Archiv für die Kategorie 'Religion'

Christenverfolgung: Mehr als nur Streit um ein Wort

Harald Stollmeier am 4. Februar 2012

Die Zahl der in Nigeria von der muslimischen Sekte Boko Haram ermordeten Christen ist inzwischen vierstellig. Die Ankündigung der Sekte, alle Christen in Nigeria zu töten, gilt Beobachtern wie dem katholischen Philosophen Josef Bordat als hinreichend, um eine Christenverfolgung zu erkennen. Thomas Seiterich sieht es in Publik-Forum anders: Es gehe um Verteilungskämpfe – die Religion sei nicht die Ursache des Mordens. Deckungsgleich argumentiert Ruprecht Polenz (CDU), immerhin Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages.

Während Seiterich den Boko-Haram-Massenmorden eine Gebetskampagne von Open Doors für Christen in Ägypten gegenüberstellt und den Eindruck begünstigt, er bewerte beides gleich, verdient der Außenpolitiker Polenz, dass man ihn ernst nimmt – und mit ihm sein Argument, das letztlich lautet: Die Bezeichnung „Christenverfolgung“ lenkt von den Ursachen ab.

Bei näherem Hinsehen wird rasch klar: Die Opfer der Morde werden gezielt anhand ihrer Religion ausgewählt. Diese Menschen werden ermordet wegen des Glaubens, den sie mit Josef Bordat, Ruprecht Polenz und Thomas Seiterich gemeinsam haben. Und sie sind unschuldig: Es gibt keine Belege dafür, dass die christlichen Opfer ihrerseits vergleichbare Gewalt angewendet hätten, insbesondere nicht als Angreifer. Insofern ist es zweifellos eine Christenverfolgung.

Der Grund allerdings, aus dem die Mörder zur Waffe greifen, ist wohl nicht religiöser Art. Hinzu kommt, dass Boko Haram auch friedfertige Muslime ermordet. Deshalb ist es sozusagen keine dogmatische Christenverfolgung. Das ist insofern eine gute Nachricht, als man dann, wenigstens langfristig, etwas machen kann. Es ist bedeutsam, ob die Mörder sich zu Recht oder zu Unrecht auf den Koran berufen (in diesem Fall mit Sicherheit zu Unrecht), denn dann haben sie eine Wahl.

„Wenn wir diese schrecklichen Taten auf ihre religiöse Komponente reduzieren“, warnt Ruprecht Polenz im Dialog mit Moralblog, „dann gießen wir Öl ins Feuer, statt den bedrohten Christen zu helfen.“ Gefragt, wie man helfen kann, macht er auf die völkerrechtlichen Voraussetzungen aufmerksam: „Hier ist erstens die Regierung in Nigeria und zweitens die Afrikanische Union gefordert. Effektiver Schutz durch Intervention von außen würde neben einer entsprechenden Anforderung durch die nigerianische Regierung ein Mandat der UN voraussetzen.“

Zugegeben: Man kann nicht einfach ein Kanonenboot hinschicken. Aber man könnte das Gespräch suchen, in diesem Fall zunächst mit der nigerianischen Regierung und der Afrikanischen Union. Nähere Auskünfte gibt Polenz dazu nicht: „Die Bundesregierung legt nicht die Hände in den Schoß. Aber erfolgreiche Außenpolitik ist meistens diskret. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel besucht in diesen Tagen Nairobi. Ich bin sicher, dass er die richtigen Worte findet und auch Konsequenzen deutlich macht.“

Politiker können mehr tun als Normalbürger, gerade deshalb aber dürfen sie oft weniger sagen. Das muss man ihnen zugestehen. Wie ist es aber mit den Normalbürgern selbst, und wie mit Journalisten? Gerade Journalisten verstehen sich ja oft nicht nur als Überbringer von Nachrichten, sondern auch als Erklärer, manchmal gar als Mahner und Warner. Und so ungern sie es hören: Ihr Schreiben hat Folgen. Immer.

Das heißt: Wenn ein Außenpolitiker wie Ruprecht Polenz vor dem Ausdruck „Christenverfolgung“ warnt, kann er dahinter wertvollen Einsatz zugunsten der Verfolgten verbergen. Wenn aber ein Journalist wie Thomas Seiterich, noch dazu in einem christlichen Magazin, die Christen gleichsam zu Mitschuldigen erklärt, dann signalisiert er damit, hoffentlich aus Versehen, dass man diese Glaubensgeschwister im Stich lassen darf.

In einem Punkt hat sogar Thomas Seiterich recht: Es wäre schrecklich, wenn sich Gesellschaft und Normalbürger bei uns durch das Unrecht, das Christen anderswo widerfährt, dazu verleiten ließen, in unserem Lande Muslimen und anderen Andersgläubigen ihrerseits Unrecht zuzufügen.

Was aber können wir christlichen Normalbürger tun? Erstens Briefe schreiben an die Frauen und Männer, die uns in den Parlamenten vertreten. Bundestags- und Landtagsabgeordnete sind daran interessiert, was ihren Wählern wichtig ist. Und wenn genügend Wähler schreiben, dass sie Anteil nehmen am Schicksal der Christen in Nigeria, Ägypten oder Nordkorea, dann wird das auch Politiker ermutigen, sich für diese Christen einzusetzen.

Zweitens beten, und zwar öffentlich. Das ist ernst gemeint,  weil das Gebet nicht nur Ausdruck dessen ist, was wir mit den Verfolgten gemeinsam haben, und nicht nur, weil der barmherzige Gott tatsächlich zuhören wird. Sondern auch, weil volle Kirchen eine Botschaft an die Menschen sind, und der Kirchgang, noch vor einer Generation Ausdruck von Anpassung, zu einer Demonstration des Glaubens, des Mutes und der Individualität geworden ist – und zu einer Demonstration der Solidarität mit den verfolgten Christen werden kann.

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Kirche und Staat: Besser trennen?

Harald Stollmeier am 15. Januar 2012

KOMMENTAR

Vor wenigen Wochen legte Kardinal Meisner dem Bundespräsidenten nahe zurückzutreten. Vor wenigen Tagen erklärte Bundestagspräsident Lammert, der derzeitige Papst stehe einer notwendigen Kirchenreform im Wege. Kein Zweifel: Für beide gilt die Meinungsfreiheit. Beide durften das. Trotzdem finde ich, dass beide Aussagen die Grenze zwischen Kirche und Staat überschreiten.

Nun gut: In der Bundesrepublik Deutschland sind Kirche und Staat nicht sauber getrennt. Auf manchen Gebieten herrscht Partnerschaft, auf anderen Arbeitsteilung. Aber gerade wenn man diese Partnerschaft erhalten möchte, sind alle Beteiligten gut beraten, mit Einmischungen in die Tätigkeit der jeweils anderen Institution sparsam zu sein.

Wenn der Erzbischof von Köln öffentlich, idealerweise in einer Predigt, die deutsche Gesetzgebung zum Schutz ungeborener Kinder als ungenügend kritisiert, dann tut er das nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant der Kirche und Beauftragter Gottes. Und dann ist diese öffentliche Kritik sowohl inhaltlich als auch formal seine Aufgabe, für deren Wahrnehmung ich ihm als katholischer Christ dankbar bin.

Wenn der Bundestagspräsident Papst Benedikt XVI. im Bundestag mit der Anrede „Heiliger Vater“ begrüßt, dann tut er das nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant des Deutschen Bundestages und Beauftragter des deutschen Volkes. Und als Bürger bin ich ihm dankbar für diese Dokumentation guten Benehmens stellvertretend für uns alle .

Wenn der Erzbischof von Köln öffentlich über die Eignung von Christian Wulff für das höchste Staatsamt spricht, tut er das als Wähler? Wenn der Bundestagspräsident öffentlich Kirchenreformen fordert, tut er das als Katholik? Können beide überhaupt als Privatpersonen öffentlich auftreten? Ich glaube nicht. Und deshalb sollten sie bei allem, was sie öffentlich tun, das Ende bedenken. Und beide können weder einen Staat wollen, dem die Kirche das Oberhaupt vorschreibt, noch eine Kirche, die sich vom Staat sagen lässt, was sie zu predigen hat.

Lasst uns dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Konsequent.

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Evolutionärer Humanismus: ein tragisches Missverständnis?

Harald Stollmeier am 31. Oktober 2011

Offener Brief an den Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung

Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Salomon,

als katholischer Akademiker setze ich mich mit meinen bescheidenen Kräften dafür ein, unsere Welt humaner zu machen. Als ich anlässlich Ihrer diesjährigen Auszeichnung von Peter Singer und Paola Cavalieri erstmals auf Sie und die Giordano Bruno Stiftung aufmerksam wurde, war ich neugierig und wohlwollend: Wie könnte man auch als gläubiger Katholik anders als wohlwollend auf den Versuch von Menschen ohne Religion reagieren, „trotzdem“ nicht nur persönlich ein anständiges Leben zu führen, sondern darüber hinaus unsere Welt humaner zu machen?

Ich schreibe bewusst „trotzdem“ in Anführungszeichen, damit deutlich wird, dass ich damit nicht meine, Agnostizismus stünde im Widerspruch zu einer ethisch anspruchsvollen Lebensführung. Aber ich meine, dass Menschen, die ein im moralischen Sinne gutes Leben anstreben, obwohl sie sich davon keinen himmlischen Lohn versprechen, dafür großen Respekt verdienen, wie Ehrenamtliche sozusagen, deren intrinsische Motivation höher sein muss als die von Profis – die werden ja dafür bezahlt …

Unglücklicherweise dauerte es nicht lange, bis ich herausfand, dass auch Sie ein „trotzdem“ verwenden, aber wie es scheint ganz ohne Anführungszeichen. Bitte widerlegen Sie mich, wenn ich im Unrecht bin, aber für mich ist eine der Kernaussagen Ihres Buches Manifest des evolutionären Humanismus, dass religiöse Menschen, vor allem katholische Christen, allenfalls trotz ihrer Religion ein anständiges Leben führen können, und Priester, Bischöfe oder gar Päpste überhaupt nicht.

Ich bin überzeugt, dass Sie sich irren, und ich sehe in diesem Irrtum ein tragisches Missverständnis, denn wer eine humanere Welt anstrebt, sollte dabei nicht ausgerechnet die Menschen bekämpfen, die dasselbe wollen.

Zugegeben: Sie sehen diesen Widerspruch nicht, weil Sie sich darauf festgelegt haben, dass die religiösen Menschen im Allgemeinen und die katholischen Christen im Besonderen einer humaneren Welt schlichtweg im Wege stünden.

Sie behaupten, Religion sei vernunftwidrig, weil sie ihre Begründung und ihre Legitimation letztlich außerhalb dieser Welt finde. Sie behaupten zudem, die Bibel selbst beweise, dass Judentum und Christentum in ihrem Kern grausam, tückisch, rassistisch seien, und für alle Fälle erklären Sie noch unter Berufung auf Karlheinz Deschner, man könne die Kirchengeschichte NUR als Kriminalgeschichte lesen.

Fangen wir beim dritten Vorwurf an: Er widerlegt sich durch seine Beschränkung auf das „nur“ beinahe von selbst. Gar so simpel ist nichts auf dieser Welt, nichts Menschliches jedenfalls. Und wie kann man das Christentum in Bausch und Bogen verurteilen, ohne das Handeln von Menschen wie Franz von Assisi, Bartolomé de Las Casas oder Mutter Theresa auch nur zu erwähnen?

Dabei ist es wahr, dass durch Christen und unter Berufung auf das Christentum entsetzliche Verbrechen verübt wurden. Wollen Sie aber für diese Verbrechen das Christentum oder gar Christus verurteilen, dann müssen Sie ein wenig genauer hinschauen.

Sie können sich dabei auf das Werk eines katholischen Historikers und Priesters stützen: Arnold Angenendt sichtet in seinem meines Erachtens epochalen Buch Toleranz und Gewalt die Sünden der Christen und ihrer Kirche(n) ebenso gründlich wie kritisch, und im Gegensatz zu Deschner in dem Bemühen, seinen Forschungsgegenständen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Dabei tritt unter anderem zutage, dass Gewaltanwendung im Namen Christi in einer Welt auftrat, der Gewaltanwendung vertraut war: Genaugenommen sind Ereignisse wie die Hinrichtung der sächsischen Gefangenen in Verden an der Aller oder das Massaker bei der Eroberung Jerusalems im ersten Kreuzzug vor dem Hintergrund dessen, was damals außerdem vorgekommen ist, keineswegs Ausnahmeerscheinungen. Entsetzlich, erschütternd und himmelschreiend sind sie vor allem, wenn man den Maßstab der Botschaft Christi an sie anlegt. Und genau das haben Christen jeweils zeitnah getan.

Es ist nicht gerecht, wenn man jedes von Christen verübte Verbrechen auf ihr Christentum zurückführt, nicht einmal dann, wenn die Täter sozusagen im Hauptberuf Christen waren. Die meist unausgesprochen damit verbundene Unterstellung lautet: Wären diese Menschen keine Christen gewesen, dann hätten sie sich humaner verhalten. Man braucht nicht einmal besonders belesen zu sein, um zu erkennen: Es ist eher umgekehrt. Menschen haben unabhängig von ihrer Religion das Zeug zu solchen Grausamkeiten, und es spricht viel dafür, dass der Einfluss des Christentums meistens mäßigend, ja zivilisierend gewesen ist. Ob er mäßigend genug war, ob die Christen ihren eigenen Maßstäben in der Regel gerecht geworden sind, das ist eine andere Frage, die Angenendt differenziert und ohne Selbstgerechtigkeit beantwortet.

Wollen wir für einen Augenblick Ihre strengen Maßstäbe an die Aufklärung und ihre Protagonisten in der Französischen Revolution anlegen? Wollen wir neben den insgesamt 97 zwischen 1540 und 1800 wegen direkter Glaubensvergehen von der römischen Inquisition (Angenendt S. 285) und den insgesamt ungefähr 6 000 von der spanischen Inquisition (Angenendt S. 283) zum Tode verurteilten Menschen für einen Augenblick an die 50 000 Menschen denken, die allein von 1792 bis 1794 in Frankreich hingerichtet wurden, oder an die über 100 000 Menschen, die während dieser Zeit den Massakern der Revolutionskommissare zum Opfer fielen (Angenendt S. 69)? Es ist ja nicht so,  dass die Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Ihrer Weltanschauung eine Nebenrolle spielte. Die historische Gründlichkeit müsste Ihnen eigentlich gebieten, die Nebenwirkungen der Aufklärung wenigstens beiläufig zu erwähnen.

Dabei meine ich nicht etwa, dass diese Grausamkeiten eine notwendige Folge der Aufklärung gewesen wären; auch in diesen Fällen spricht viel dafür, dass Menschen einfach das Zeug dazu haben. Allerdings wird man wohl sagen dürfen, dass den Revolutionskommissaren vielleicht ein mäßigender Einfluss gefehlt hat.

Sie dagegen, sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Salomon, halten die Bibel selbst für verbrecherisch, und Sie zitieren als Beleg die durch Gott angeordneten ethnischen Säuberungen des Alten Testaments und die Aussagen Christi zum Jüngsten Gericht im Neuen Testament. Christus unterstellen Sie gar ein „jenseitiges Auschwitz“ mit „himmlischer Rampe“ (Manifest S. 51), was unabhängig von der Frage des guten Geschmacks zumindest eine verkürzte Darstellung ist.

Dabei ist nicht einmal Ihre Kritik am Alten Testament gerecht; vor ihrem historischen Hintergrund erscheinen die von Ihnen kritisierten Passagen als mehr oder weniger zeitgemäß; das schließt die Akzeptanz der antiken Sklaverei ein. Sie werden einwenden, dass diese Eroberungsaufträge in Ihren Augen deshalb so besonders verwerflich sind, weil sie ja als direkter Befehl des allmächtigen Gottes gelten. Diese wörtliche Auslegung des Alten Testaments ist unter Christen heute allerdings selten geworden, und aus katholischer Sicht ist sie gar Häresie.

Ein wenig anders sieht es mit dem Neuen Testament aus, denn es überliefert ja in großer Zahl Aussagen von Jesus Christus, dessen göttliche Vollmacht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht. Das heißt: Wörtliche Aussagen von Jesus Christus haben in der Tat hohes Gewicht (womit ich der historisch-kritischen Analyse im Einzelfall nicht vorgreifen will).

Wenn Sie aber vor diesem Hintergrund Anstoß nehmen an der Ankündigung des Jüngsten Gerichts, müssen Sie zweierlei berücksichtigen. Erstens sind das die Gebote, deren Einhaltung Christus zur Voraussetzung für die Erlösung des Einzelnen erklärt. Im zehnten Kapitel des Lukasevangeliums finden Sie diese Gebote auf das Wesentliche verdichtet: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben mit ganzen Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“

Die naheliegende Frage, wer denn dieser Nächste sei, beantwortet Christus direkt anschließend mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das meines Erachtens zur Allgemeinbildung gehört.

Zweitens sollten Sie Ihre kategorische Ablehnung der Vorstellung von einem Jüngsten Gericht selbst überdenken. Diese Vorstellung ist die logische Konsequenz des Glaubens an einen gerechten Gott. Und wenn es auch wahr ist, dass man Menschen mit dem Jüngsten Gericht einschüchtern kann, so ist es doch auch wahr, dass es während des größten Teils der menschlichen Geschichte und noch heute auf dem größten Teil der Erde nicht die Armen und Unterdrückten sondern die Reichen und Mächtigen sind, deren Verhalten mit dieser Einschüchterung gemäßigt wurde und wird – nicht die Unterdrückten fürchten das Jüngste Gericht!

Ihr gewichtigstes Argument gegen Religion lautet: Sie ist vernunftwidrig, unwissenschaftlich, unwahr. Die Vernunftwidrigkeit ergibt sich für Sie aus der Berufung auf eine göttliche Offenbarung. Damit haben Sie insofern Recht, als die Tatsache der Offenbarung nicht falsifizierbar ist und sich einer vernünftigen Diskussion weitgehend entzieht. Sie ist wahr oder falsch, aber sie ist nicht überprüfbar.

Anders steht es mit den Inhalten der Offenbarung: Diese können sehr wohl auf ihre Schlüssigkeit und Plausibilität überprüft werden. Und wenn ein Christ die Gleichwertigkeit aller Menschen mit der biblisch überlieferten Gottesebenbildlichkeit des Menschen begründet, so spricht das keineswegs gegen die Gleichwertigkeit.

Sieht man also von der fehlenden Falsifizierbarkeit ihrer Legitimation ab, ist Religion keineswegs von vornherein vernunftwidrig. In der Argumentation selbst sind katholische Philosophen ebenso überprüfbar wie atheistische, und sie bestehen die Prüfung bemerkenswert oft; die Berufung auf Gott als Deus ex Machina ist in der katholischen Moraltheologie beinahe ebenso verpönt wie in der Astronomie.

Vielleicht sollten Sie sich die aktuellen katholischen Vorstellungen zum Naturrecht noch einmal ansehen, bevor Sie das ganze Konstrukt über Bord werfen. Die Vorstellung, dass ethische Maßstäbe unabhängig von staatlicher Festlegung sind, teilt nicht nur Papst Benedikt XVI.,  sondern auch der religiös unverdächtige Peter Singer.

Papst Benedikt XVI. gehört übrigens nicht erst seit seinem bemerkenswerten Vortrag vor dem Deutschen Bundestag zu den zahlreichen aktenkundigen katholischen Theologen, die regelmäßig in dem von mir skizzierten Sinne vernünftig argumentieren; Sie, sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Salomon, wissen natürlich selbst, wie viele das sind.

Diesem Problem begegnen Sie im Nachwort zu Ihrem Manifest mit einem Kunstgriff, für den Sie von Sir Karl Popper jedenfalls keinen Beifall erwarten können: Wenn ein dezidierter Christ Gutes tut oder auch nur vernünftig bzw. maßvoll argumentiert, dann ist er für Sie eben kein richtiger Christ. In Ihrem Humanismus bestimmen Sie, wer Christ ist.

Wissen Sie denn nicht, dass die Anerkennung der neodarwinistischen Evolutionstheorie als Stand der Wissenschaft für gläubige Katholiken absolut akzeptabel ist?  Der katholische Priester und Philosoph Martin Rhonheimer (noch dazu Mitglied des Opus Dei) hat im Februar 2006 in einem sehr höflichen (und mit dessen Einverständnis veröffentlichten) Brief den Erzbischof von Wien darüber aufgeklärt, nachdem dieser die Evolutionstheorie im Vorjahr scharf kritisiert hatte. Die Lektüre dieses Textes von Rhonheimer lohnt sich übrigens auch wegen seiner Bemerkungen zu möglichen Gottesbeweisen.

Denn auch wenn Religion zumindest in sich keineswegs notwendigerweise vernunftwidrig ist, so bleibt doch die Frage, ob sie in ihren Kernaussagen wahr ist, ein Stachel im Fleisch. Ich kann verstehen, dass Sie die möglichen Belege dafür, dass es vielleicht aber wahr ist (vgl. Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 363 f.), nicht näher untersuchen; diese Aufgabe haben Sie sich ja nicht gestellt.

Allerdings hat Ihr Hauptargument dagegen, dass es wahr sein könnte, eine bedauerliche Schwäche. Ihre Behauptung, der Mensch sei allein aus Zufall entstanden, gibt ja nicht einmal die Kernaussagen der Evolutionstheorie zutreffend wieder – diese erkennt das Zusammenwirken des Zufalls mit der Notwendigkeit in Form der Erfordernisse der Umwelt.

Sie betonen nicht ohne Stolz, dass die weitaus meisten herausragenden Physiker vor allem in den religiösen USA Agnostiker sind. Wissen Sie denn nicht, dass ein nennenswerter Teil dieser religiös unverdächtigen Physiker allen Ernstes über das “anthropische Prinzip” diskutiert? Diese Diskussion eignet sich zumindest als Warnung vor voreiligen Schlüssen; die Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Gott gibt, ist geringer, als Sie schreiben.

Aber selbst wenn Sie mit Ihrer Einschätzung Recht hätten, wäre ich noch immer der Meinung, dass Ihre im Manifest gleich zweimal vorgetragene Einschätzung, religiöse Menschen dürften im Grunde kein Wahlrecht haben (vgl. Manifest S. 48f., S. 118f.), mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit über das Ziel hinausschießt.

Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass Ihre in vieler Hinsicht berechtigte Kritik am Islam das wesentliche Problem unberührt lässt, nämlich die in der islamischen Welt weithin anerkannte Lehre, der Koran sei direkt Gottes Wort. Diese Lehre steht einer historisch-kritischen Neuauslegung des Korans weit mehr im Weg als jeder noch so bedenkliche Inhalt. Und sogar unter diesen Bedingungen finden sich gläubige Muslime, die wie der Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer Muhammad Yunus oder der Arzt und Katastrophenhelfer Dr. Abdelmoula Kangoum spürbare Beiträge zu einer humaneren Welt leisten.

Eine humanere Welt: Sie könnte das gemeinsame Ziel aller Menschen guten Willens sein. Um dieses Zieles willen bitte ich Sie: Beenden Sie Ihren Kreuzzug gegen die Religionen und laden Sie stattdessen alle Menschen guten Willens zur Zusammenarbeit ein. Ich verspreche Ihnen: Menschen guten Willens finden Sie überall.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Harald Stollmeier

PS: Als sehr nützliche Lektüre zur Klärung der Begriffe und Kategorien bei der Kirchenkritik empfehle ich den Aufsatz “Die Papstgegner. Wo sie Recht haben. Und wo nicht.” des katholischen Philosophen Dr. Josef Bordat.

Literatur

Schmidt-Salomon, Michael, Manifest des evolutionären Humanismus, 2. Auflage, Aschaffenburg 2006

Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980

Angenendt, Arnold, Toleranz und Gewalt, Münster 2007

Buber, Martin, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949

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Sarah Diehl: Abortion Democracy – Abtreibungen in Polen und Südafrika

Caroline Stollmeier am 15. September 2011

Ein Recht auf Abtreibung? Wie es in Polen und im Vergleich dazu in Südafrika steht, beleuchtet die Filmemacherin Sarah Diehl in ihrer Dokumentation „Abortion Democracy“ aus dem Jahr 2008. Gezeigt wurde der Film kürzlich vom „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ und der gbs. In der anschließenden Diskussionsrunde mit Sarah Diehl traten erstaunliche Ansichten zutage.

Zuerst zum Film: Sarah Diehl nimmt sich Zeit für Interviews mit interessanten Menschen. Abtreibungsärztinnen, Feministinnen und von Abtreibung betroffene Frauen kommen zu Wort. Jede für sich beleuchtet die Probleme authentisch, denen sie täglich begegnet.

In Südafrika wurde in den 1990er Jahren die Gesetzgebung dahingehend verändert, dass Abtreibungen jetzt nahezu ausnahmslos legal sind. Dennoch ist diese Gesetzgebung dem medizinischen Personal immer noch teilweise unbekannt oder die Ärzte, Krankenpfleger, Hebammen und Kliniken weigern sich schlichtweg aus Gewissensgründen Abtreibungen durchzuführen. Wie Sarah Diehl erläutert, sind in der südafrikanischen Gesellschaft Vergewaltigungen, Inzest und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen sehr häufig. In Folge dessen kommt es zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften. Darüber hinaus ist das Wissen um Verhütungsmittel sowie deren Verfügbarkeit wenig vorhanden. Außerdem gehört die Durchführung von Abtreibungen anscheinend nicht standardmäßig zur Ausbildung von Gynäkologen und anderem medizinischen Personal in Südafrika.

Viele Frauen wünschen sich eine Abtreibung als Lösung für ihre Probleme und treffen dann auf die Widerstände der Gesellschaft und des Gesundheitswesens. Wie Sarah Diehl angibt, bringt das viele Frauen dazu, mit ungeeigneten Methoden selbst eine Abtreibung durchzuführen, was schlimme gesundheitliche Folgen haben kann.

In Polen hingegen sind etwa im gleichen Zeitraum Abtreibungen nahezu verboten worden, obwohl dort vorher relativ liberal mit dem Thema umgegangen wurde. In Polen gibt es aber immer noch viele Ärzte, die wissen, wie man eine Abtreibung durchführt. Und wenn ungewollt schwangere Frauen abtreiben möchten, dann finden sie in Zeitungen und auf Plakaten entsprechende Ärzte, die gegen Zahlung großer Summen eine Abtreibung anbieten, obwohl dies verboten ist.

Die gezeigten Frauenrechtsaktivistinnen in beiden Ländern beklagen, dass zulasten der Frauen Politik mit dem Thema Abtreibung gemacht wird und dass die Religiosität der Machthaber eine unrühmliche Rolle dabei spielt. Ein bisschen zu kurz kommt dabei die Beleuchtung der gesellschaftlichen Probleme vor allem in Südafrika. Denn hier scheint es eher das Selbstverständnis der Männer im willkürlichen Umgang mit den Frauen zu sein als die Religion, das dazu führt, dass Frauen unterdrückt werden und in letzter Konsequenz Abtreibungen einfordern.

Eine junge Frau aus Kapstadt berichtet, dass sie nach einer Vergewaltigung schwanger und daraufhin von ihrer Familie aus dem Haus geworfen wurde. Seitdem lebt sie auf der Straße und schläft nachts unter der Rolltreppe in einem Einkaufzentrum, ständig in der Furcht vor einer erneuten Vergewaltigung. Sie sagt, dass sie sich verzweifelt eine Abtreibung wünscht, aber niemanden finden könnte, der ihr dabei hilft. Gleichzeitig wägt sie ab, dass sie ihrem Kind nichts außer einem Leben auf der Straße bieten könnte und als allein erziehende Mutter niemals einen Job finden wird.

Die Gegenüberstellung der von der Rechtslage stark abweichenden gesellschaftlichen Realitäten in Polen und Südafrika ist ernüchternd, wenn nicht sogar bedrückend. Insofern ist „Abortion Democracy“ ein wertvoller Dokumentarfilm. Der Versuch, die beobachteten Missstände zu erklären, gelingt nicht in vollem Umfang und ist womöglich von vornherein zu sehr religionsfixiert.

Vielleicht hätte es dem Film auch gut getan, wenn wenigstens vereinzelt über die Abtreibung als Lösung hinausgedacht würde; das vorgestellte Vergewaltigungsopfer wird nach einer Abtreibung wohl kaum wieder in ihre Familie aufgenommen werden. Bemerkenswert ist übrigens, dass selbst bei dieser bedauernswerten jungen Frau anklingt, dass sie die Abtreibung weniger stark wünschen würde, wenn sie bessere Umstände für ein Leben mit ihrem Kind hätte.

Das ungeborene Kind bleibt in „Abortion Democracy“ vollkommen außen vor. In der anschließenden Diskussionsrunde sagte Sarah Diehl: „Man muss zwischen einem Fötus und einem Baby unterscheiden. Ich finde es unverantwortlich, den Frauen einzureden, dass der Fötus schon ein Kind sei.“ Diese Ansicht war anscheinend Konsens unter den anwesenden Humanisten. Als Beleg wurden philosophische Studien zitierte, nach denen es einen Wendepunkt etwa um die 20. Schwangerschaftswoche gäbe, ab dem nicht nur die Interessen der Mutter, sondern auch die des Ungeborenen zu berücksichtigen seien. Der Einwand einer Teilnehmerin, dass menschliches Leben aus naturwissenschaftlicher Sicht mit der Befruchtung der Eizelle beginnt, wurde geradezu niedergebrüllt.

Ein Teilnehmer warf den Gedanken auf, dass die Frauen in der Rückschau am Ende ihres Lebens die Abtreibung bereuen könnten. Daraufhin erhob eine andere Teilnehmerin unter zustimmendem Gemurmel aus den Reihen die Stimme, dass sie aus eigener Erfahrung sagen könnte, dass man eine Abtreibung nicht bereut. Zugegeben, diese Dame gehörte nicht zu den jüngsten Besuchern der Veranstaltung. Aber sie schien dennoch weit entfernt vom Ende ihres Lebens zu sein.

Das Fazit des Films und die Meinung der meisten Diskussionsteilnehmer war, dass Bigotterie und Heuchelei insbesondere der Vertreter der katholischen Kirche viel Elend über die Frauen in Polen, in Südafrika und im Grunde in der ganzen Welt bringen. Dadurch lässt sich vielleicht der Enthusiasmus erklären, mit dem die Humanisten die kirchliche Weltanschauungen angreifen, zu widerlegen suchen und ständig danach trachten, die religiösen Gefühle anderer Menschen mit Füßen zu treten. Dieses Verhalten ist jedoch sehr erstaunlich, das sie mit ihrer Energie vermutlich viel mehr erreichen könnten, wenn sie diese für ihre guten Ideen von beispielsweise Menschenrechten einsetzen würden.

Immerhin, sofern man in dieser Runde überhaupt einen Konsens bemerken konnte, dann schien er darin zu bestehen, dass keine Frau gerne abtreibt und eine Abtreibung immer nur der allerletzte Ausweg sein kann. Aber auch in diesem Punkt lässt sich einwenden, dass man mit der Energie, die man im Kampf für ein Recht auf Abtreibung verwendet, vielen Frauen besser helfen und eine gangbare Alternative zur Abtreibung aufzeigen könnte.

 

Abortion Democracy by Sarah Diehl

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Eltern und Kinder: Selbstverständlichkeiten im Wandel

Harald Stollmeier am 30. August 2011

Ein Konstanzer Unternehmen will spätestens im Frühjahr 2012 ein Verfahren auf den Markt bringen, mit dem eine Trisomie 21 (Down-Syndrom) bei Embryonen schon in der 10. Schwangerschaftswoche sicher festgestellt werden kann. Untersucht wird dabei nur das Blut der Mutter.  Die heute übliche Fruchtwasseruntersuchung mit ihrem ca. fünfprozentigen Risiko einer Fehlgeburt wird dann überflüssig. Spätabtreibungen wegen Trisomie 21 dürften damit bald der Vergangenheit angehören – weil die Abbrüche dann einfach früher stattfinden.

Tatsächlich dürfte die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche wegen Trisomie 21 sogar steigen, weil dann auch Eltern einen Test vornehmen lassen, die heute auf die Fruchtwasseruntersuchung wegen des Risikos einer Fehlgeburt verzichten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dem Hersteller dieser Tests mit wachsender Zahl überprüfbarer Faktoren märchenhafte Gewinne vorauszusagen – welche Eltern wollen denn nicht bestätigt bekommen, dass es ihrem Baby gut geht?

Lebensrechtler brauchen sich keine Illusionen zu machen: Sobald das funktioniert, wird es zur Selbstverständlichkeit. Ob auch die Entfernung von Embryonen mit unerwünschten Eigenschaften zur Selbstverständlichkeit wird, das ist eine andere Frage.

Ich frage mich, was wohl mein am 25. August 1924 im Alter von 61 Jahren verstorbener Ururgroßvater Bernard Evers aus Etteln bei Paderborn dazu sagen würde. In seinem Testament verfügte er unter anderem: „Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen …“

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Bernhard Evers war kein übermäßig moderner Mensch. Er war ein wohlhabender Ackerwirt, Mitglied der dörflichen Oberschicht, römisch-katholisch und ein strenger Vater. So streng, dass er dem Heiratswunsch seiner Tochter Elisabeth (deren Urenkel ich bin) massiven Widerstand entgegensetzte, weil ihm der junge Johann Isermann zu arm und auch sonst wohl nicht geeignet erschien. Erst nach der Geburt meiner Großtante Dorothea am 29. April konnte Elisabeth am 10. Juni 1914 den Vater des Kindes heiraten. Der Groll des Vaters klingt noch im Testament nach: “Meine Tochter Elisabeth … hat kein Recht mehr auf Forderungen.” So regelt man das unter westfälischen Dickschädeln.

Damals war es selbstverständlich, dass ein Vater auf die Gattenwahl seiner zwanzigjährigen Tochter entscheidend Einfluss nahm. Ebenso selbstverständlich war es offensichtlich, für behinderte Kinder angemessen zu sorgen.

Die heute übliche größere Freiheit von Töchtern bei der Wahl ihres Ehemannes ist in meinen Augen ein Fortschritt. Sie ist die Konsequenz des christlichen Eheverständnisses (und des bürgerlichen), für das die Freiwilligkeit des Eheversprechens unabdingbar ist.

Ist der Verlust des gesellschaftlichen Einvernehmens über die Verantwortung für behinderte Kinder einfach die Kehrseite der Medaille? Muss ich das eine hinnehmen, wenn ich das andere bejahe? Bernard Evers mag das befürchtet haben, und eingetreten ist ja beides.

Logisch zwingend ist das aber nicht. Das belegt schon die Kombination von Behindertenermordung und Heiratsverboten im Nationalsozialismus. Logisch zwingend ist tatsächlich das Gegenteil: Die Achtung der freien Gattenwahl von Frauen einerseits und des Lebensrechts behinderter Kinder andererseits wurzeln beide in der Überzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Ich hoffe deshalb, dass auch noch meine Enkel in der Verfügung bezüglich meiner Urgroßtante Maria etwas Anderes sehen werden als  eine Einschränkung der selbstverständlichen Freiheit des Hoferben, seine unnütze Schwester einfach zu verjagen.

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Aus Gründen der historischen Gerechtigkeit folgt unten der vollständige Text des Testaments, das mir in einer beglaubigten Abschrift vorliegt.

Das Testament von Bernard Evers

Abschrift.

Eröffnet am 15. Oktober 1924 auf dem Gerichtstage in Alfen.

Gez. Schulze,

Amtsgerichtsrat.

Mein letzter Wille für den Fall meines Todes.

§ 1.

Als Vermögensübernehmer (Erben) mit allen Mobilien und Immobilien, mit allen Aktiven und Passiven setze ich meinen Sohn Johannes ein.

§ 2.

Meine Tochter Elisabeth, jetzt verheiratete Isermann, hat ihr Kindesteil erhalten und hat kein Recht mehr auf Forderungen.

§ 3.

Mein Sohn Wilhelm hat ebenfalls volle Abfindung erhalten.

§ 4.

Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen und außer dem Beerdigungsamt im ersten Jahre nach dem Tode wenigstens 2 hl. Messen nachlesen zu lassen.

§ 5.

Meine Töchter Theresia, Anna und Franziska sollen bei einer etwaigen Zustandekunft, sei es Verheiratung oder sonstiger Selbständigmachung folgende Aussteuer erhalten:
1. Zwei vollständige Betten, nämlich 2 anderthalbschläfrige Bettstellen, Matratzen, Unterbetten und Oberbetten, je 2 Kissen, 12 Bettücher, 12 Bett- und Kissenbezüge und 12 weiße Kissenbezüge, 2 Bettspreiten.
2. Einen Waschtisch mit Waschservice, zwei Konsolen, ferner entweder einen zweitürigen Kleiderschrank, der zugleich als Wäscheschrank dient oder einen eintürigen Kleider- und Wäscheschrank extra.
3. Ein Sofa, 6 Stühle, 1 Tisch und ein Büffet (Glasschrank für Porzellan), 1 Nähmaschine.
4. Ein Küschenschrank und 2 Brettstühle,
5. An Leibwäsche, 3 Dutzend leinene Hemde, ½ Dutzend Nachtjacken, ½ Dutzend Unterhosen, 2 Dutzend leinene und 1 Dutzend Damast – Handtücher, 1 Dutzend Trockentücher, 6 Paar Strümpfe, 1 seidenes Kleid, 1 wollenes und 1 Waschkleid, 1 Dutzend Schürzen, ½ Dutzend Tischtücher und ½ Dutzend Servietten.
6. An Porzellan: 1 Eßservice für 6 Personen, 1 Kaffeeservice, 6 weiße Tassen mit 12 kleinen Tellern, 1 Dutzend Eß- und Teelöffel, Gabeln und Messer und 1 Suppenlöffel.
7. Eine gute Milchkuh.
8. Außerdem eine Barabfindung in der Höhe von 3000 Mark Vorkriegszeit.

Falls eine oder alle drei Töchter wegen Kränklichkeit oder einem sonstigen vernünftigen Grunde nicht selbständig wird, so muß ihnen Unterkunft, Kleidung und Kost im Hause gewährt werden aber gegen angemessene Mitarbeit.

§ 6.

Als Testamentsvollstrecker bestimme ich meinen Schwager, den Pfarrer Johannes Nillies; falls derselbe ablehnt oder nicht kann, alsdann meinen Schwager Hermann Nillies in Alfen.

Etteln, den 20. Dezember 1923.

gez. Bernard Evers.

Vorstehende Abschrift übersenden wir mit dem Bemerken, dass Herr Pfarrer Johannes Nillies das Amt als Testamentsvollstrecker angenommen hat.

A.A.

Unterschrift

Justizbüro-Assistent.

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Triff den Heiligen Geist im Netz

Caroline Stollmeier am 10. August 2011

Einer der coolsten und gleichzeitig friedlichsten Orte im Internet ist die Onlinekapelle der Steyler Missionare. Dorthin kann man kommen, um bei leiser Musik zu beten, seine Sorgen zu teilen und Anteil am Leben anderer Menschen zu nehmen. Wer möchte, zündet eine virtuelle Kerze an, bevor er wieder geht.

Die Kapelle ist dem Teil der Steyler Unterkirche von St. Michael genau nachempfunden, in dem der Heilige Arnold Janssen beigesetzt ist. Klickt man auf den Sarkophag oder auf die Bilder, erhält man weitere Informationen, beispielsweise über das Leben des Ordensgründers; und das in bereits sechs Sprachen: Deutsch, Englisch, Niederländisch, Spanisch, Französisch und Polnisch; als nächste Sprachen sind Indonesisch und Chinesisch geplant.

Die Idee zur Onlinekapelle ist Pater Manfred Krause SVD bei einem Schützenfest in seiner Heimatgemeinde gekommen, als er einmal mehr mit den Wünschen von Menschen konfrontiert wurde, die zwar am Grab des Heiligen Arnold Jansen beten wollten, denen aber die Reise nach Steyl in der niederländischen Stadt Venlo zu beschwerlich ist. Gemeinsam mit einigen jungen Leuten machte er sich darauf hin an die Gestaltung der Onlinekapelle.

Wie in der echten Unterkirche kann man seine Gebetsanliegen in ein Buch schreiben und darauf vertrauen, dass der Richtige sie lesen und berücksichtigen wird. „Die Menschen machen immer wieder die Erfahrung, dass ihre Gebete erhört werden“, sagt Pater Krause, „und jeden Mittwoch drucken wir die neuen Seiten aus dem Buch aus, legen sie während unseres Abendgebetes in der Unterkirche auf den Altar und beten für die Anliegen aus der Onlinekapelle.“

Seit die Onlinekapelle am 1. Januar 2011 mit einem Segensgebet feierlich online gegangen ist, wurden bereits 22.500 Kerzen angezündet. Sie zeugen von Hoffnung, Liebe, Trauer und Glaube. In der Steyler Onlinekapelle spürt man ein bisschen den Heiligen Geist, denn inzwischen sind viel mehr als nur zwei oder drei in Seinem Namen dort versammelt…

 

Kerze anzünden

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Damnatio Memoriae

Harald Stollmeier am 24. Juli 2011

Norwegen gedenkt seiner Toten. Die Massenmedien der westlichen Welt, und vielleicht nicht nur diese, diskutieren die Motive des Mörders und die mögliche Mitverantwortung der Gruppen und Überzeugungen, auf die sich dieser beruft. Mir wird dabei schlecht.

Denn wer wehrlose Menschen ermordet, ist in erster Linie ein Feigling. Keine Überzeugung kann solche Taten im Geringsten rechtfertigen, auch die richtigste nicht. Und kein feiger Mörder verdient es, dass sein Name und sein Foto um die Welt gehen.

Ich habe den Namen des Mörders gelesen. Schreiben werde ich ihn nicht. Nie.

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Peter Singer und das Lebensrecht

Harald Stollmeier am 5. Juli 2011

Nicht jeder, der Peter Singer bejubelt, hat seine Praktische Ethik gründlich gelesen: Seine Widerlegung der meistgenutzten Argumente für die ethische Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen (Praktische Ethik, Reclam, S. 177-195) müsste auch hartgesottene Abtreibungsbefürworter nachdenklich machen. Denn für Peter Singer ist der menschliche Embryo von Anfang an ein Mensch.

Leider nützt das dem Embryonen wenig, weil Singer anschließend feststellt, dass dieser noch keine Person sei, sondern von seinem Bewusstsein her noch hinter einem Fisch und erst recht einem Huhn zurückbleibe. Und nur Personen will Singer den vollen Schutz der Menschenrechte zugestehen. Die Abtreibung eines zwölf Wochen alten Embryonen ist für Singer deshalb nicht an sich ein Unrecht.

Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen: Es geht um alle – kein Wunder, dass Lebensrechtler auf den Namen Singer mit einem reflexartigen Sprung in den Schützengraben reagieren.

Vielleicht ist es eine gute Idee, stattdessen einmal zu prüfen, wie sich die konsequente Anwendung der Anschauungen Singers auf die Realität in Deutschland auswirken würde. Dann gäbe es nämlich erheblich weniger Schwangerschaftsabbrüche als heute, weil Singer auch die Auswirkungen einer Abtreibung auf andere Betroffene berücksichtigt. Es gäbe deshalb wahrscheinlich nur noch Schwangerschaftsabbrüche, die beide Eltern wirklich wollen. Abbrüche wegen Trennungsdrohung seitens des Vaters (der mit Abstand häufigste Abtreibungsgrund) oder wegen vermeidbarer Probleme der Mutter in Schule, Ausbildung und Beruf sind nämlich Paradebeispiele für präferenzutilitaristische Katastrophen.

Es gibt also mildernde Umstände: Bei konsequenter Anwendung der Regeln Singers würde die Welt per Saldo besser, nicht schlechter. Denn die meisten der Diagnosen, die heute in Deutschland Abtreibungen wegen Behinderung begründen, vor allem das Down-Syndrom, lassen den Personenstatus der betroffenen Menschen unberührt. Sie sind für Singer zwar wie alle Schwangerschaftsabbrüche an sich wertneutral, aber es gibt für sie keine besondere Rechtfertigung. Anders ist das allerdings bei Anenzephalie.

All dies gilt schon bei einer uneingeschränkten Anerkennung von Singers Anschauungen. Um einen besseren Schutz ungeborener Menschen zu begründen, bedürfte  es einer Weiterentwicklung – die vielleicht möglich ist. Der katholische Philosoph Josef Bordat weist darauf hin, dass Singer das Potenzial der Ungeborenen nicht angemessen berücksichtigt, und in dieser Beobachtung steckt Potenzial.

Denn genaugenommen begnügt sich Singer mit der Widerlegung von Argumenten zur Wahrscheinlichkeit der Entwicklung und zur Einmaligkeit des genetischen Codes. Im Übrigen geht er mit dem Potenzial eines Embryonen, zur „Person“ zu werden, wie mit einem Lottoschein um.

Vielleicht liegt es an der Momentaufnahme: Es kann sein, dass ein Embryo zum Zeitpunkt X die von Singer geforderten Personeneigenschaften nicht besitzt und dass seine statistische Chance, sie zu erwerben, gering genug ist, um dem Embryonen den vollen Schutz der Menschenrechte zu verweigern.

Aber kein Mensch existiert nur in einem Moment. Unser Leben ist von Anfang an ein Prozess. Das heißt: Wenn wir ein Bild betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass es ein Ausschnitt aus einem abendfüllenden Film ist.

Es ist nicht in erster Linie eine Frage der Wahrscheinlichkeit, ob aus einem Embryonen ein Baby und später ein erwachsener Mensch wird: Es ist eine Frage des bereits laufenden Prozesses, in dessen Verlauf standardmäßig eine Person entsteht. Und es ist ein Unterschied, ob man Ergebnisse vergleicht oder Prozesse in verschiedenen Stadien ihres Ablaufs.

Auch mit dieser Erweiterung des Singerschen Personenbegriffs (die Singer sich erst noch zu Eigen machen müsste) bliebe eine Lücke zwischen der präferenzutilitaristischen und der christlichen Sicht. Aber sie ist viel kleiner, als Lebensrechtler fürchten und Abtreibungsfans glauben – so klein, dass zwischen der christlichen Forderung, jeden Menschen von der Empfängnis an zu schützen, und der präferenzutilitaristischen Zulässigkeit der Tötung oder zumindest Nichtrettung eines Menschen ohne Personeneigenschaft in der Praxis gar kein Unterschied mehr zu bleiben braucht. Denn wenn man wirklich sicher sein will, dass ein bestimmter Mensch gar keine Chance hat, sich zur Person zu entwickeln, dann gibt man ihm wenigstens eine.

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Integration: Nicht alle Muslime sind gleich

Harald Stollmeier am 18. März 2011

„Die Deutschen sind keine Rassisten“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und in Wirklichkeit ist es für Einwanderer ganz einfach, mit ihnen in Frieden zu leben: Man muss sich unauffällig kleiden, man muss einigermaßen gut Deutsch sprechen, und man muss sich an ein paar einfache Regeln halten. Die wichtigste davon heißt: Nicht laut reden.“

Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wie viele Afrikaner ist er Muslim – und sieht darin keinen Widerspruch zu Menschenrechten, Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben. „Im Koran steht ausdrücklich“ sagt Dr. Kangoum, „wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit. Das finden Sie in der fünften Sure. Wer sich zur Rechtfertigung von Gewalt auf den Koran beruft, tut Unrecht.“

Für Islamisten hat Dr. Kangoum nicht viel übrig – schon allein wegen der schrecklichen Dinge, die sein Volk von der islamistischen Diktatur in Khartum erdulden muss –, und die beste aller Welten ist die islamische Welt von heute für ihn nicht. Als Vorsitzender des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschand engagiert er sich seit Jahren für eine bessere medizinische Versorgung von Afrikanern in Afrika und Europa. Dazu gehört die Bekämpfung der oft fälschlich mit dem Islam begründeten Genitalverstümmelung von Mädchen. Kritik an Missständen findet Dr. Kangoum berechtigt.

„Aber es beginnt mir auf die Nerven zu gehen“, sagt er, „dass ich als Muslim immer mehr unter Rechtfertigungsdruck stehe und dass immer mehr Menschen in Deutschland den Islam mit Barbarei gleichsetzen. Das ist trotz der vielen schlechten Nachrichten aus der islamischen Welt ein großes Unrecht. Muslime gehören zu einer Kultur, die der abendländischen lange überlegen war und schon vor über 1000 Jahren den Grundstein für die Naturwissenschaften von heute legte. Selbst unter gebildeten Europäern wissen nicht viele, was die Welt muslimischen Forschern wie al-Chwarizmi, Ibn Sina und Ibn Rushd verdankt. Und auch wenn das lange her ist, gehört es zu einem vollständigen Bild des Islam unbedingt dazu.“

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Als Abdelmoula Kangoum nach Deutschland kam, war er ein Exot – ein willkommener Exot. „Es ist oft vorgekommen“, erinnert er sich, „dass ich in der Gaststätte mein Abendessen bezahlen wollte und der Kellner zu mir sagte: Die Menschen an dem Tisch dort haben für Sie bezahlt.“ Noch heute fühlt er sich in Deutschland wohl, wird regelmäßig freundlich gegrüßt und angelächelt. Sorgen macht er sich um die Afrikaner, die unter oft abenteuerlichen Bedingungen nach Deutschland kommen und dann, zum Teil illegal, unter erbärmlichen Bedingungen leben.

„Diese Menschen haben es schon schwer genug“, sagt er, „auch ohne dass die Regierungschefin dieses Landes sich den Kampfbegriff Multikulti zu eigen macht. Mit der Aussage „Multikulti ist gescheitert“ ruft sie ja nicht zu mehr Differenzierung auf, sondern sie ermutigt Abgrenzung und Feindseligkeit. Dabei gewinnen auch die Deutschen nicht. Natürlich darf Deutschland von seinen Einwanderern Integrationsbereitschaft verlangen.

Aber die Einwanderer sind darauf angewiesen, dass man sie als Individuen ernst nimmt, anstatt ihnen mit Schubladendenken zu begegnen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist eine wichtige Eigenschaft, aber man darf Menschen nicht darauf reduzieren. Ein Freund von mir ist ein gutes Beispiel dafür, wie kontraproduktiv das sein kann: Als er nach Deutschland kam, trank er Whiskey, flirtete mit Frauen und war in religiösen Dingen tolerant. Aber man akzeptierte nicht, dass er so war, fragte ihn immer wieder, ob er nicht als Muslim anders sein müsse. Heute ist mein Freund ein strenggläubiger Muslim, der es mit den Geboten sehr genau nimmt.“

Moralblog veröffentlicht einen Aufsatz von Abdelmoula Kangoum über den muslimischen Beitrag zur modernen Wissenschaft.

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Hochkultur Islam

Harald Stollmeier am 18. März 2011

Eine Stellungnahme von Abdelmoula Kangoum

Dr. Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wenn man die täglichen Nachrichten schaut oder in Zeitungen liest, die über das niemals endende Elend und die Gewalt in der islamischen Welt berichten, ist es kein Wunder dass viele Menschen in Westen die Kultur dieser Länder als rückständig betrachten und ihre Religion im besten Fall als konservativ bezeichnen, diese jedoch häufig als gewaltbereit und extremistisch einordnen.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass die westlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Welt Dank schulden. Ich nenne ein paar Beispiele:

Im 8. Jahrhundert, als sich Europa noch im dunklen Mittelalter befand, erstreckte sich das islamische Reich der Abbassiden über ein Gebiet, welches den Mittleren Osten, Gross-Persien, Teile Afrikas und Spaniens umfasste. Dieses Reich war so mächtig und einflussreich, dass während seiner 700-jährigen Dauer arabisch – die Sprache des Korans – internationale Wissenschaftssprache war.

Der bekannteste Herrscher Bagdads  Abu Jaafar al-Mamun (786 –833) halb Araber, halb Perser, der von 813 bis zu seinem Tod im Jahr 833 regierte, war der Kalif, dem es beschieden war, zu dem größten Unterstutzer der Wissenschaften zu werden; er war auch derjenige eine Periode der  Forschung und Gelehrsamkeit ermöglichte, wie es sie seit dem antiken Griechenland nicht mehr gegeben hatte.

Unter al-Mamuns Schirmherrschaft und im damals vorherrschenden Geiste der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen, die er förderte, kamen viele Gelehrte aus allen Teilen des Reiches nach Bagdad. Er schickte Boten in den entferntesten Teil der Welt, um alte wissenschaftliche Texte zu sammeln .Von den Herrschern besiegter Länder verlangte er als Tribut lieber Bücher als Gold. Die so von ihm geschaffene Institution „Bayt al Hikma“, Haus der Weisheit, wurde als erste Akademie der Wissenschaft in der ganzen Welt bekannt.

In den Büchern, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigen, findet man nur die großen Leistungen der griechischen Antike und die ihr folgende europäische Renaissance mit Namen wie Kopernikus und Galileo im 16. Jahrhundert. Aber die Errungenschaften, die die  muslimischen Wissenschaftler und Philosophen zu ihrer Zeit erreicht haben, sind ebenso bedeutsam wie die der griechischen Antike und der Renaissance.

Der Gelehrte Ibn Sina ( Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker und Astronom), der in Europa als Avicenna bekannt ist, war der größte Arzt des Mittelalters. Sein Kanon der Medizin (Qanun al-Tibb) blieb bis zum 17.Jahrhundert das Standardwerk der Medizin in Europa.

Muhammed ibn Zakariya al-Razi (in Europa bekannt als Razes) führte im 10. Jahrhundert den Gebrauch von Chemikalien wie Kupfer-, Quecksilber- und Arsensalze sowie Kalk, Teer und Alkohol für medizinische Zwecke ein. Damit ist er der Vater der Chemotherapie.

Man hat uns beigebracht, dass der englische Arzt William Harvey im Jahr 1616 als erster die Blutzirkulation korrekt beschrieben hat. Er war jedoch nicht der erste, denn bereits im 13. Jahrhundert hat dies schon der muslimische Arzt Ibn al Nafees dargestellt.

Niemand bezweifelt das Genie eines Kopernikus, der das Zeitalter der modernen Astronomie eingeleitet hat, jedoch ist nicht allgemein bekannt, dass er auf dem aufbaute, was muslimische Astronomen schon einige Jahrhunderte vor ihm entdeckt hatten. Kopernikus entnahm viele seiner Berechnungen dem Werk des Ibn al-Shatir, der im 14. Jahrhundert in Andalusien lebte.

Abu Rayhan Al Biruni (bekannt in Europa als Alberonius) war ein hervorragender Philosoph, Mathematiker, Astronom, Linguist, Historiker, Geograph, Apotheker und Arzt, der in diesen Fachgebieten einen wirklichen Durchbruch erzielte.

Er war einer der ersten Vertreter einer experimentellen Untersuchungsmethode, und hat diese Methode in die Mechanik, Mineralogie, Psychologie, und Astronomie eingeführt. Daher ist er  auch als der Vater der Geologie und Anthropologie zu betrachten.

Newton ist der unbestrittene Vater der modernen Optik. Jedoch stand er auf den Schultern eines geistigen Riesen, der 700 Jahre früher lebte, dies war ohne Zweifel der muslimische Wissenschaftler Ali Hassan Ibn al-Haytham (geb. 965 n.Chr.),  bekannt im Westen als Alhazen, Alhacen, oder Alhazeni. Er war auch der erste Forscher, der nachprüfbare Experimente  einführte, um Hypothesen   überprüfen zu können. Er hat  dadurch die  „wissenschaftliche Methode“ bereits vor mehr als 200 Jahren vor europäischen Gelehrten – die später von ihm gelernt haben -  entwickelt. Ali Hassan Ibn al-Haytham- wird daher als der erste Physiker der Welt und als Vater der modernen wissenschaftlichen Methode betrachtet- lange vor Renaissancegelehrten wie Bacon und Descartes.

Ein anderes Genie war der Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi. Er wirkte in der Zeit von 800 bis 850 . Sein größtes Vermächtnis ist sein außergewöhnliches Buch: „Kitab Hisab al-Jabr w’al Muqäbala“ (Das Buch der Vollziehung). Bekanntermaßen wird ja  das Wort  “Algebra ” aus dem Titel dieses Buches abgeleitet. In diesem Buch beschreibt er als Erste die Regeln und Schritte, wie algebraische Gleichungen zu lösen sind. Algebra ist aus dem arabischen Wort „al-jabr“ abgeleitet. Das Wort Algorithmus leitet sich von der lateinischen Übersetzung  (Algoritmi) seines Namens ab.

Abu Nasr al-Farabi, der im Westen als Alpharabius bekannt ist, hatte ebenfalls  mehrere Jahrhunderte lang großen Einfluss auf die Wissenschaft und Philosophie. Im weltweiten Ansehen rangierte er direkt nach Aristoteles (Darauf wies auch sein Titel  “der Zweite Lehrer” hin). Seine Arbeit zielte auf die Synthese zwischen Philosophie und Sufismus ab. Er setzte die Islamisierung der griechischen Philosophie fort und die auf ihn folgenden Fackelträger waren zwei Männer, die in Europa großes Ansehen erreichten und viele Renaissancedenker nachhaltig beeinflussten. Dies waren Ibn Sina (980-1037) und Ibn Rushd (1126-1198),  die in Europa den meisten Menschen unter ihren latinisierten Namen vertrauter sind: Avicenna und Averroës.

Abu Uthman al-Jahith, der afro-arabische Zoologe, entwickelte im 8. Jahrhundert eine rudimentäre Theorie der natürlichen Auslese – und zwar eintausend Jahre vor Darwin. In seinem Werk Kitab al-HayawanDas Buch der Tiere“ führt  Jahith seine Gedanken aus, wie Umweltfaktoren die Eigenschaften der Arten beinflussen können, wie der Zwang zu Anpassung  auf die Tierwelt wirkt,  und wie sie ihre veränderten Charakteristika an die auf sie folgenden Generationen ihrer Art weitergeben.

Die Musa-Brüder, drei schillernde Persönlichkeiten, waren ebenfalls mit dem bereits oben erwähnten Haus der Weisheit verbunden.

Mohammad, dem Ältesten, sagt man nach dass er der erste war, der annahm, dass Himmelskörper wie der Mond und die Planeten denselben Gesetzen der Physik unterworfen waren, die auch auf der Erde vorherrschten. Diese Erkenntnis markierte einen klaren  Bruch gegenüber dem bis dahin anerkannten Aristotelischen Bild des Weltalls. Mohammad Musas Buch über die Bewegung der Himmelskörper gibt seine Gedanken und Vorstellungen über diese Kräfte wieder, obwohl sie noch nicht so umfassend waren wie die späteren Gesetze Newtons. Die Brüder sind wahrscheinlich eher für ihre großartigen Erfindungen im Bereich der Technik bekannt. Ihr berühmtestes Werk war ihr Buch „von den Genialen Geräten“ (Kitab al-Hiyal), welches im Jahr 850 veröffentlicht wurde.

Das war eine große illustrierte Arbeit, die von mechanischen Geräten, Automaten, Rätsel und magische Tricks handelte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele war eine programmierte Maschine: ein automatisierter Flötenspieler.

Der Nordafrikaner Ibn Khaldun (1332-1406) ist der Begründer mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen: Bevölkerungsstatistik, Kultur- und  Sozialgeschichte, Historiographie, Philosophie der Geschichte und Soziologie. Er wird auch von vielen als Wegbereiter der modernen Volkswirtschaft betrachtet. Mit seinem berühmten Buch „Muqaddimah“ (Die Einführung) nahm er bereits viele Elemente der oben genannten Disziplinen vorweg – lange bevor sie in Europa begründet wurden.

Sicherlich hätte diese wissenschaftliche Revolution innerhalb der muslimischen Zivilisation nicht so stattgefunden, hätte es den Islam nicht gegeben. Trotz der Ausbreitung des Christentums während der vorangegangenen Jahrhunderte hat es in der christlichen Welt zu dem frühen Zeitpunkt keine ähnliche Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens gegeben. Der Charakter des Islam zwischen dem Anfang des 9. Jahrhunderts und dem Ende des 11. Jahrhunderts war geprägt von dem Geist des freien Denkens, der Toleranz und des Rationalismus. Das Goldene Zeitalter der Islamischen Wissenschaft verlangsamte  sich nach dem 11. Jahrhundert. Hierfür  war ursächlich die allmähliche Zersplitterung des Abbassidenreiches und das Desinteresse der nachfolgenden Kalifen an Wissenschaft und Forschung.

Warum ist es wichtig, dass wir uns heute diese geschichtlichen Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen?

In Zeiten zunehmender kultureller und religiöser Spannungen, Missverständnisse und Intoleranz sollten Deutschland und das restliche Europa einmal versuchen, die islamische Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Rufer nach “unserer jüdisch-christlichen Zivilisation” übersehen, dass es eine gemeinsame menschliche Zivilisation gibt, zu der die islamische Welt einen wertvollen Beitrag geleistet hat und weiterhin leisten kann.

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