Archiv für die Kategorie 'Religion'

Peter Singer und das Lebensrecht

Harald Stollmeier am 5. Juli 2011

Nicht jeder, der Peter Singer bejubelt, hat seine Praktische Ethik gründlich gelesen: Seine Widerlegung der meistgenutzten Argumente für die ethische Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen (Praktische Ethik, Reclam, S. 177-195) müsste auch hartgesottene Abtreibungsbefürworter nachdenklich machen. Denn für Peter Singer ist der menschliche Embryo von Anfang an ein Mensch.

Leider nützt das dem Embryonen wenig, weil Singer anschließend feststellt, dass dieser noch keine Person sei, sondern von seinem Bewusstsein her noch hinter einem Fisch und erst recht einem Huhn zurückbleibe. Und nur Personen will Singer den vollen Schutz der Menschenrechte zugestehen. Die Abtreibung eines zwölf Wochen alten Embryonen ist für Singer deshalb nicht an sich ein Unrecht.

Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen: Es geht um alle – kein Wunder, dass Lebensrechtler auf den Namen Singer mit einem reflexartigen Sprung in den Schützengraben reagieren.

Vielleicht ist es eine gute Idee, stattdessen einmal zu prüfen, wie sich die konsequente Anwendung der Anschauungen Singers auf die Realität in Deutschland auswirken würde. Dann gäbe es nämlich erheblich weniger Schwangerschaftsabbrüche als heute, weil Singer auch die Auswirkungen einer Abtreibung auf andere Betroffene berücksichtigt. Es gäbe deshalb wahrscheinlich nur noch Schwangerschaftsabbrüche, die beide Eltern wirklich wollen. Abbrüche wegen Trennungsdrohung seitens des Vaters (der mit Abstand häufigste Abtreibungsgrund) oder wegen vermeidbarer Probleme der Mutter in Schule, Ausbildung und Beruf sind nämlich Paradebeispiele für präferenzutilitaristische Katastrophen.

Es gibt also mildernde Umstände: Bei konsequenter Anwendung der Regeln Singers würde die Welt per Saldo besser, nicht schlechter. Denn die meisten der Diagnosen, die heute in Deutschland Abtreibungen wegen Behinderung begründen, vor allem das Down-Syndrom, lassen den Personenstatus der betroffenen Menschen unberührt. Sie sind für Singer zwar wie alle Schwangerschaftsabbrüche an sich wertneutral, aber es gibt für sie keine besondere Rechtfertigung. Anders ist das allerdings bei Anenzephalie.

All dies gilt schon bei einer uneingeschränkten Anerkennung von Singers Anschauungen. Um einen besseren Schutz ungeborener Menschen zu begründen, bedürfte  es einer Weiterentwicklung – die vielleicht möglich ist. Der katholische Philosoph Josef Bordat weist darauf hin, dass Singer das Potenzial der Ungeborenen nicht angemessen berücksichtigt, und in dieser Beobachtung steckt Potenzial.

Denn genaugenommen begnügt sich Singer mit der Widerlegung von Argumenten zur Wahrscheinlichkeit der Entwicklung und zur Einmaligkeit des genetischen Codes. Im Übrigen geht er mit dem Potenzial eines Embryonen, zur „Person“ zu werden, wie mit einem Lottoschein um.

Vielleicht liegt es an der Momentaufnahme: Es kann sein, dass ein Embryo zum Zeitpunkt X die von Singer geforderten Personeneigenschaften nicht besitzt und dass seine statistische Chance, sie zu erwerben, gering genug ist, um dem Embryonen den vollen Schutz der Menschenrechte zu verweigern.

Aber kein Mensch existiert nur in einem Moment. Unser Leben ist von Anfang an ein Prozess. Das heißt: Wenn wir ein Bild betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass es ein Ausschnitt aus einem abendfüllenden Film ist.

Es ist nicht in erster Linie eine Frage der Wahrscheinlichkeit, ob aus einem Embryonen ein Baby und später ein erwachsener Mensch wird: Es ist eine Frage des bereits laufenden Prozesses, in dessen Verlauf standardmäßig eine Person entsteht. Und es ist ein Unterschied, ob man Ergebnisse vergleicht oder Prozesse in verschiedenen Stadien ihres Ablaufs.

Auch mit dieser Erweiterung des Singerschen Personenbegriffs (die Singer sich erst noch zu Eigen machen müsste) bliebe eine Lücke zwischen der präferenzutilitaristischen und der christlichen Sicht. Aber sie ist viel kleiner, als Lebensrechtler fürchten und Abtreibungsfans glauben – so klein, dass zwischen der christlichen Forderung, jeden Menschen von der Empfängnis an zu schützen, und der präferenzutilitaristischen Zulässigkeit der Tötung oder zumindest Nichtrettung eines Menschen ohne Personeneigenschaft in der Praxis gar kein Unterschied mehr zu bleiben braucht. Denn wenn man wirklich sicher sein will, dass ein bestimmter Mensch gar keine Chance hat, sich zur Person zu entwickeln, dann gibt man ihm wenigstens eine.

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Integration: Nicht alle Muslime sind gleich

Harald Stollmeier am 18. März 2011

„Die Deutschen sind keine Rassisten“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und in Wirklichkeit ist es für Einwanderer ganz einfach, mit ihnen in Frieden zu leben: Man muss sich unauffällig kleiden, man muss einigermaßen gut Deutsch sprechen, und man muss sich an ein paar einfache Regeln halten. Die wichtigste davon heißt: Nicht laut reden.“

Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wie viele Afrikaner ist er Muslim – und sieht darin keinen Widerspruch zu Menschenrechten, Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben. „Im Koran steht ausdrücklich“ sagt Dr. Kangoum, „wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit. Das finden Sie in der fünften Sure. Wer sich zur Rechtfertigung von Gewalt auf den Koran beruft, tut Unrecht.“

Für Islamisten hat Dr. Kangoum nicht viel übrig – schon allein wegen der schrecklichen Dinge, die sein Volk von der islamistischen Diktatur in Khartum erdulden muss –, und die beste aller Welten ist die islamische Welt von heute für ihn nicht. Als Vorsitzender des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschand engagiert er sich seit Jahren für eine bessere medizinische Versorgung von Afrikanern in Afrika und Europa. Dazu gehört die Bekämpfung der oft fälschlich mit dem Islam begründeten Genitalverstümmelung von Mädchen. Kritik an Missständen findet Dr. Kangoum berechtigt.

„Aber es beginnt mir auf die Nerven zu gehen“, sagt er, „dass ich als Muslim immer mehr unter Rechtfertigungsdruck stehe und dass immer mehr Menschen in Deutschland den Islam mit Barbarei gleichsetzen. Das ist trotz der vielen schlechten Nachrichten aus der islamischen Welt ein großes Unrecht. Muslime gehören zu einer Kultur, die der abendländischen lange überlegen war und schon vor über 1000 Jahren den Grundstein für die Naturwissenschaften von heute legte. Selbst unter gebildeten Europäern wissen nicht viele, was die Welt muslimischen Forschern wie al-Chwarizmi, Ibn Sina und Ibn Rushd verdankt. Und auch wenn das lange her ist, gehört es zu einem vollständigen Bild des Islam unbedingt dazu.“

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Als Abdelmoula Kangoum nach Deutschland kam, war er ein Exot – ein willkommener Exot. „Es ist oft vorgekommen“, erinnert er sich, „dass ich in der Gaststätte mein Abendessen bezahlen wollte und der Kellner zu mir sagte: Die Menschen an dem Tisch dort haben für Sie bezahlt.“ Noch heute fühlt er sich in Deutschland wohl, wird regelmäßig freundlich gegrüßt und angelächelt. Sorgen macht er sich um die Afrikaner, die unter oft abenteuerlichen Bedingungen nach Deutschland kommen und dann, zum Teil illegal, unter erbärmlichen Bedingungen leben.

„Diese Menschen haben es schon schwer genug“, sagt er, „auch ohne dass die Regierungschefin dieses Landes sich den Kampfbegriff Multikulti zu eigen macht. Mit der Aussage „Multikulti ist gescheitert“ ruft sie ja nicht zu mehr Differenzierung auf, sondern sie ermutigt Abgrenzung und Feindseligkeit. Dabei gewinnen auch die Deutschen nicht. Natürlich darf Deutschland von seinen Einwanderern Integrationsbereitschaft verlangen.

Aber die Einwanderer sind darauf angewiesen, dass man sie als Individuen ernst nimmt, anstatt ihnen mit Schubladendenken zu begegnen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist eine wichtige Eigenschaft, aber man darf Menschen nicht darauf reduzieren. Ein Freund von mir ist ein gutes Beispiel dafür, wie kontraproduktiv das sein kann: Als er nach Deutschland kam, trank er Whiskey, flirtete mit Frauen und war in religiösen Dingen tolerant. Aber man akzeptierte nicht, dass er so war, fragte ihn immer wieder, ob er nicht als Muslim anders sein müsse. Heute ist mein Freund ein strenggläubiger Muslim, der es mit den Geboten sehr genau nimmt.“

Moralblog veröffentlicht einen Aufsatz von Abdelmoula Kangoum über den muslimischen Beitrag zur modernen Wissenschaft.

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Hochkultur Islam

Harald Stollmeier am 18. März 2011

Eine Stellungnahme von Abdelmoula Kangoum

Dr. Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wenn man die täglichen Nachrichten schaut oder in Zeitungen liest, die über das niemals endende Elend und die Gewalt in der islamischen Welt berichten, ist es kein Wunder dass viele Menschen in Westen die Kultur dieser Länder als rückständig betrachten und ihre Religion im besten Fall als konservativ bezeichnen, diese jedoch häufig als gewaltbereit und extremistisch einordnen.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass die westlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Welt Dank schulden. Ich nenne ein paar Beispiele:

Im 8. Jahrhundert, als sich Europa noch im dunklen Mittelalter befand, erstreckte sich das islamische Reich der Abbassiden über ein Gebiet, welches den Mittleren Osten, Gross-Persien, Teile Afrikas und Spaniens umfasste. Dieses Reich war so mächtig und einflussreich, dass während seiner 700-jährigen Dauer arabisch – die Sprache des Korans – internationale Wissenschaftssprache war.

Der bekannteste Herrscher Bagdads  Abu Jaafar al-Mamun (786 –833) halb Araber, halb Perser, der von 813 bis zu seinem Tod im Jahr 833 regierte, war der Kalif, dem es beschieden war, zu dem größten Unterstutzer der Wissenschaften zu werden; er war auch derjenige eine Periode der  Forschung und Gelehrsamkeit ermöglichte, wie es sie seit dem antiken Griechenland nicht mehr gegeben hatte.

Unter al-Mamuns Schirmherrschaft und im damals vorherrschenden Geiste der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen, die er förderte, kamen viele Gelehrte aus allen Teilen des Reiches nach Bagdad. Er schickte Boten in den entferntesten Teil der Welt, um alte wissenschaftliche Texte zu sammeln .Von den Herrschern besiegter Länder verlangte er als Tribut lieber Bücher als Gold. Die so von ihm geschaffene Institution „Bayt al Hikma“, Haus der Weisheit, wurde als erste Akademie der Wissenschaft in der ganzen Welt bekannt.

In den Büchern, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigen, findet man nur die großen Leistungen der griechischen Antike und die ihr folgende europäische Renaissance mit Namen wie Kopernikus und Galileo im 16. Jahrhundert. Aber die Errungenschaften, die die  muslimischen Wissenschaftler und Philosophen zu ihrer Zeit erreicht haben, sind ebenso bedeutsam wie die der griechischen Antike und der Renaissance.

Der Gelehrte Ibn Sina ( Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker und Astronom), der in Europa als Avicenna bekannt ist, war der größte Arzt des Mittelalters. Sein Kanon der Medizin (Qanun al-Tibb) blieb bis zum 17.Jahrhundert das Standardwerk der Medizin in Europa.

Muhammed ibn Zakariya al-Razi (in Europa bekannt als Razes) führte im 10. Jahrhundert den Gebrauch von Chemikalien wie Kupfer-, Quecksilber- und Arsensalze sowie Kalk, Teer und Alkohol für medizinische Zwecke ein. Damit ist er der Vater der Chemotherapie.

Man hat uns beigebracht, dass der englische Arzt William Harvey im Jahr 1616 als erster die Blutzirkulation korrekt beschrieben hat. Er war jedoch nicht der erste, denn bereits im 13. Jahrhundert hat dies schon der muslimische Arzt Ibn al Nafees dargestellt.

Niemand bezweifelt das Genie eines Kopernikus, der das Zeitalter der modernen Astronomie eingeleitet hat, jedoch ist nicht allgemein bekannt, dass er auf dem aufbaute, was muslimische Astronomen schon einige Jahrhunderte vor ihm entdeckt hatten. Kopernikus entnahm viele seiner Berechnungen dem Werk des Ibn al-Shatir, der im 14. Jahrhundert in Andalusien lebte.

Abu Rayhan Al Biruni (bekannt in Europa als Alberonius) war ein hervorragender Philosoph, Mathematiker, Astronom, Linguist, Historiker, Geograph, Apotheker und Arzt, der in diesen Fachgebieten einen wirklichen Durchbruch erzielte.

Er war einer der ersten Vertreter einer experimentellen Untersuchungsmethode, und hat diese Methode in die Mechanik, Mineralogie, Psychologie, und Astronomie eingeführt. Daher ist er  auch als der Vater der Geologie und Anthropologie zu betrachten.

Newton ist der unbestrittene Vater der modernen Optik. Jedoch stand er auf den Schultern eines geistigen Riesen, der 700 Jahre früher lebte, dies war ohne Zweifel der muslimische Wissenschaftler Ali Hassan Ibn al-Haytham (geb. 965 n.Chr.),  bekannt im Westen als Alhazen, Alhacen, oder Alhazeni. Er war auch der erste Forscher, der nachprüfbare Experimente  einführte, um Hypothesen   überprüfen zu können. Er hat  dadurch die  „wissenschaftliche Methode“ bereits vor mehr als 200 Jahren vor europäischen Gelehrten – die später von ihm gelernt haben -  entwickelt. Ali Hassan Ibn al-Haytham- wird daher als der erste Physiker der Welt und als Vater der modernen wissenschaftlichen Methode betrachtet- lange vor Renaissancegelehrten wie Bacon und Descartes.

Ein anderes Genie war der Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi. Er wirkte in der Zeit von 800 bis 850 . Sein größtes Vermächtnis ist sein außergewöhnliches Buch: „Kitab Hisab al-Jabr w’al Muqäbala“ (Das Buch der Vollziehung). Bekanntermaßen wird ja  das Wort  “Algebra ” aus dem Titel dieses Buches abgeleitet. In diesem Buch beschreibt er als Erste die Regeln und Schritte, wie algebraische Gleichungen zu lösen sind. Algebra ist aus dem arabischen Wort „al-jabr“ abgeleitet. Das Wort Algorithmus leitet sich von der lateinischen Übersetzung  (Algoritmi) seines Namens ab.

Abu Nasr al-Farabi, der im Westen als Alpharabius bekannt ist, hatte ebenfalls  mehrere Jahrhunderte lang großen Einfluss auf die Wissenschaft und Philosophie. Im weltweiten Ansehen rangierte er direkt nach Aristoteles (Darauf wies auch sein Titel  “der Zweite Lehrer” hin). Seine Arbeit zielte auf die Synthese zwischen Philosophie und Sufismus ab. Er setzte die Islamisierung der griechischen Philosophie fort und die auf ihn folgenden Fackelträger waren zwei Männer, die in Europa großes Ansehen erreichten und viele Renaissancedenker nachhaltig beeinflussten. Dies waren Ibn Sina (980-1037) und Ibn Rushd (1126-1198),  die in Europa den meisten Menschen unter ihren latinisierten Namen vertrauter sind: Avicenna und Averroës.

Abu Uthman al-Jahith, der afro-arabische Zoologe, entwickelte im 8. Jahrhundert eine rudimentäre Theorie der natürlichen Auslese – und zwar eintausend Jahre vor Darwin. In seinem Werk Kitab al-HayawanDas Buch der Tiere“ führt  Jahith seine Gedanken aus, wie Umweltfaktoren die Eigenschaften der Arten beinflussen können, wie der Zwang zu Anpassung  auf die Tierwelt wirkt,  und wie sie ihre veränderten Charakteristika an die auf sie folgenden Generationen ihrer Art weitergeben.

Die Musa-Brüder, drei schillernde Persönlichkeiten, waren ebenfalls mit dem bereits oben erwähnten Haus der Weisheit verbunden.

Mohammad, dem Ältesten, sagt man nach dass er der erste war, der annahm, dass Himmelskörper wie der Mond und die Planeten denselben Gesetzen der Physik unterworfen waren, die auch auf der Erde vorherrschten. Diese Erkenntnis markierte einen klaren  Bruch gegenüber dem bis dahin anerkannten Aristotelischen Bild des Weltalls. Mohammad Musas Buch über die Bewegung der Himmelskörper gibt seine Gedanken und Vorstellungen über diese Kräfte wieder, obwohl sie noch nicht so umfassend waren wie die späteren Gesetze Newtons. Die Brüder sind wahrscheinlich eher für ihre großartigen Erfindungen im Bereich der Technik bekannt. Ihr berühmtestes Werk war ihr Buch „von den Genialen Geräten“ (Kitab al-Hiyal), welches im Jahr 850 veröffentlicht wurde.

Das war eine große illustrierte Arbeit, die von mechanischen Geräten, Automaten, Rätsel und magische Tricks handelte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele war eine programmierte Maschine: ein automatisierter Flötenspieler.

Der Nordafrikaner Ibn Khaldun (1332-1406) ist der Begründer mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen: Bevölkerungsstatistik, Kultur- und  Sozialgeschichte, Historiographie, Philosophie der Geschichte und Soziologie. Er wird auch von vielen als Wegbereiter der modernen Volkswirtschaft betrachtet. Mit seinem berühmten Buch „Muqaddimah“ (Die Einführung) nahm er bereits viele Elemente der oben genannten Disziplinen vorweg – lange bevor sie in Europa begründet wurden.

Sicherlich hätte diese wissenschaftliche Revolution innerhalb der muslimischen Zivilisation nicht so stattgefunden, hätte es den Islam nicht gegeben. Trotz der Ausbreitung des Christentums während der vorangegangenen Jahrhunderte hat es in der christlichen Welt zu dem frühen Zeitpunkt keine ähnliche Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens gegeben. Der Charakter des Islam zwischen dem Anfang des 9. Jahrhunderts und dem Ende des 11. Jahrhunderts war geprägt von dem Geist des freien Denkens, der Toleranz und des Rationalismus. Das Goldene Zeitalter der Islamischen Wissenschaft verlangsamte  sich nach dem 11. Jahrhundert. Hierfür  war ursächlich die allmähliche Zersplitterung des Abbassidenreiches und das Desinteresse der nachfolgenden Kalifen an Wissenschaft und Forschung.

Warum ist es wichtig, dass wir uns heute diese geschichtlichen Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen?

In Zeiten zunehmender kultureller und religiöser Spannungen, Missverständnisse und Intoleranz sollten Deutschland und das restliche Europa einmal versuchen, die islamische Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Rufer nach “unserer jüdisch-christlichen Zivilisation” übersehen, dass es eine gemeinsame menschliche Zivilisation gibt, zu der die islamische Welt einen wertvollen Beitrag geleistet hat und weiterhin leisten kann.

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Ist ein demokratisches Ägypten wünschenswert?

Harald Stollmeier am 4. Februar 2011

KOMMMENTAR

Der Aufstand in Ägypten lässt keinen von uns kalt. Und fast alle haben wir Sympathie für die Aufständischen angesichts der beinahe unvorstellbaren Armut, in der die Mehrheit der Ägypter lebt. Alle hoffen und viele glauben, dass der Aufstand im Ergebnis gut für die Ägypter ist.

Aber ist er auch gut für uns? Ist er gut für den Frieden in der Region, für den Frieden zwischen den Religionen? Wird am Ende eine ägyptische Demokratie mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung stehen oder eine Islamische Republik Ägypten mit schlimmerer Unterdrückung als zuvor nach innen und militantem Dschihad nach außen? Was sollen wir uns wünschen? Was sollen wir den Ägyptern wünschen? Was soll aus Ägypten werden?

Nichts ist wohlfeiler in diesen Tagen als Kritik an der realpolitischen Praxis des Westens, nichtislamistische Diktaturen zu hofieren, um islamistische Diktaturen zu verhindern. Es ist sogar ein bisschen peinlich, wie schnell sich in der Sprache der Medien der Präsident Mubarak in den Diktator Mubarak verwandelt hat, obwohl die Verfassungswirklichkeit in Ägypten unverändert ist.

Wer jetzt Realismus durch Idealismus ersetzt, fährt den falschen Kurs, auch wenn er die richtigen Werte vertritt. Natürlich haben wir das Recht, uns ein Ägypten zu wünschen, dass mit uns in Frieden lebt. Die Israelis haben ein noch größeres Recht, sich das zu wünschen – sie wohnen gleich nebenan.

Andererseits müssen wir den Ägyptern das Recht zugestehen, ihre Verfassung selbst zu bestimmen, jedenfalls wenn wir unsere eigene ernst nehmen. Wenn also die Ägypter eine islamische Republik wollen, mit Scharia und Steinigung, ist das dann nicht ihre Sache? Müssten wir nicht sogar, frei nach Voltaires Diktum „Ich lehne Deine Meinung ab, aber ich werde Dein Recht, sie zu äußern, bis in den Tod verteidigen“ aktiv dafür eintreten, dass die Ägypter ihren Willen auch bekommen? Müssen wir? Nein.

Denn die Demokratie ist zwar ein hohes Gut. Das höchste Gut ist sie für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aber nicht. Das Grundgesetz schließt seine eigene Abschaffung durch Mehrheitsbeschluss ausdrücklich aus, jedenfalls im Kernbereich der Grundrechte und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Das heißt: Nicht die Demokratie ist für uns im Zweifelsfall unabdingbar. Unabdingbar, „alternativlos“ sind für uns vielmehr die Menschenrechte.

Alle Menschen sind gleich viel wert, ungeachtet solcher Faktoren wie Geschlecht, Rasse oder Religion, eigentlich ungeachtet aller Faktoren. So sieht es das Grundgesetz, und die Werte, zu denen es sich damit bekennt, sind allgemeingültig. Sie gelten auf der ganzen Welt und folglich auch in Ägypten. Deshalb haben die Ägypter in der Tat genau wie wir das Recht, ihre Verfassung selbst zu bestimmen. Aber unseren Beifall können sie dafür nur unter einer Bedingung verlangen: In dieser Verfassung sind alle Menschen gleich viel wert.

Eine solche Verfassung wäre natürlich keine Friedensgarantie. Aber zumindest Glaubenskriege und Ähnliches würde sie weder nach innen noch nach außen rechtfertigen. Eine solche Verfassung wünsche ich den Ägyptern und den Menschen, die in Ägypten leben – allen.

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Unplanned – Vom bemerkenswerten Sinneswandel der Abby J.

Caroline Stollmeier am 1. Februar 2011

Sie leitet eine Abtreibungsklinik, um Frauen zu helfen. Eines Tages assistiert sie zufällig bei einer ultraschallüberwachten Abtreibung. An diesem Tag wird ihr klar, dass sie auf der „falschen Seite des Zaunes“ steht.

In „Unplanned“ erzählt Abby Johnson ihre eigene Geschichte, die sicher jeden – egal ob pro-choice oder pro-life – beeindrucken muss.

Als Studentin in Texas arbeitet sie ehrenamtlich für Planned Parenthood, eine Organisation, die übrigens mit pro familia Deutschland verwandt ist. An „Abtreibungstagen“ muss Abby Frauen vom Parkplatz in die Klinik geleiten. Das geschieht, damit diese möglichst unbehelligt an den Pro-Life-Aktivisten vorbei kommen, die regelmäßig vor der Klinik beten, mahnen und ihre Hilfe anbieten.

Nach ihrem Studium macht Abby Karriere bei Planned Parenthood. Sie wird innerhalb weniger Jahre zur Leiterin der Klinik, in der sie bereits als Studentin im Einsatz war, und zur Mitarbeiterin des Jahres. Sie fühlt sich wohl mit der Gewissheit, Frauen durch Aufklärung, Beratung und das Bereitstellen von Verhütungsmitteln vor ungewollten Schwangerschaften schützen zu können. Immerhin hatte man ihr auch zu Beginn ihrer Tätigkeit gesagt: „Planned Paranthood ist dafür da, die Abtreibungszahlen zu senken.“

Als Klinikleiterin ist Abby nicht nur für die Motivation des Personals und die gute interne Organisation zuständig, sondern auch für die Bilanz. Und die sieht zunehmend schlecht aus, da Abby Aufklärungsarbeit anstatt Abtreibungen fördert, wie sie es für selbstverständlich hält. Aber so kann man eben kein Geld verdienen. Und ihre Vorgesetzten sagen zu ihr: „Du musst deine Prioritäten klären“, und meinen damit, dass sie für mehr Abtreibungen in ihrer Klinik sorgen soll. Ihren Standpunkt fassen sie zusammen: „Abby, nonprofit is a tax status, not a business status.“

Und dann kommt der Tag, an dem Abby zufällig während einer Abtreibung das Ultraschallgerät bedienen soll. Und was sie da sieht, macht ihr erstmals vollends bewusst, was bei einer Abtreibung wirklich geschieht. Unzählige Male hat sie Frauen bei ihrer Entscheidung zwischen Mutterwerden, Adoption und Schwangerschaftsabbruch geholfen, hat Abtreibungstermine koordiniert und, wie ihr wieder klar wird, zwei ihrer eigenen Babys vor der Geburt getötet.

Es ist eben nicht nur ein „Fötus“, der da stirbt, sondern ein Kind. Und Abby beschreibt eindrucksvoll wie schon die gezielte Wortwahl, auf die Planned Parenthood großen Wert legt, das wahre Geschehen verharmlosen und das Gewissen überlisten kann.

Mehr oder weniger Hals über Kopf kündigt sie wenige Tage später ihren Job und wechselt – zunächst heimlich – in das Pro-Life-Lager. Planned Parenthood versucht gerichtliche Schritte, die aber im Sande verlaufen. Erschreckender ist für sie, wie sich vermeintliche Freunde verhalten, die sich nämlich plötzlich von ihr zurückziehen oder gar gegen sie sind. Gleichzeitig versteht sie, dass die Leute auf der anderen Seite des Klinikzauns sie trotz ihrer gegensätzlichen Positionen in der Abtreibungsfrage stets geschätzt haben und nun verlässliche Partner sind.

Abbys Weg war und ist kein einfacher. Über ihre Zeit bei Planned Parenthood sagt sie: „Right reasons, wrong choices.“ Am Ende jedoch hat die Wahrheit gesiegt.

 

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(Foto: Abby Johnson)

Johnson, Abby: Unplanned: The Dramatic True Story of a Former Planned Parenthood Leader’s Eye-Opening Journey across the Life Line, Salt River, 2010.

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Denkmal für Ungeborene

Harald Stollmeier am 15. Januar 2011

Denkmäler für Fürsten, Krieger und Politiker gibt es zuhauf. Mahnmale für die Opfer staatlichen Unrechts gibt es zumindest in Deutschland. Denkmäler für ungeborene Kinder muss man lange suchen. Eines steht seit Oktober 2010 in Jerusalem. Aufgestellt hat es ein deutscher Franziskaner.

“Mortem obiit prae nativitate“ – frei übersetzt: „Vor der Geburt gestorben.” So lautet die Inschrift des Denkmals an der Kirche Dominus flevit auf dem Ölberg in Jerusalem. “Dominus flevit” heißt “der Herr weinte” – an dieser Stelle soll Christus geweint haben, als er die Zerstörung Jerusalems voraussagte (Lukas 19, 41-44). Die tränenförmige Kirche aus dem Jahr 1955 steht auf den Fundamenten einer byzantinischen Kirche aus dem sechsten Jahrhundert. Sie gehört dem Franziskanerorden.

Foto: P. Robert Jauch OFM

“Das Denkmal schmückt tatsächlich das Grab eines im Mutterleib gestorbenen Kindes, einer sogenannten Fehlgeburt”, berichtet Pater Robert Jauch OFM, von 2007 bis 2010 Hüter der Kirche Dominus flevit, “wir konnten auf Wunsch der Eltern die Bestattung des Kindes ermöglichen – ähnlich wie in Deutschland enden totgeborene Kinder unter 500 Gramm Körpergewicht auch in Israel sehr oft im Klinikabfall.” 

Foto: P. Robert Jauch OFM

(Fotos: P. Robert Jauch OFM)

Das Denkmal auf dem Grab hat die Form einer abgebrochenen Säule. Wie das Leben der ungeboren verstorbenen Kinder ist sie zu kurz. “Das Denkmal gilt allen Kindern, die vor ihrer Geburt gestorben sind”, sagt Pater Robert, “aber ganz besonders gilt es den unzähligen Opfern von Schwangerschaftsabbrüchen. Viel zu oft wird vergessen, dass diese Kinder genauso Menschen sind wie alle anderen, für die wir auf den Friedhöfen beten. Also beten wir auch für sie.”

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Bistum Essen: Integration durch Einladung

Harald Stollmeier am 16. Dezember 2010

Gehört der Islam zu Deutschland? Das darf diskutiert werden, je nachdem, was dabei mit dem Islam gemeint ist. Die vier Millionen Muslime aber, die in Deutschland leben – sie gehören auf jeden Fall dazu. Und immer mehr Deutsche mit mehr oder weniger christlicher Prägung erleben sie als Nachbarn. Ob Integration gelingt oder nicht, das geht auf Dauer alle an.

„Integration funktioniert nicht nur durch Forderungen an die Einwanderer“, sagt Volker Meißner, Referent des Bistums Essen für Migration, Integration und interreligiösen Dialog, „sondern auch durch aktive Leistungen unserer Gesellschaft. Wir in der Kirche nehmen diese Aufgabe ernst – und sie begegnet uns ständig im eigenen Haus, zum Beispiel wenn muslimische Kinder katholische Kindergärten besuchen oder muslimische Patienten in katholischen Krankenhäusern behandelt, in Einrichtungen der Caritas beraten werden.“

Das Bistum Essen schult deshalb regelmäßig Beschäftigte im Umgang mit Menschen anderer Religion. Die Regeln sind dabei einheitlich, unabhängig von der Religion des Betreffenden, wobei es in der Praxis fast ausschließlich um Muslime geht. Grundlage des Vorgehens ist ein Konzilsdokument.

In seiner Erklärung Nostra Aetate hat das Zweite Vatikanische Konzil das Wahre und Gute in den anderen Religionen als Grundlage für brüderliche Zusammenarbeit anerkannt und ausdrücklich jede Diskriminierung auch aus religiösen Gründen verworfen. Von den Muslimen beispielsweise spricht das Dokument „mit Hochachtung.“

Heißt das nun, dass alle Religionen gleichwertig sind und folglich, dass es auf die Unterschiede nicht mehr ankommt? „Keineswegs“, sagt Volker Meißner, „Voraussetzung für den interreligiösen Dialog ist die Treue zum eigenen Glauben. Für Christen heißt dies, dass sich Gott auf unüberbietbare Weise in Jesus Christus offenbart hat und dass wir ihn als Erlöser bekennen und verkünden. Aber jede Verkündigung, jede Mission hat die Glaubensfreiheit des einzelnen Menschen zu achten. Und sie hat zu berücksichtigen, dass Juden und Muslime aus kirchlicher Sicht mit uns den einen Gott anbeten, wie es ebenfalls das Konzil formuliert.“  Es gibt also beides: Grundlegende Gemeinsamkeiten im Glauben an den einen Gott und unüberbrückbare Unterschiede im Gottesbild. Was das für Konsequenzen hat, zeigt das Modell des Friedensgebets von Assisi, wie es Papst Johannes Paul II. entwickelt hat: Die verschiedenen Glaubensgemeinschaften beten dort in einem gemeinsamen Raum aber sie sprechen die Gebete nicht gemeinsam, sondern jeder betet nacheinander mit Formulierungen aus seiner Tradition.

„Wenn wir zum Beispiel zu einen Friedensgebet der Religionen einladen“, erläutert Meißner, „dann beten wir nicht alle miteinander erst ein Vaterunser, dann das Schma’ Israel und dann die Fatiha. Sondern wir hören gemeinsam zuerst eine christliche Lesung, und die Christen sprechen ein christliches Gebet, dann folgt eine jüdische Lesung, und die Juden sprechen ein jüdisches Gebet, und schließlich eine muslimische Lesung, nach der die Muslime ein muslimisches Gebet sprechen. Das schließt ein, dass der katholische Geistliche bei einer solchen Gelegenheit nicht etwa harmonieversessen auf Lesungen verzichtet, in denen spezifisch Christliches zum Ausdruck kommt, und natürlich auch nicht etwa beim Gebet die trinitarische Formel weglässt.“

Ist ein solcher Umgang mit anderen Religionen nicht trotzdem zu defensiv? Müsste man nicht stärker missionieren? “Den christlichen Glauben  bezeugen wir ja gerade in der Begegnung, im Dialog mit Gläubigen anderer Religionen”, sagt Volker Meißner, der im übrigen auf eine Stelle im ersten Petrusbrief verweist, wo es heißt: “Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt” (1 Petr 3,15). Die den Christen aufgetragene missionarische Haltung bedeutet seiner Meinung nach  weder feindselig noch aufdringlich zu sein. Wenn sich Muslime für den christlichen Glauben interessieren, dann  stehen vor einer Taufe sicher zahlreiche persönliche Gespräche und eine gründliche Einführung in das Christentum. Solche Gespräche mit einem Muslimen schließen selbstverständlich den Hinweis ein, dass er beim Empfang der Taufe zwar nicht mit Lebensgefahr, eventuell aber mit Ablehnung im Familien- und Freundeskreis rechnen muss.

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Klare Linie, klare Sprache

Harald Stollmeier am 11. November 2010

Buchbesprechung: Josef Spindelböck, Christlich glauben und leben. Ein Leitfaden der katholischen Moral

Spindelböck: Christlich glauben und leben

Wie soll ein Christ sein Leben gestalten? Josef Spindelböcks neues Buch beantwortet diese Frage umfassend, gründlich und präzise, und das auf nur 110 Seiten einschließlich Literaturverzeichnis. Die erste Hälfte des Buches erklärt die Grundlagen der christlichen Moral, die zweite Hälfte macht ihre Konsequenzen für den Einzelnen und die Gesellschaft anhand der Zehn Gebote deutlich. In stets verständlicher Sprache beweist der Autor dabei, dass die katholische Moral nicht nur jeden angeht sondern auch für grundsätzlich jeden anwendbar ist.

Josef Spindelböck, Priester der Diözese St. Pölten und ordentlicher Professor für Moraltheologie, deckt dabei immer wieder überraschende Konsequenzen der Gebote auf, die allesamt nicht nur heute noch gültig sind sondern auch alles andere als weltfremd. So schließt das fünfte Gebot, „Du sollst nicht töten“, neben dem vollen Schutz ungeborener Menschen auch den Schutz von Tieren und Pflanzen ein, und das siebte und das zehnte Gebot, die Spindelböck zusammen bespricht, schützen nicht nur den Besitzenden vor Diebstahl sondern auch den Arbeiter vor Ausbeutung. 

Dieses Buch bietet, was immer noch viele Menschen von der katholischen Kirche erwarten: Orientierung. Die Klarheit der Sprache dient der Klarheit der Botschaft, und diese unterscheidet nicht zwischen populär und elitär sondern zwischen richtig und falsch. „Die christliche Ethik sagt ein großes ‚Ja’ zum Menschen und seiner Würde. Um dieses ‚Ja’ zu schützen, braucht es auch verschiedene kleine ‚Nein’ zu Einstellungen und Verhaltensweisen, die eben dieses ‚Ja’ in Frage stellen würden“(S. 11).

In Fragen der Lehre macht der Autor keine Kompromisse: Bestimmte Handlungen sind, wenn auch in unterschiedlicher Weise, gemäß katholischer Lehre objektiv schwere Sünden, nicht nur Mord, sondern zum Beispiel auch Ehebruch. Liegen die klare Erkenntnis der Sündhaftigkeit und die volle Freiwilligkeit vor, handelt es sich um „Todsünden“. Doch auch diese kann und will Gott vergeben, echte Reue als Abwendung vom Bösen vorausgesetzt. Die Kirche hilft vor allem durch das Bußsakrament bei der Umkehr zu Gott. Diese Hilfe gilt allen Sündern, und damit allen Menschen ohne Ausnahme, denn, so Spindelböck, „außer von Jesus Christus selbst […] und der seligsten Jungfrau Maria […] kann von niemand gesagt werden, er sei ohne Sünde“ (S. 53/54). 

Josef Spindelböcks nützliches Buch Christlich glauben und leben ist 2010 im Verlag St. Josef, Kleinhain, erschienen und kostet 8,90 Euro. Wert ist es mehr.

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Anders geht es auch

Caroline Stollmeier am 1. September 2010

 

In Amazonien, im Bundestaat Pará im Norden Brasiliens, liegt die kleine Gemeinde Alenquer. Dort traf Moralblog Pater Manuel Lopes Rodrigues (SVD), um mit ihm über eines der größten gesellschaftlichen Probleme der Region zu sprechen: ungewollte Schwangerschaften.

Etwa die Hälfte der Menschen in Pater Manuels Gemeinde leben nicht in der Stadt, sondern teilweise mehrere Tagesreisen über die Flüsse von ihr entfernt. Insbesondere diese Menschen sind es, von denen er spricht.

 

Pater Manuel (SVD)

Pater Manuel (SVD), Foto: Caroline Stollmeier

„Dass Mädchen früh schwanger werden ist natürlich und erstmal kein Problem. Das Problem entsteht, weil fast niemand heiratet, sondern die Partnerschaften oft wechseln. Daraus resultieren viele Schwierigkeiten. Beispielsweise wollen Söhne sich von ihren Stiefvätern nichts sagen lassen. Oder die Männer schlafen mit ihren Stieftöchtern. Es wird offen damit umgegangen, dass es keine leibliche Beziehung zwischen Vätern und Kindern gibt. Obwohl fast alle getauft sind, glauben die Menschen, dass heiraten Unglück bringt.“, berichtet Pater Manuel.

Auf die Frage nach Verhütungsmitteln bricht Pater Manuel spontan in Lachen aus: „Machen Sie Witze?! Selbst die Kirche verteilt hier bei uns Kondome, aber niemand benutzt sie.“

Trotzdem sind Schwangerschaftsabbrüche in Alenquer kein Thema. „Es gibt keine Abtreibungen.“, sagt Pater Manuel, „Nur reiche Leute könnten ihre Mädchen nach Manaus schicken.“ Aber davon gibt es nicht viele. „Die Großmütter nehmen die Kinder auf und ziehen sie groß – so gut es eben geht.“, so Pater Manuel. 

Pater Manuel arbeitet in einem von Missionsschwestern geführten Hospital, in dem es ein Haus für werdende Mütter gibt. Dort können Schwangere die letzten Wochen vor der Geburt ihres Kindes verbringen, alle Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen und den verantwortungsbewussten Umgang mit einem Neugeborenen erlernen, bevor sie die Stadt wieder verlassen. Kostenlos.

 

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

(Das Gespräch mit Pater Manuel führte Caroline Stollmeier am 8. Juni 2010.)

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Darf man Diktatoren töten?

Harald Stollmeier am 20. Juli 2010

Interview mit dem Moraltheologen Prof. Dr. Josef Spindelböck

Josef Spindelböck , geboren 1964, ist Priester und Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten sowie Gastprofessor für Moraltheologie und Ethik am Internationalen Theologischen Institut (ITI) Trumau. Er  studierte Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Stift Heiligenkreuz, promovierte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und habilitierte sich 2004 an der Katholischen Universität Lublin. Er ist Mitglied der Gemeinschaft vom heiligen Josef und Vorstandsmitglied der Johannes-Messner-Gesellschaft.

Moralblog: Herr Professor Spindelböck, ist Tyrannenmord ein Verbrechen oder eine Heldentat?

Josef Spindelböck: Ein Mord ist immer ein Verbrechen, egal gegen wen er sich richtet.
Worauf Ihre Frage jedoch abzielt, das ist die mögliche Erlaubtheit einer Tyrannentötung. Das muss tatsächlich diskutiert werden. Es handelt sich um ein Problem im Kontext des sowohl rechtlich als auch ethisch zu behandelnden Widerstandsrechts. Die Legitimität zum Widerstand gegenüber einem staatlichen Unrechtssystem wird von der christlichen Ethik grundsätzlich anerkannt.

Moralblog: Aber nur der gewaltlose Widerstand?

Josef Spindelböck: Primär geht es zuerst um Gehorsamsverweigerung gegenüber ungerechten Befehlen oder Gesetzen und in der Folge um einen organisierten gewaltlosen Widerstand, sofern ein solcher möglich und Erfolg versprechend ist. Dieser entspricht seiner Natur nach besser den Grundsätzen der christlichen Ethik und dem dahinter stehenden Menschenbild. In einem besonderen Fall und entsprechend bestimmten Kriterien ist jedoch auch ein aktiv-gewaltsamer Widerstand zulässig.

Moralblog: Was sind das für Kriterien?

Josef Spindelböck: Diese leiten sich ab sowohl aus dem natürlichen Sittengesetz als auch aus der sittlichen Weisung der Heiligen Schrift, wie sie von der kirchlichen Tradition und dem Lehramt der Kirche interpretiert wird. Primär geht es darum, dass dieser gewaltsame Widerstand ein Akt der gemeinsamen Notwehr sein muss. Es muss also wirklich ein schweres Unrecht vorliegen, das vonseiten der Träger der Staatsgewalt über eine längere Zeit hin ausgeübt wird und auf andere Weise nicht behebbar ist. Außerdem muss wirkliche Aussicht auf Erfolg bestehen, und die voraussichtlichen Schäden eines solchen gewaltsamen Widerstands dürfen nicht größer sein als das zu behebende Übel. All dies soll gemäß christlicher Vorgabe nicht in einem Geist des Hasses und der Rache geschehen, sondern motiviert vom „Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit“ und letztlich inspiriert von sozialer Liebe in echter Sorge und Verantwortung für das Gemeinwohl.

Moralblog: Hitler hätte man also töten dürfen?

Josef Spindelböck: Verantwortliche Personen haben dies, nach ausführlicher Analyse und kompetenter Beratung, so gesehen und darum das Attentat auf ihn durchgeführt (20. Juli 1944). Der Diktator wurde hier als Aggressor gegen das Gemeinwohl wahrgenommen, der schlimmstes Unheil über das deutsche Volk und die anderen Nationen brachte. Dem musste man gegensteuern. Da eine Ablöse auf demokratischem Weg nicht möglich war, schien es dieser Verschwörergruppe um Graf Stauffenberg als „ultima ratio“, also gleichsam als letzter Ausweg, gerechtfertigt, hier gewaltsam den Diktator auszuschalten, was dann leider misslungen ist. Aber im Prinzip war es – so scheint es auch mir – gerechtfertigt!
In einem demokratischen Staatswesen gibt es Gottseidank gegenüber Unrecht andere Wege, die zu beschreiten sind, um es zu beheben.

Moralblog: Indem man zum Beispiel demonstriert?

Josef Spindelböck: Das ist in einem freiheitlichen Rechtsstaat eine legitime Möglichkeit der Meinungsäußerung, die jedoch in Diktaturen und totalitären Systemen stark eingeschränkt oder ganz aufgehoben ist. Der reguläre Weg der Beeinflussung des politischen und sozialen Lebens ist die Wahrnehmung der politischen Verantwortung in Form der demokratischen Mitbestimmung und Mitarbeit, je nach den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten.

Moralblog: Wenn in einem demokratischen System gewaltfreie Aktionen des Protestes nichts nützen, darf man dann auch zur Waffe greifen?

Josef Spindelböck: Nein, keineswegs: Ein Rechtsstaat, wie es ja eine Demokratie sein sollte, ist grundlegend von einer Diktatur oder einem totalitären System zu unterscheiden. Eine gewaltsame Erhebung käme einem revolutionären Umsturz einer an sich gerechten Ordnung gleich. Und solange die Ordnung an sich gerecht ist, müssen auch konkret schwere Verletzungen der Gerechtigkeit ohne Gewalt und Umsturz behoben werden. Es gibt viele Wege, sich für das Gemeinwohl und die Verwirklichung des Guten einzusetzen. Manche Übel können wir jedoch nicht sofort beheben, so wünschenswert dies auch wäre.

Moralblog: Bleibt einem da nur zu beten?

Josef Spindelböck: Beten ist immer sinnvoll und wichtig. Die Alternative lautet aber nicht „Handeln“ oder „Beten“, sondern das Gebet soll stets unser Überlegen und Handeln begleiten, damit wir unsere politische und soziale Verantwortung besser wahrnehmen können.

Moralblog: Dürfen Nichtchristen schneller zur Waffe greifen?

Josef Spindelböck: Im Grunde nicht, sofern sie die Dinge richtig sehen. Das Prinzip der Gewaltlosigkeit hat auch unabhängig von der Kenntnis der göttlichen Offenbarung Vorrang, weil mit dem Einsatz von Gewalt zu viel auf dem Spiel steht und die Risiken – ausgenommen bei einer unmittelbar notwendigen Aktion der gewaltsamen Verteidigung – zu hoch sind, insbesondere für unschuldig Betroffene. Als inhaltlicher Orientierungsmaßstab hilft der Verweis auf das „Naturrecht“ als Inbegriff dessen, was dem Menschen sowohl als Bürger als auch als Gesetzgeber im Sinne eines ursprünglichen Gerechtigkeitsbezugs „vorgegeben“ ist.

Moralblog: Das Naturrecht steht aber in keinem Gesetzbuch. Manchmal scheinen geltendes Recht und Naturrecht sogar im Widerspruch miteinander zu stehen. Hat man die Wahl?

Josef Spindelböck: Nicht wenige Rechtsordnungen verstehen sich rechtspositivistisch. D.h. sie gehen von der unzutreffenden Annahme aus, der Mensch wäre letztlich nur sich selbst gegenüber verantwortlich und könne darum innerhalb eines konsistenten Systems das als Recht setzen, was ihm beliebe. Übersehen wird hier, dass es auch Unrecht gibt, das man auf diese Weise legitimieren könnte. Jede „positive“, d.h. menschlich gesatzte Rechtsordnung braucht einen Bezugspunkt in einer „überpositiven“ Ordnung der Gerechtigkeit, welche die Würde der menschlichen Person und das Gemeinwohl schützt. Ich möchte sogar noch etwas weitergehen: Ohne einen Gottesbezug, der nicht nur theoretisch bleiben darf, sondern auch praktisch im Sinne der Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun und Lassen einzulösen ist, wird es auch in der Gesetzgebung und in der Übernahme politischer Verantwortung nicht gehen.

Moralblog: Herr Professor Spindelböck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Buchtipp:
Aktives Widerstandsrecht. Die Problematik der sittlichen Legitimität von Gewalt in der Auseinandersetzung mit ungerechter staatlicher Macht. Eine problemgeschichtlich-prinzipielle Darstellung, EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien 1994

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