissaren vielleicht ein mäßigender Einfluss gefehlt hat.

Sie dagegen, sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Salomon, halten die Bibel selbst für verbrecherisch, und Sie zitieren als Beleg die durch Gott angeordneten ethnischen Säuberungen des Alten Testaments und die Aussagen Christi zum Jüngsten Gericht im Neuen Testament. Christus unterstellen Sie gar ein „jenseitiges Auschwitz“ mit „himmlischer Rampe“ (Manifest S. 51), was unabhängig von der Frage des guten Geschmacks zumindest eine verkürzte Darstellung ist.

Dabei ist nicht einmal Ihre Kritik am Alten Testament gerecht; vor ihrem historischen Hintergrund erscheinen die von Ihnen kritisierten Passagen als mehr oder weniger zeitgemäß; das schließt die Akzeptanz der antiken Sklaverei ein. Sie werden einwenden, dass diese Eroberungsaufträge in Ihren Augen deshalb so besonders verwerflich sind, weil sie ja als direkter Befehl des allmächtigen Gottes gelten. Diese wörtliche Auslegung des Alten Testaments ist unter Christen heute allerdings selten geworden, und aus katholischer Sicht ist sie gar Häresie.

Ein wenig anders sieht es mit dem Neuen Testament aus, denn es überliefert ja in großer Zahl Aussagen von Jesus Christus, dessen göttliche Vollmacht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht. Das heißt: Wörtliche Aussagen von Jesus Christus haben in der Tat hohes Gewicht (womit ich der historisch-kritischen Analyse im Einzelfall nicht vorgreifen will).

Wenn Sie aber vor diesem Hintergrund Anstoß nehmen an der Ankündigung des Jüngsten Gerichts, müssen Sie zweierlei berücksichtigen. Erstens sind das die Gebote, deren Einhaltung Christus zur Voraussetzung für die Erlösung des Einzelnen erklärt. Im zehnten Kapitel des Lukasevangeliums finden Sie diese Gebote auf das Wesentliche verdichtet: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben mit ganzen Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“

Die naheliegende Frage, wer denn dieser Nächste sei, beantwortet Christus direkt anschließend mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das meines Erachtens zur Allgemeinbildung gehört.

Zweitens sollten Sie Ihre kategorische Ablehnung der Vorstellung von einem Jüngsten Gericht selbst überdenken. Diese Vorstellung ist die logische Konsequenz des Glaubens an einen gerechten Gott. Und wenn es auch wahr ist, dass man Menschen mit dem Jüngsten Gericht einschüchtern kann, so ist es doch auch wahr, dass es während des größten Teils der menschlichen Geschichte und noch heute auf dem größten Teil der Erde nicht die Armen und Unterdrückten sondern die Reichen und Mächtigen sind, deren Verhalten mit dieser Einschüchterung gemäßigt wurde und wird – nicht die Unterdrückten fürchten das Jüngste Gericht!

Ihr gewichtigstes Argument gegen Religion lautet: Sie ist vernunftwidrig, unwissenschaftlich, unwahr. Die Vernunftwidrigkeit ergibt sich für Sie aus der Berufung auf eine göttliche Offenbarung. Damit haben Sie insofern Recht, als die Tatsache der Offenbarung nicht falsifizierbar ist und sich einer vernünftigen Diskussion weitgehend entzieht. Sie ist wahr oder falsch, aber sie ist nicht überprüfbar.

Anders steht es mit den Inhalten der Offenbarung: Diese können sehr wohl auf ihre Schlüssigkeit und Plausibilität überprüft werden. Und wenn ein Christ die Gleichwertigkeit aller Menschen mit der biblisch überlieferten Gottesebenbildlichkeit des Menschen begründet, so spricht das keineswegs gegen die Gleichwertigkeit.

Sieht man also von der fehlenden Falsifizierbarkeit ihrer Legitimation ab, ist Religion keineswegs von vornherein vernunftwidrig. In der Argumentation selbst sind katholische Philosophen ebenso überprüfbar wie atheistische, und sie bestehen die Prüfung bemerkenswert oft; die Berufung auf Gott als Deus ex Machina ist in der katholischen Moraltheologie beinahe ebenso verpönt wie in der Astronomie.

Vielleicht sollten Sie sich die aktuellen katholischen Vorstellungen zum Naturrecht noch einmal ansehen, bevor Sie das ganze Konstrukt über Bord werfen. Die Vorstellung, dass ethische Maßstäbe unabhängig von staatlicher Festlegung sind, teilt nicht nur Papst Benedikt XVI.,  sondern auch der religiös unverdächtige Peter Singer.

Papst Benedikt XVI. gehört übrigens nicht erst seit seinem bemerkenswerten Vortrag vor dem Deutschen Bundestag zu den zahlreichen aktenkundigen katholischen Theologen, die regelmäßig in dem von mir skizzierten Sinne vernünftig argumentieren; Sie, sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Salomon, wissen natürlich selbst, wie viele das sind.

Diesem Problem begegnen Sie im Nachwort zu Ihrem Manifest mit einem Kunstgriff, für den Sie von Sir Karl Popper jedenfalls keinen Beifall erwarten können: Wenn ein dezidierter Christ Gutes tut oder auch nur vernünftig bzw. maßvoll argumentiert, dann ist er für Sie eben kein richtiger Christ. In Ihrem Humanismus bestimmen Sie, wer Christ ist.

Wissen Sie denn nicht, dass die Anerkennung der neodarwinistischen Evolutionstheorie als Stand der Wissenschaft für gläubige Katholiken absolut akzeptabel ist?  Der katholische Priester und Philosoph Martin Rhonheimer (noch dazu Mitglied des Opus Dei) hat im Februar 2006 in einem sehr höflichen (und mit dessen Einverständnis veröffentlichten) Brief den Erzbischof von Wien darüber aufgeklärt, nachdem dieser die Evolutionstheorie im Vorjahr scharf kritisiert hatte. Die Lektüre dieses Textes von Rhonheimer lohnt sich übrigens auch wegen seiner Bemerkungen zu möglichen Gottesbeweisen.

Denn auch wenn Religion zumindest in sich keineswegs notwendigerweise vernunftwidrig ist, so bleibt doch die Frage, ob sie in ihren Kernaussagen wahr ist, ein Stachel im Fleisch. Ich kann verstehen, dass Sie die möglichen Belege dafür, dass es vielleicht aber wahr ist (vgl. Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 363 f.), nicht näher untersuchen; diese Aufgabe haben Sie sich ja nicht gestellt.

Allerdings hat Ihr Hauptargument dagegen, dass es wahr sein könnte, eine bedauerliche Schwäche. Ihre Behauptung, der Mensch sei allein aus Zufall entstanden, gibt ja nicht einmal die Kernaussagen der Evolutionstheorie zutreffend wieder – diese erkennt das Zusammenwirken des Zufalls mit der Notwendigkeit in Form der Erfordernisse der Umwelt.

Sie betonen nicht ohne Stolz, dass die weitaus meisten herausragenden Physiker vor allem in den religiösen USA Agnostiker sind. Wissen Sie denn nicht, dass ein nennenswerter Teil dieser religiös unverdächtigen Physiker allen Ernstes über das “anthropische Prinzip” diskutiert? Diese Diskussion eignet sich zumindest als Warnung vor voreiligen Schlüssen; die Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Gott gibt, ist geringer, als Sie schreiben.

Aber selbst wenn Sie mit Ihrer Einschätzung Recht hätten, wäre ich noch immer der Meinung, dass Ihre im Manifest gleich zweimal vorgetragene Einschätzung, religiöse Menschen dürften im Grunde kein Wahlrecht haben (vgl. Manifest S. 48f., S. 118f.), mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit über das Ziel hinausschießt.

Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass Ihre in vieler Hinsicht berechtigte Kritik am Islam das wesentliche Problem unberührt lässt, nämlich die in der islamischen Welt weithin anerkannte Lehre, der Koran sei direkt Gottes Wort. Diese Lehre steht einer historisch-kritischen Neuauslegung des Korans weit mehr im Weg als jeder noch so bedenkliche Inhalt. Und sogar unter diesen Bedingungen finden sich gläubige Muslime, die wie der Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer Muhammad Yunus oder der Arzt und Katastrophenhelfer Dr. Abdelmoula Kangoum spürbare Beiträge zu einer humaneren Welt leisten.

Eine humanere Welt: Sie könnte das gemeinsame Ziel aller Menschen guten Willens sein. Um dieses Zieles willen bitte ich Sie: Beenden Sie Ihren Kreuzzug gegen die Religionen und laden Sie stattdessen alle Menschen guten Willens zur Zusammenarbeit ein. Ich verspreche Ihnen: Menschen guten Willens finden Sie überall.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Harald Stollmeier

PS: Als sehr nützliche Lektüre zur Klärung der Begriffe und Kategorien bei der Kirchenkritik empfehle ich den Aufsatz “Die Papstgegner. Wo sie Recht haben. Und wo nicht.” des katholischen Philosophen Dr. Josef Bordat.

Literatur

Schmidt-Salomon, Michael, Manifest des evolutionären Humanismus, 2. Auflage, Aschaffenburg 2006

Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980

Angenendt, Arnold, Toleranz und Gewalt, Münster 2007

Buber, Martin, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949

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Weil jeder fehlt, der nicht geboren wird

Caroline Stollmeier am 20. September 2011

Im zweiten Quartal 2011 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge 26.591 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet. Demnach werden sich wohl auch in diesem Jahr wieder über 100.000 Frauen für eine Abtreibung entscheiden, weil sie keine andere Alternative sehen. Niemand weiß, was aus ihren Kindern geworden wäre.

„Angesichts der jetzt wieder veröffentlichten Zahlen wird klar: Abtreibung ist ein verstecktes und tabuisiertes Massenphänomen. Wir verspielen unsere Zukunft, wenn wir die ungewollt schwangeren Frauen in unserem Land im Stich lassen“, urteilt der Projektleiter und Vorsitzende von Pro Femina e.V. Kristijan Aufiero.

Keine Frau wünscht sich einen Schwangerschaftskonflikt oder eine Abtreibung. Ziel des Projekts 1000plus ist es, die Beratungsarbeit bundesweit auszubauen, um jährlich1000 und mehr Schwangeren im Konflikt eine Perspektive für ein Leben mit ihrem Kind zu bieten.

„Jeder Mensch ist einmalig und wertvoll – ob gescheit oder nicht, ob gesund oder krank, ob jung oder alt! Wir können auf keinen einzigen verzichten. Jedes Kind ist ein Geschenk, und Kinder sind unsere Zukunft“, sagt Johanna Gräfin von Westphalen, Schirmherrin des Projekts und Vorsitzende der Stiftung Ja zum Leben.

Jedes Menschenleben bedeutet unendliche Möglichkeiten und unbegrenztes schöpferisches Potential. Jeder Mensch bereichert das Leben anderer, und jeder hinterlässt bleibende Spuren.

 

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Verkehrte Fronten beim Abtreibungsrecht

Harald Stollmeier am 18. September 2011

Buchbesprechung: Caroline Stollmeier, Freiheit heißt leben und leben lassen

Manche Phänomene sind so selbstverständlich, wie man sie hinnimmt. Moralblog-Redakteurin Caroline Stollmeier, selbst seit einigen Jahren im Einsatz für das Lebensrecht ungeborener Kinder, fragte sich eines Tages nach dem Sinn der politischen Zuordnung von „Pro life“ (rechts) und „Pro Choice“ (links). In ihrer neuen Denkschrift mit dem Untertitel „Lebensentfaltung durch Lebenserhaltung“ findet sie überraschende Alternativen.

Die Auseinandersetzungen um das Thema Abtreibung sind in Deutschland wie in den USA durch verhärtete Fronten gekennzeichnet. Caroline Stollmeier kritisiert an diesen leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, dass sie mit den Nöten und Bedürfnissen der Frauen in Schwangerschaftskonflikten oft nicht viel zu tun haben. An den verhärteten Fronten selbst kritisiert sie deren Verlauf.

„Abtreibungsgegner sind in der Regel politisch eher konservativ“, schreibt Stollmeier, und Abtreibungsbefürworter  verortet sie politisch links und von feministischen Strömungen beeinflusst. Und wenn diese aufeinandertreffen, findet ein konstruktiver Dialog „in der Regel nicht statt.“

„Bei genauerem Hinsehen“, schreibt Stollmeier, „können die jeweiligen Positionen und konkreten Vorstellungen aber vielleicht überraschen.“ Das beweist ein genaueres Hinsehen in die Texte der herausragenden Feministin Simone de Beauvoir, deren Urteil über Schwangerschaftsabbrüche ebenso differenziert wie einfühlsam ist und die eine Abtreibung nicht etwa als erstrebenswertes Recht der Frau sondern als bedrückende Folge ihrer Unterdrückung beschreibt.

Ganz genau hingesehen hat Caroline Stollmeier bei einem Aufsatz der  amerikanischen Autorin, Feministin und Friedensaktivistin Mary Meehan aus dem Jahr 1980:  Sie hat ihn übersetzt und publiziert ihn im Rahmen ihrer Denkschrift erstmals in deutscher Sprache.

Mary Meehan, Veteranin der Kämpfe gegen den Vietnamkrieg, versteht sich als links. Als sie sich später in der Lebensrechtsbewegung engagiert, findet sie plötzlich die Mehrheit ihrer Weggefährten auf der anderen Seite.  Sie fühlt sich „nicht wohl dabei“, aber sie sieht keine andere Wahl.

„Uns treibt … der Glaube daran, dass bedingungsloser Respekt vor dem menschlichen Leben uns zwingt, gegen Abtreibungen, Todesstrafe, Sterbehilfe und Krieg zu sein. Wir sind nicht der Ansicht, dass wir uns den Luxus erlauben oder das Recht herausnehmen sollten, einige Formen des Tötens zu akzeptieren und andere abzulehnen.“

Für Mary Meehan „war das traditionelle Merkmal der Linken immer der Schutz von Benachteiligten, Schwachen und Armen. Das ungeborene Kind ist von allen Menschen der Hilfloseste und benötigt noch mehr Schutz als die armen Farmpächter, die geistig Behinderten oder die Bootsflüchtlinge auf dem offenen Meer.“

Punkt für Punkt, von der Rangordnung der Menschenrechte über die Beobachtung, dass privilegierte Schichten legale Abtreibungen als Mittel betrachten, Unterschichten und Einwanderer zu dezimieren, bis hin zum Dammbruch-Argument bereitet Meehan ihre Schlussfolgerung vor: „Zur Rettung der ungeborenen Kinder und zur Rettung ihres eigenen Gewissens sollte die Linke gegen Abtreibungen sein.“

Die Denkschrift Freiheit heißt leben und leben lassen von Caroline Stollmeier, 20 Seiten, 4,80 Euro, ist 2011 im Choros Verlag, Kempen, erschienen.

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Sarah Diehl: Abortion Democracy – Abtreibungen in Polen und Südafrika

Caroline Stollmeier am 15. September 2011

Ein Recht auf Abtreibung? Wie es in Polen und im Vergleich dazu in Südafrika steht, beleuchtet die Filmemacherin Sarah Diehl in ihrer Dokumentation „Abortion Democracy“ aus dem Jahr 2008. Gezeigt wurde der Film kürzlich vom „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ und der gbs. In der anschließenden Diskussionsrunde mit Sarah Diehl traten erstaunliche Ansichten zutage.

Zuerst zum Film: Sarah Diehl nimmt sich Zeit für Interviews mit interessanten Menschen. Abtreibungsärztinnen, Feministinnen und von Abtreibung betroffene Frauen kommen zu Wort. Jede für sich beleuchtet die Probleme authentisch, denen sie täglich begegnet.

In Südafrika wurde in den 1990er Jahren die Gesetzgebung dahingehend verändert, dass Abtreibungen jetzt nahezu ausnahmslos legal sind. Dennoch ist diese Gesetzgebung dem medizinischen Personal immer noch teilweise unbekannt oder die Ärzte, Krankenpfleger, Hebammen und Kliniken weigern sich schlichtweg aus Gewissensgründen Abtreibungen durchzuführen. Wie Sarah Diehl erläutert, sind in der südafrikanischen Gesellschaft Vergewaltigungen, Inzest und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen sehr häufig. In Folge dessen kommt es zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften. Darüber hinaus ist das Wissen um Verhütungsmittel sowie deren Verfügbarkeit wenig vorhanden. Außerdem gehört die Durchführung von Abtreibungen anscheinend nicht standardmäßig zur Ausbildung von Gynäkologen und anderem medizinischen Personal in Südafrika.

Viele Frauen wünschen sich eine Abtreibung als Lösung für ihre Probleme und treffen dann auf die Widerstände der Gesellschaft und des Gesundheitswesens. Wie Sarah Diehl angibt, bringt das viele Frauen dazu, mit ungeeigneten Methoden selbst eine Abtreibung durchzuführen, was schlimme gesundheitliche Folgen haben kann.

In Polen hingegen sind etwa im gleichen Zeitraum Abtreibungen nahezu verboten worden, obwohl dort vorher relativ liberal mit dem Thema umgegangen wurde. In Polen gibt es aber immer noch viele Ärzte, die wissen, wie man eine Abtreibung durchführt. Und wenn ungewollt schwangere Frauen abtreiben möchten, dann finden sie in Zeitungen und auf Plakaten entsprechende Ärzte, die gegen Zahlung großer Summen eine Abtreibung anbieten, obwohl dies verboten ist.

Die gezeigten Frauenrechtsaktivistinnen in beiden Ländern beklagen, dass zulasten der Frauen Politik mit dem Thema Abtreibung gemacht wird und dass die Religiosität der Machthaber eine unrühmliche Rolle dabei spielt. Ein bisschen zu kurz kommt dabei die Beleuchtung der gesellschaftlichen Probleme vor allem in Südafrika. Denn hier scheint es eher das Selbstverständnis der Männer im willkürlichen Umgang mit den Frauen zu sein als die Religion, das dazu führt, dass Frauen unterdrückt werden und in letzter Konsequenz Abtreibungen einfordern.

Eine junge Frau aus Kapstadt berichtet, dass sie nach einer Vergewaltigung schwanger und daraufhin von ihrer Familie aus dem Haus geworfen wurde. Seitdem lebt sie auf der Straße und schläft nachts unter der Rolltreppe in einem Einkaufzentrum, ständig in der Furcht vor einer erneuten Vergewaltigung. Sie sagt, dass sie sich verzweifelt eine Abtreibung wünscht, aber niemanden finden könnte, der ihr dabei hilft. Gleichzeitig wägt sie ab, dass sie ihrem Kind nichts außer einem Leben auf der Straße bieten könnte und als allein erziehende Mutter niemals einen Job finden wird.

Die Gegenüberstellung der von der Rechtslage stark abweichenden gesellschaftlichen Realitäten in Polen und Südafrika ist ernüchternd, wenn nicht sogar bedrückend. Insofern ist „Abortion Democracy“ ein wertvoller Dokumentarfilm. Der Versuch, die beobachteten Missstände zu erklären, gelingt nicht in vollem Umfang und ist womöglich von vornherein zu sehr religionsfixiert.

Vielleicht hätte es dem Film auch gut getan, wenn wenigstens vereinzelt über die Abtreibung als Lösung hinausgedacht würde; das vorgestellte Vergewaltigungsopfer wird nach einer Abtreibung wohl kaum wieder in ihre Familie aufgenommen werden. Bemerkenswert ist übrigens, dass selbst bei dieser bedauernswerten jungen Frau anklingt, dass sie die Abtreibung weniger stark wünschen würde, wenn sie bessere Umstände für ein Leben mit ihrem Kind hätte.

Das ungeborene Kind bleibt in „Abortion Democracy“ vollkommen außen vor. In der anschließenden Diskussionsrunde sagte Sarah Diehl: „Man muss zwischen einem Fötus und einem Baby unterscheiden. Ich finde es unverantwortlich, den Frauen einzureden, dass der Fötus schon ein Kind sei.“ Diese Ansicht war anscheinend Konsens unter den anwesenden Humanisten. Als Beleg wurden philosophische Studien zitierte, nach denen es einen Wendepunkt etwa um die 20. Schwangerschaftswoche gäbe, ab dem nicht nur die Interessen der Mutter, sondern auch die des Ungeborenen zu berücksichtigen seien. Der Einwand einer Teilnehmerin, dass menschliches Leben aus naturwissenschaftlicher Sicht mit der Befruchtung der Eizelle beginnt, wurde geradezu niedergebrüllt.

Ein Teilnehmer warf den Gedanken auf, dass die Frauen in der Rückschau am Ende ihres Lebens die Abtreibung bereuen könnten. Daraufhin erhob eine andere Teilnehmerin unter zustimmendem Gemurmel aus den Reihen die Stimme, dass sie aus eigener Erfahrung sagen könnte, dass man eine Abtreibung nicht bereut. Zugegeben, diese Dame gehörte nicht zu den jüngsten Besuchern der Veranstaltung. Aber sie schien dennoch weit entfernt vom Ende ihres Lebens zu sein.

Das Fazit des Films und die Meinung der meisten Diskussionsteilnehmer war, dass Bigotterie und Heuchelei insbesondere der Vertreter der katholischen Kirche viel Elend über die Frauen in Polen, in Südafrika und im Grunde in der ganzen Welt bringen. Dadurch lässt sich vielleicht der Enthusiasmus erklären, mit dem die Humanisten die kirchliche Weltanschauungen angreifen, zu widerlegen suchen und ständig danach trachten, die religiösen Gefühle anderer Menschen mit Füßen zu treten. Dieses Verhalten ist jedoch sehr erstaunlich, da sie mit ihrer Energie vermutlich viel mehr erreichen könnten, wenn sie diese für ihre guten Ideen von beispielsweise Menschenrechten einsetzen würden.

Immerhin, sofern man in dieser Runde überhaupt einen Konsens bemerken konnte, dann schien er darin zu bestehen, dass keine Frau gerne abtreibt und eine Abtreibung immer nur der allerletzte Ausweg sein kann. Aber auch in diesem Punkt lässt sich einwenden, dass man mit der Energie, die man im Kampf für ein Recht auf Abtreibung verwendet, vielen Frauen besser helfen und eine gangbare Alternative zur Abtreibung aufzeigen könnte.

Abortion Democracy by Sarah Diehl

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Eltern und Kinder: Selbstverständlichkeiten im Wandel

Harald Stollmeier am 30. August 2011

Ein Konstanzer Unternehmen will spätestens im Frühjahr 2012 ein Verfahren auf den Markt bringen, mit dem eine Trisomie 21 (Down-Syndrom) bei Embryonen schon in der 10. Schwangerschaftswoche sicher festgestellt werden kann. Untersucht wird dabei nur das Blut der Mutter.  Die heute übliche Fruchtwasseruntersuchung mit ihrem ca. fünfprozentigen Risiko einer Fehlgeburt wird dann überflüssig. Spätabtreibungen wegen Trisomie 21 dürften damit bald der Vergangenheit angehören – weil die Abbrüche dann einfach früher stattfinden.

Tatsächlich dürfte die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche wegen Trisomie 21 sogar steigen, weil dann auch Eltern einen Test vornehmen lassen, die heute auf die Fruchtwasseruntersuchung wegen des Risikos einer Fehlgeburt verzichten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dem Hersteller dieser Tests mit wachsender Zahl überprüfbarer Faktoren märchenhafte Gewinne vorauszusagen – welche Eltern wollen denn nicht bestätigt bekommen, dass es ihrem Baby gut geht?

Lebensrechtler brauchen sich keine Illusionen zu machen: Sobald das funktioniert, wird es zur Selbstverständlichkeit. Ob auch die Entfernung von Embryonen mit unerwünschten Eigenschaften zur Selbstverständlichkeit wird, das ist eine andere Frage.

Ich frage mich, was wohl mein am 25. August 1924 im Alter von 61 Jahren verstorbener Ururgroßvater Bernard Evers aus Etteln bei Paderborn dazu sagen würde. In seinem Testament verfügte er unter anderem: „Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen …“

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Bernhard Evers war kein übermäßig moderner Mensch. Er war ein wohlhabender Ackerwirt, Mitglied der dörflichen Oberschicht, römisch-katholisch und ein strenger Vater. So streng, dass er dem Heiratswunsch seiner Tochter Elisabeth (deren Urenkel ich bin) massiven Widerstand entgegensetzte, weil ihm der junge Johann Isermann zu arm und auch sonst wohl nicht geeignet erschien. Erst nach der Geburt meiner Großtante Dorothea am 29. April konnte Elisabeth am 10. Juni 1914 den Vater des Kindes heiraten. Der Groll des Vaters klingt noch im Testament nach: “Meine Tochter Elisabeth … hat kein Recht mehr auf Forderungen.” So regelt man das unter westfälischen Dickschädeln.

Damals war es selbstverständlich, dass ein Vater auf die Gattenwahl seiner zwanzigjährigen Tochter entscheidend Einfluss nahm. Ebenso selbstverständlich war es offensichtlich, für behinderte Kinder angemessen zu sorgen.

Die heute übliche größere Freiheit von Töchtern bei der Wahl ihres Ehemannes ist in meinen Augen ein Fortschritt. Sie ist die Konsequenz des christlichen Eheverständnisses (und des bürgerlichen), für das die Freiwilligkeit des Eheversprechens unabdingbar ist.

Ist der Verlust des gesellschaftlichen Einvernehmens über die Verantwortung für behinderte Kinder einfach die Kehrseite der Medaille? Muss ich das eine hinnehmen, wenn ich das andere bejahe? Bernard Evers mag das befürchtet haben, und eingetreten ist ja beides.

Logisch zwingend ist das aber nicht. Das belegt schon die Kombination von Behindertenermordung und Heiratsverboten im Nationalsozialismus. Logisch zwingend ist tatsächlich das Gegenteil: Die Achtung der freien Gattenwahl von Frauen einerseits und des Lebensrechts behinderter Kinder andererseits wurzeln beide in der Überzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Ich hoffe deshalb, dass auch noch meine Enkel in der Verfügung bezüglich meiner Urgroßtante Maria etwas Anderes sehen werden als  eine Einschränkung der selbstverständlichen Freiheit des Hoferben, seine unnütze Schwester einfach zu verjagen.

__________________________________________

Aus Gründen der historischen Gerechtigkeit folgt unten der vollständige Text des Testaments, das mir in einer beglaubigten Abschrift vorliegt.

Das Testament von Bernard Evers

Abschrift.

Eröffnet am 15. Oktober 1924 auf dem Gerichtstage in Alfen.

Gez. Schulze,

Amtsgerichtsrat.

Mein letzter Wille für den Fall meines Todes.

§ 1.

Als Vermögensübernehmer (Erben) mit allen Mobilien und Immobilien, mit allen Aktiven und Passiven setze ich meinen Sohn Johannes ein.

§ 2.

Meine Tochter Elisabeth, jetzt verheiratete Isermann, hat ihr Kindesteil erhalten und hat kein Recht mehr auf Forderungen.

§ 3.

Mein Sohn Wilhelm hat ebenfalls volle Abfindung erhalten.

§ 4.

Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen und außer dem Beerdigungsamt im ersten Jahre nach dem Tode wenigstens 2 hl. Messen nachlesen zu lassen.

§ 5.

Meine Töchter Theresia, Anna und Franziska sollen bei einer etwaigen Zustandekunft, sei es Verheiratung oder sonstiger Selbständigmachung folgende Aussteuer erhalten:
1. Zwei vollständige Betten, nämlich 2 anderthalbschläfrige Bettstellen, Matratzen, Unterbetten und Oberbetten, je 2 Kissen, 12 Bettücher, 12 Bett- und Kissenbezüge und 12 weiße Kissenbezüge, 2 Bettspreiten.
2. Einen Waschtisch mit Waschservice, zwei Konsolen, ferner entweder einen zweitürigen Kleiderschrank, der zugleich als Wäscheschrank dient oder einen eintürigen Kleider- und Wäscheschrank extra.
3. Ein Sofa, 6 Stühle, 1 Tisch und ein Büffet (Glasschrank für Porzellan), 1 Nähmaschine.
4. Ein Küschenschrank und 2 Brettstühle,
5. An Leibwäsche, 3 Dutzend leinene Hemde, ½ Dutzend Nachtjacken, ½ Dutzend Unterhosen, 2 Dutzend leinene und 1 Dutzend Damast – Handtücher, 1 Dutzend Trockentücher, 6 Paar Strümpfe, 1 seidenes Kleid, 1 wollenes und 1 Waschkleid, 1 Dutzend Schürzen, ½ Dutzend Tischtücher und ½ Dutzend Servietten.
6. An Porzellan: 1 Eßservice für 6 Personen, 1 Kaffeeservice, 6 weiße Tassen mit 12 kleinen Tellern, 1 Dutzend Eß- und Teelöffel, Gabeln und Messer und 1 Suppenlöffel.
7. Eine gute Milchkuh.
8. Außerdem eine Barabfindung in der Höhe von 3000 Mark Vorkriegszeit.

Falls eine oder alle drei Töchter wegen Kränklichkeit oder einem sonstigen vernünftigen Grunde nicht selbständig wird, so muß ihnen Unterkunft, Kleidung und Kost im Hause gewährt werden aber gegen angemessene Mitarbeit.

§ 6.

Als Testamentsvollstrecker bestimme ich meinen Schwager, den Pfarrer Johannes Nillies; falls derselbe ablehnt oder nicht kann, alsdann meinen Schwager Hermann Nillies in Alfen.

Etteln, den 20. Dezember 1923.

gez. Bernard Evers.

Vorstehende Abschrift übersenden wir mit dem Bemerken, dass Herr Pfarrer Johannes Nillies das Amt als Testamentsvollstrecker angenommen hat.

A.A.

Unterschrift

Justizbüro-Assistent.

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Triff den Heiligen Geist im Netz

Caroline Stollmeier am 10. August 2011

Einer der coolsten und gleichzeitig friedlichsten Orte im Internet ist die Onlinekapelle der Steyler Missionare. Dorthin kann man kommen, um bei leiser Musik zu beten, seine Sorgen zu teilen und Anteil am Leben anderer Menschen zu nehmen. Wer möchte, zündet eine virtuelle Kerze an, bevor er wieder geht.

Die Kapelle ist dem Teil der Steyler Unterkirche von St. Michael genau nachempfunden, in dem der Heilige Arnold Janssen beigesetzt ist. Klickt man auf den Sarkophag oder auf die Bilder, erhält man weitere Informationen, beispielsweise über das Leben des Ordensgründers; und das in bereits sechs Sprachen: Deutsch, Englisch, Niederländisch, Spanisch, Französisch und Polnisch; als nächste Sprachen sind Indonesisch und Chinesisch geplant.

Die Idee zur Onlinekapelle ist Pater Manfred Krause SVD bei einem Schützenfest in seiner Heimatgemeinde gekommen, als er einmal mehr mit den Wünschen von Menschen konfrontiert wurde, die zwar am Grab des Heiligen Arnold Jansen beten wollten, denen aber die Reise nach Steyl in der niederländischen Stadt Venlo zu beschwerlich ist. Gemeinsam mit einigen jungen Leuten machte er sich darauf hin an die Gestaltung der Onlinekapelle.

Wie in der echten Unterkirche kann man seine Gebetsanliegen in ein Buch schreiben und darauf vertrauen, dass der Richtige sie lesen und berücksichtigen wird. „Die Menschen machen immer wieder die Erfahrung, dass ihre Gebete erhört werden“, sagt Pater Krause, „und jeden Mittwoch drucken wir die neuen Seiten aus dem Buch aus, legen sie während unseres Abendgebetes in der Unterkirche auf den Altar und beten für die Anliegen aus der Onlinekapelle.“

Seit die Onlinekapelle am 1. Januar 2011 mit einem Segensgebet feierlich online gegangen ist, wurden bereits 22.500 Kerzen angezündet. Sie zeugen von Hoffnung, Liebe, Trauer und Glaube. In der Steyler Onlinekapelle spürt man ein bisschen den Heiligen Geist, denn inzwischen sind viel mehr als nur zwei oder drei in Seinem Namen dort versammelt…

 

Kerze anzünden

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1000plus fordert den Abtreibungsausstieg – jetzt!

Caroline Stollmeier am 5. August 2011

Der neue Mikrozensus 2010 zeigt wieder einmal auf, wie erschreckend es um den Nachwuchs steht: Vor 10 Jahren gab es noch 2,1 Millionen Kinder mehr in unserem Land. Addiert man hingegen die Zahl der im gleichen Zeitraum offiziell gemeldeten Abtreibungen kommt man auf über 2,5 Millionen.

„Trotz aller Evidenz: Schon das Nachdenken darüber, ob es vielleicht einen Zusammenhang geben könnte zwischen chronischem Kindermangel einerseits und gigantischen Abtreibungszahlen andererseits ist tabu. Aber nicht für uns“, sagt 1000plus-Projektleiter Kristijan Aufiero.

In den letzten Jahren wurde viel veröffentlicht über den Kindermangel und unsere demographischen Probleme. „Offenbar fällt dabei niemandem auf, dass viele der fehlenden Kinder eigentlich da waren, aber nicht zur Welt gekommen sind. Die eigentliche Frage heißt daher nicht ‚warum bekommen die Leute keine Kinder mehr?’, sondern ‚warum treiben so viele Schwangere ab?’“, so Aufiero.

Die Beraterinnen von 1000plus haben eine genaue Vorstellung davon, warum Frauen abtreiben. „Der mit Abstand häufigste Grund, den die betroffenen Frauen nennen, heißt ‚Er will das Kind nicht’. Neben Beziehungsproblemen, sind der ‚falsche Zeitpunkt’ und die massive Überlastung vieler Frauen, die insgesamt drei häufigsten Motive für einen ‚Abtreibungswunsch’“, erläutert Aufiero, „allein: Keine Frau wünscht sich einen Schwangerschaftskonflikt und keine Frau treibt gerne ab. Was diese Schwangeren sich eigentlich wünschen, sind Problemlösungen und andere, nämlich bessere Umstände. Umstände, unter denen sie sich freimütig für ihre Babys entscheiden könnten, die sie unter ihren Herzen tragen.“

Im vergangenen Jahr haben über 70% aller Frauen, die eine Abtreibung in Erwägung gezogen hatten, sich schließlich doch für ihr Baby entscheiden können, nachdem sie bei 1000plus beraten worden sind und ein konkretes, individuelles und mit ihnen zusammen erarbeitetes Hilfsangebot bekommen haben.

„Ein Bruchteil der Ausgaben für ‚Abwrackprämie’, ‚Bankenschutzschirm’ oder ‚Eurorettungsfonds’ würde ausreichen, um in Deutschland flächendeckend die Beratung und Hilfe zur Verfügung zu stellen, die nötig ist, damit sich viele tausend Frauen im Schwangerschaftskonflikt doch für ihre Babys entscheiden“, weiß Aufiero und hofft zaghaft, dass aufgrund der „atemberaubenden Geschwindigkeit, mit der die Bundesregierung ihren fundamentalen Positionswechsel in Sachen Kernenergie vollzogen hat, eine ganz andere, viel wesentlichere Kehrtwende möglich ist: der Abtreibungsausstieg.“

 

003Marie[1]

Auch die Wutbürger aus der neuen 1000plus-Kampagne fordern jetzt auf Plakaten und Aufklebern: „ABTREIBUNGSAUSSTIEG JETZT!“

  

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Damnatio Memoriae

Harald Stollmeier am 24. Juli 2011

Norwegen gedenkt seiner Toten. Die Massenmedien der westlichen Welt, und vielleicht nicht nur diese, diskutieren die Motive des Mörders und die mögliche Mitverantwortung der Gruppen und Überzeugungen, auf die sich dieser beruft. Mir wird dabei schlecht.

Denn wer wehrlose Menschen ermordet, ist in erster Linie ein Feigling. Keine Überzeugung kann solche Taten im Geringsten rechtfertigen, auch die richtigste nicht. Und kein feiger Mörder verdient es, dass sein Name und sein Foto um die Welt gehen.

Ich habe den Namen des Mörders gelesen. Schreiben werde ich ihn nicht. Nie.

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