Archiv für die Kategorie 'Gute Taten'

Duisburger Integrationspreis für Gülseren Gümüs

Harald Stollmeier am 15. Juli 2011

Gülseren Gümüs, die Gründerin des Güldeste Wohltätigkeitsvereins e. V., erhielt am 8. Juli aus der Hand von Novitas BKK-Vorstand Reiner Geisler den zum zweiten Mal vergebenen Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK – als Auszeichnung für ein Leben im Dienst anderer Menschen. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und steht unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters von Duisburg.

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs (Mitte) den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

“Duisburg ist reich an Menschen, die ihre Talente wegen unvollkommener Integration weder ausschöpfen noch einbringen können“, erklärte Reiner Geisler in seiner Laudatio, „wenn alle diese Menschen begreifen, was sie können, und ihr Können in unserer Stadt entfalten, dann wird unsere Stadt reich. Und das werden wir dann Menschen wie Gülseren Gümüs verdanken.“

Mit ihrem Verein organisiert Gülseren Gümüs unter anderem eine Theaterwerkstatt, eine Lese- und Schreibwerkstatt und eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder sowie einen Kreativkreis für Frauen. Ihr Engagement hilft behinderten und nichtbehinderten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und trägt zu einer besseren Lebensqualität in Duisburgs Stadtteil Hochfeld bei.

„Integration kann nicht verordnet werden“, erklärte Oberbürgermeister Adolf Sauerland, „Integration muss gelebt werden. Gülseren Gümüs tut das in beispielhafter Weise. Und die Novitas BKK trägt mit ihrem eigenen Engagement für Migranten ebenso wie mit dem von ihr gestifteten Duisburger Integrationspreis dazu bei.“

Gülseren Gümüs, deren 2011 in türkischer Sprache erschiene Autobiographie Engel duvari bereits die zweite Auflage erlebt,stellte in einem Vortrag die vielseitige Arbeit von Güldeste vor und wertete ihre Ehrung als Ermutigung: „Ich werde für die Kinder, für die Menschen und für Duisburg weiterarbeiten, so lange meine Kraft reicht.“

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Darfur – helfen verboten?

Harald Stollmeier am 14. Juni 2011

Während sich die Augen der Weltöffentlichkeit auf die arabischen Länder der Mittelmeerküste richten, nimmt die Katastrophe im westsudanesischen Darfur ihren Lauf. Schon seit acht Jahren führen dort arabische Reitermilizen („Janjaweed“ = Teufel zu Pferde) einen Stellvertreterkrieg gegen die sesshaften schwarzafrikanischen Fur, Masalit und Zaghawa, zunehmend mit Hubschraubern und anderer hochtechnischer Ausrüstung, die sie von der islamistischen Regierung in Khartum erhalten. Die Zahl der Todesopfer wird auf 200 000 bis 400 000 geschätzt, wobei ein großer Teil davon nicht durch direkte Kampfeinwirkung sondern durch Hunger und Seuchen umgekommen ist.

Was in Darfur geschieht, hat viel Ähnlichkeit mit den ethnischen Säuberungen in Bosnien-Herzegowina und später im Kosovo. Die Beweise für die entscheidende Rolle der Regierung in Khartum reichten dem Internationalen Strafgerichtshof aus, um am 12. Juli 2010 wegen Völkermords einen internationalen Haftbefehl gegen den sudanesischen Staatspräsidenten Umar Hasan Ahmad al-Baschir auszustellen. Zur Verhaftung al-Baschirs ist es allerdings noch nicht gekommen; eine Polizei hat der Internationale Strafgerichtshof ja nicht.

Aber zu Reaktionen der sudanesischen Regierung ist es gekommen: Sie hat die meisten ausländischen Hilfsorganisationen ausgewiesen und macht den wenigen verbliebenen die Arbeit so schwer wie möglich. Nach einer kurzen Unterbrechung wegen Friedensverhandlungen zwischen den Fur-Milizen und der sudanesischen Regierung haben die Janjaweed im Frühjahr 2011 ihre Angriffe wieder aufgenommen.

Die humanitäre Lage ist bedrückend. „In Zalingei, der Hauptstadt der Fur“, berichtet Dr. Abdelmoula Kangoum vom Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein in der Bundesrepublik Deutschland, „ist die Einwohnerzahl durch Flüchtlinge von 60 000 auf fast 890 000 angestiegen. In der ganzen Stadt gibt es vier Ärzte, nur einer davon ist ein Facharzt. Die Hygieneprobleme sind dramatisch.“

Der Deutsch-Afrikanische Ärzteverein in der Bundesrepublik Deutschland (2010 mit dem Duisburger Integrationspreis ausgezeichnet)  und der Afrikanische Ärzteverein in Skandinavien wollen dieser Situation mit einem straff konzipierten Hilfsprojekt begegnen. Sie planen den Bau von Latrinen, den Bau von Brunnen, ein umfassendes Impfprogramm mit Schulung von Impfhelfern und die gezielte Bekämpfung und Prävention von Durchfallerkrankungen.

Das Projekt ist auf 18 Monate angelegt. Während dieser Zeit wollen je drei Ärzte für je drei Monate unentgeltlich vor Ort arbeiten; die meisten von ihnen stammen aus der Region und sind mit deren Sprache und Kultur vertraut. Ziel des Projekts ist nachhaltige Hilfe vor allem durch Ausbildung und Aufklärung örtlicher Helfer.

Warum hoffen die Deutsch-Afrikanischen Ärzte, in Darfur helfen zu dürfen, während die meisten, wenn nicht alle anderen Organisationen die Region verlassen müssen?

„Die Regierung in Khartum hat uns signalisiert“, berichtet Dr. Kangoum, „dass wir in Darfur helfen dürfen, vielleicht weil sie weniger Sorge hat, wir könnten durch westliche Regierungen instrumentalisiert werden. Es ist sogar für die sudanesische Regierung offensichtlich, dass wir keine ‚christlich-zionistischen Agenten‘ sind. Eine Rolle spielen vielleicht auch die Friedensverhandlungen, die in Quatar zwischen der sudanesischen Regierung und den darfurischen Rebellen begonnen haben.“

Das Hilfsprojekt der Afrikanischen Ärzte wird von verschiedenen Förderern mit Sachspenden unterstützt; die Ärzte selbst arbeiten gratis. Deshalb belaufen sich die voraussichtlichen Gesamtkosten auf nicht mehr als 352 000 Euro, in denen Kosten für Arzneimittel, Flüge und ein Geländefahrzeug enthalten sind.

„Darfur ist meine Heimat“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und deshalb geht mir das Leid der Betroffenen besonders nah. Es kommt hinzu, dass meine Kollegen und ich dort nützlicher sein können als andere Helfer, weil wir nicht als Fremde kommen. Vor allem aber sind wir jetzt wegen der politischen Lage die einzigen, die helfen dürfen. Wenn wir nicht helfen, sind die Menschen in Darfur allein.“

Das Spendenkonto des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschland e. V. ist:

Kontonummer: 4613907
bei der

Commerzbank AG Duisburg
Bankleitzahl: 350 400 38

(Gemeinnützigkeit anerkannt vom Finanzamt Duisburg – Süd, Landfermannstrasse 25, 47051 Duisburg - Steuernummer 109/5842/0523)

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Ein großer Wurf für die Menschheit

Harald Stollmeier am 28. April 2011

Rezension: Peter Singer, Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt und warum wir es nicht tun, aus dem Amerikanischen von Olaf Kanter, Arche Literaturverlag, Zürich-Hamburg 2010.

9783716026298

Ein Kleinkind fällt in einen Teich. Sie können sein Leben retten. Ihre neuen Schuhe gehen dabei drauf. Zögern Sie?

Die meisten Menschen, sagt der Philosoph Peter Singer, würden keine Sekunde zögern, dieses Kleinkind um den Preis ihrer neuen Schuhe und einiger weiterer Unannehmlichkeiten zu retten. Die meisten Menschen in den reichsten Ländern der Welt, ergänzt Singer, nehmen aber den genauso leicht zu verhindernden Tod von Kleinkindern in den ärmsten Ländern der Welt ohne Gewissensbisse hin. Und das können wir ändern.

Mit harten Fakten belegt Singer, dass eine nachhaltige Bekämpfung der Armut, ja sogar ihre Abschaffung, in unserer Reichweite liegt, und das ohne schmerzlichen Verzicht. Er stellt dabei nicht nur ebenso nützliche wie erfolgreiche Projekte vor sondern auch wirksame Initiativen, die sich der Bewertung und Verbesserung der Qualität von Hilfs- und Entwicklungsprojekten verschrieben haben, vorrangig GiveWell, und deren Bewertungen zudem öffentlich zugänglich sind.

Entwicklungshilfe lohnt sich, sagt Singer, und widerlegt den Mythos vom Fass ohne Boden durch einen kritischen Blick in das Fass: Es ist wahr, dass der Westen in den vergangenen 50 Jahren 2,3 Billionen Dollar an Entwicklungshilfe geleistet hat. Aber erstens sind das trotzdem nur 0,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der Geberländer, und zweitens ist der größte Teil davon gar nicht an die ärmsten Länder der Welt gegangen sondern an Länder, in denen der Westen strategische Interessen verfolgte. Das ist nichts Unmoralisches. Aber Geld, das in den Irak oder nach Kolumbien fließt, kann nun einmal nicht die Armut in Malawi bekämpfen.

Es geht Singer nicht um Politik, es geht ihm um das, was jeder Einzelne tun kann. Und wenn man bedenkt, dass die Rettung eines Menschenlebens in Ländern wie Malawi bei kritischer Bewertung nur 200 bis 500 Dollar kostet, dann macht, was der Einzelne tun kann, einen wirklich großen Unterschied. Und wenn es 1 000 Dollar wären: Wie oft geben wir Geld in solchen Größenordnungen für Dinge aus, die weniger wert sind als ein Menschenleben?

Neu ist an Singers Argumentation nicht diese Gegenüberstellung. Neu ist ihre Anwendung auf Menschen in Afrika, die wir niemals kennenlernen werden, auf Menschen, deren Schicksal uns im Allgemeinen nicht persönlich berührt. Singer hat recht: Diese Menschen sind genau so viel wert wie wir selbst, und wenn es wahr ist, dass wir sie retten können, dann haben wir eine ethische Verpflichtung, das auch zu tun.

Mir persönlich plagt sich Singer zu lange mit der Frage, ob wir gegebenenfalls verpflichtet sind, unsere eigenen Kinder zu opfern, um fremde zu retten (Singer sagt: Ja), und zu kurz mit der Frage, ob nicht die Abschaffung von Handelsbarriereren und Subventionen den ärmsten Ländern der Welt am meisten helfen würden (Singer sagt: Ja, ist aber nicht durchsetzbar). Aber Singer beweist nicht nur, dass jeder einzelne seiner Leser mit erträglichen Belastungen spürbare Verbesserungen für die Ärmsten erreichen kann, er legt auch ein plausibles und gar nicht rigides Modell dafür vor, wie man die eigenen Spendenpflichten berechnen kann. Und er belegt: Helfen macht den Helfer glücklicher, oder wie er den inzwischen verstorbenen Tierrechtsaktivisten Henry Spira zitiert (S. 228): „Ich glaube, jeder möchte am Ende in der Lage sein zu sagen, dass sein Leben mehr war, als zu konsumieren und Müll zu produzieren. Und ich denke, jeder möchte im Rückblick auf sein Leben gerne das Fazit ziehen, dass er alles gegeben hat, um diese Welt für andere besser zu machen.“

Weitere Informationen auf der internationalen Website zum Buch.

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Integration: Nicht alle Muslime sind gleich

Harald Stollmeier am 18. März 2011

„Die Deutschen sind keine Rassisten“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und in Wirklichkeit ist es für Einwanderer ganz einfach, mit ihnen in Frieden zu leben: Man muss sich unauffällig kleiden, man muss einigermaßen gut Deutsch sprechen, und man muss sich an ein paar einfache Regeln halten. Die wichtigste davon heißt: Nicht laut reden.“

Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wie viele Afrikaner ist er Muslim – und sieht darin keinen Widerspruch zu Menschenrechten, Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben. „Im Koran steht ausdrücklich“ sagt Dr. Kangoum, „wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit. Das finden Sie in der fünften Sure. Wer sich zur Rechtfertigung von Gewalt auf den Koran beruft, tut Unrecht.“

Für Islamisten hat Dr. Kangoum nicht viel übrig – schon allein wegen der schrecklichen Dinge, die sein Volk von der islamistischen Diktatur in Khartum erdulden muss –, und die beste aller Welten ist die islamische Welt von heute für ihn nicht. Als Vorsitzender des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschand engagiert er sich seit Jahren für eine bessere medizinische Versorgung von Afrikanern in Afrika und Europa. Dazu gehört die Bekämpfung der oft fälschlich mit dem Islam begründeten Genitalverstümmelung von Mädchen. Kritik an Missständen findet Dr. Kangoum berechtigt.

„Aber es beginnt mir auf die Nerven zu gehen“, sagt er, „dass ich als Muslim immer mehr unter Rechtfertigungsdruck stehe und dass immer mehr Menschen in Deutschland den Islam mit Barbarei gleichsetzen. Das ist trotz der vielen schlechten Nachrichten aus der islamischen Welt ein großes Unrecht. Muslime gehören zu einer Kultur, die der abendländischen lange überlegen war und schon vor über 1000 Jahren den Grundstein für die Naturwissenschaften von heute legte. Selbst unter gebildeten Europäern wissen nicht viele, was die Welt muslimischen Forschern wie al-Chwarizmi, Ibn Sina und Ibn Rushd verdankt. Und auch wenn das lange her ist, gehört es zu einem vollständigen Bild des Islam unbedingt dazu.“

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Als Abdelmoula Kangoum nach Deutschland kam, war er ein Exot – ein willkommener Exot. „Es ist oft vorgekommen“, erinnert er sich, „dass ich in der Gaststätte mein Abendessen bezahlen wollte und der Kellner zu mir sagte: Die Menschen an dem Tisch dort haben für Sie bezahlt.“ Noch heute fühlt er sich in Deutschland wohl, wird regelmäßig freundlich gegrüßt und angelächelt. Sorgen macht er sich um die Afrikaner, die unter oft abenteuerlichen Bedingungen nach Deutschland kommen und dann, zum Teil illegal, unter erbärmlichen Bedingungen leben.

„Diese Menschen haben es schon schwer genug“, sagt er, „auch ohne dass die Regierungschefin dieses Landes sich den Kampfbegriff Multikulti zu eigen macht. Mit der Aussage „Multikulti ist gescheitert“ ruft sie ja nicht zu mehr Differenzierung auf, sondern sie ermutigt Abgrenzung und Feindseligkeit. Dabei gewinnen auch die Deutschen nicht. Natürlich darf Deutschland von seinen Einwanderern Integrationsbereitschaft verlangen.

Aber die Einwanderer sind darauf angewiesen, dass man sie als Individuen ernst nimmt, anstatt ihnen mit Schubladendenken zu begegnen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist eine wichtige Eigenschaft, aber man darf Menschen nicht darauf reduzieren. Ein Freund von mir ist ein gutes Beispiel dafür, wie kontraproduktiv das sein kann: Als er nach Deutschland kam, trank er Whiskey, flirtete mit Frauen und war in religiösen Dingen tolerant. Aber man akzeptierte nicht, dass er so war, fragte ihn immer wieder, ob er nicht als Muslim anders sein müsse. Heute ist mein Freund ein strenggläubiger Muslim, der es mit den Geboten sehr genau nimmt.“

Moralblog veröffentlicht einen Aufsatz von Abdelmoula Kangoum über den muslimischen Beitrag zur modernen Wissenschaft.

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Denkmal für Ungeborene

Harald Stollmeier am 15. Januar 2011

Denkmäler für Fürsten, Krieger und Politiker gibt es zuhauf. Mahnmale für die Opfer staatlichen Unrechts gibt es zumindest in Deutschland. Denkmäler für ungeborene Kinder muss man lange suchen. Eines steht seit Oktober 2010 in Jerusalem. Aufgestellt hat es ein deutscher Franziskaner.

“Mortem obiit prae nativitate“ – frei übersetzt: „Vor der Geburt gestorben.” So lautet die Inschrift des Denkmals an der Kirche Dominus flevit auf dem Ölberg in Jerusalem. “Dominus flevit” heißt “der Herr weinte” – an dieser Stelle soll Christus geweint haben, als er die Zerstörung Jerusalems voraussagte (Lukas 19, 41-44). Die tränenförmige Kirche aus dem Jahr 1955 steht auf den Fundamenten einer byzantinischen Kirche aus dem sechsten Jahrhundert. Sie gehört dem Franziskanerorden.

Foto: P. Robert Jauch OFM

“Das Denkmal schmückt tatsächlich das Grab eines im Mutterleib gestorbenen Kindes, einer sogenannten Fehlgeburt”, berichtet Pater Robert Jauch OFM, von 2007 bis 2010 Hüter der Kirche Dominus flevit, “wir konnten auf Wunsch der Eltern die Bestattung des Kindes ermöglichen – ähnlich wie in Deutschland enden totgeborene Kinder unter 500 Gramm Körpergewicht auch in Israel sehr oft im Klinikabfall.” 

Foto: P. Robert Jauch OFM

(Fotos: P. Robert Jauch OFM)

Das Denkmal auf dem Grab hat die Form einer abgebrochenen Säule. Wie das Leben der ungeboren verstorbenen Kinder ist sie zu kurz. “Das Denkmal gilt allen Kindern, die vor ihrer Geburt gestorben sind”, sagt Pater Robert, “aber ganz besonders gilt es den unzähligen Opfern von Schwangerschaftsabbrüchen. Viel zu oft wird vergessen, dass diese Kinder genauso Menschen sind wie alle anderen, für die wir auf den Friedhöfen beten. Also beten wir auch für sie.”

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Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK ehrt afrikanische Ärzte

Harald Stollmeier am 10. August 2010

„Das Wichtigste bei unserer Arbeit ist das Vertrauen der Menschen, die wir beraten“, sagt die Ärztin Dr. MBoyo Likafu, „denn die Beschneidung der weiblichen Genitalien ist ein Tabu im Tabu. Keine Frau geht einfach zum Arzt und sagt, dass sie beschnitten ist. Und keine Kindergärtnerin kommt ein zweites Mal mit der Bitte um Hilfe für ein kleines Mädchen zu uns, wenn sie ihren Namen anschließend in der Zeitung sieht.“

Den meisten Afrikanern in Deutschland könnte es wesentlich besser gehen. Aber sie wissen es nicht: Sprachprobleme und kulturelle Barrieren bewirken einen Randgruppenstatus, der seinerseits die Überwindung von Bräuchen wie Kinderehen und die Beschneidung der weiblichen Genitalien erschwert. Auf diesem Gebiet engagieren sich die Mitglieder des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der BRD e. V. – und dafür konnten der Vereinsvorsitzende Dr. Abdelmoula Kangoum und Vorstandsmitglied Dr. MBoyo Likafu am 8. Juli 2010 den mit 2 500 Euro dotierten Duisburger Integrations­preis der Novitas BKK entgegennehmen. 

“Mit den hier verbreiteten Methoden“, erläutert Dr. Kangoum, „erreicht man bei Afrikanern und Arabern nicht das gewünschte Verständnis. Man muss bei der Aufklärung über Genital­be­schneidung die Familienstrukturen berücksichtigen und an die Männer beziehungsweise Väter herantreten. Nur dann hat man Erfolg. Für uns ist das natürlich leichter – auch aus sprachlichen Gründen.“

 „Geld ist nicht alles“, urteilte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, Schirmherr des neugestifteten Preises, „entscheidend ist das Engagement der Menschen. Der Deutsch-Afrikanische Ärzteverein ist durch sein humanes Engagement ein würdiger erster Träger dieses Preises.“ Herzlich dankte Oberbürgermeister Sauerland der Novitas BKK für ihre Initiative: „Dieser Preis passt zu unserer Stadt.“

 „Afrikanische Frauen zum Beispiel haben nichts von ihren Rechten und Möglichkeiten, wenn sie diese gar nicht kennen“; erklärte der Novitas BKK-Vorstandsvorsitzende Ernst Butz in seiner Laudatio, „im Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein haben diese Menschen einen kompetenten und engagierten Anwalt und Berater. Sie brauchen ihn dringend.“

Die Novitas BKK hat den Duisburger Integrationspreis gestiftet, um bürgerliches Engagement zu fördern, vor allem aber um durch öffentliches Reden über gute Beispiele möglichste viele Menschen zu eigenem Engagement zu ermutigen. Ernst Butz: „Wenn viele von uns kleine Hilfen leisten, dann tragen wir dazu bei, dass aus Fremden Mitbürger werden.“

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„Als Christ muss man helfen wo Hilfe gebraucht wird – egal was der Papst dazu sagt.“

Caroline Stollmeier am 2. Juni 2010

Die katholische Kirche hat sich im Jahr 2000 aus der Schwangerenkonfliktberatung zurückgezogen. Dieser Schritt hat viele Menschen verärgert. Diplom-Pädagogin Ulla Beckers gehört dazu: „Ich habe sieben Jahre im Caritasverband gearbeitet und Frauen beraten. Und von heute auf morgen soll alles falsch gewesen sein, was ich bis dahin gemacht habe?“ Ihre Gefühle von damals beschreibt sie am liebsten bildhaft: „Unsere Bischöfe habe sich gewünscht, dass die Frauen standhaft sind und zugunsten ihres ungeborenen Kindes nicht den Forderungen ihrer Familien und Männer nachgeben. Aber genau zu dieser Standhaftigkeit waren sie selber nicht in der Lage und haben stattdessen das ungeliebte Kind ‚Schwangerenhilfe’ abgetrieben.“

„Als Christ muss man helfen wo Hilfe gebraucht wird – egal was der Papst dazu sagt.“, ist der Rentner Alois Bassier überzeugt. Ihm liegen die ungeborenen Kinder und die werdenden Mütter in Not am Herzen.

Als Ulla Beckers und Alois Bassier sich zufällig kennen lernen entsteht die Idee für die Beratungsstelle „Haus im Hof“, die inzwischen seit zehn Jahren erfolgreich in Duisburg-Marxloh Schwangere, Paare, Familien und Schüler berät und aufklärt. „Die Schwangerenberatung ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, aber ich komme auch immer wieder auf das Thema Verhütung zu sprechen. Sie können sich nicht vorstellen, was ich da manchmal zu hören kriege…!“, verrät Ulla Beckers im Moralblog-Interview.

Wer ungewollt schwanger ist darf unter bestimmten Bedingungen in Deutschland straffrei abtreiben. Dafür ist unter anderem der Nachweis einer staatlich anerkannten Konfliktberatung erforderlich. Im „Haus im Hof“ können Frauen diese Beratung bekommen. „Wenn wir keine Scheine ausstellen würden, dann käme doch keiner.“, meint Alois Bassier. Und Ulla Beckers stimmt ihm zu: „Das weiß ich aus Arbeitskreisen mit anderen Beratungseinrichtungen.“

Die typische Beratungssituation im „Haus im Hof“ gibt es nicht, weil die Erfahrungen und Lebensgeschichten der Frauen, die dort Hilfe suchen, zu individuell verschieden sind. „In vielen Fällen fühlen sich Frauen aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen; einer davon sind Depressionen.“, erzählt Ulla Beckers. „Es kommt vor, dass die Frauen von ihren Eltern oder ihrem Partner zur Abtreibung gedrängt werden. Und immer häufiger haben junge Frauen Angst um ihren Ausbildungsplatz oder ihre Arbeitsstelle.“

In der Beratung werden alle Möglichkeiten besprochen. Wie könnte das Leben mit oder ohne dieses Kind weiter gehen? Manchmal sind Dinge ausschlaggebend, die einem als Kleinigkeit erscheinen können: Begleitung bei Behördengängen oder Geld für einen Kinderwagen. Die Beraterinnen im „Haus im Hof“ kennen sich damit aus, welche Fördermöglichkeiten es gibt. Und dank treuer Spender und Unterstützer (übrigens auch aus Kirchenkreisen) können sie auch darüber hinaus einspringen, wenn es nötig ist.

„Mut macht den Frauen oft, dass jemand einfach sagt: Ich verstehe, dass du ein Problem hast.“, erzählt Ulla Beckers. „Wenn man beispielsweise jung schwanger wird, dann ist das nicht der gerade Weg. Aber es gibt Umwege und Schleifen, die man gehen kann. Und wir gehen mit.“, sagt sie.

Alois Bassier kümmert sich um das Fortbestehen der Beratungsstelle. Reparaturen am Haus erledigt er nach Möglichkeit selbst. Außerdem wirbt er unermüdlich um finanzielle Unterstützung und Akzeptanz für das „Haus im Hof“. Im Büro der Beratungsstelle ist er vor kurzem zufällig mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie hat ihm ihr Neugeborenes gezeigt und gesagt: „Das wäre ohne Sie nicht da.“ Ein unvergessliches Erlebnis. 

„Als Christ können wir nur unsere Hilfe anbieten, und das müssen wir auch. Entscheiden müssen die Frauen dann aber alleine. Das ist ihr Grundrecht. Und diese Entscheidung müssen wir akzeptieren.“, sagt Alois Bassier. „Und Jesus würde das auch so machen.“, fügt er hinzu.

 

 Haus im Hof

Kaiser-Wilhelm-Str. 278

47169 Duisburg-Marxloh

 

Spendenkonto:

KD-Bank e.G.

Konto: 101 3648 022

BLZ: 350 601 90

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Pater Rainer van Doorn: Seelsorge für die Armen

Caroline Stollmeier am 2. Februar 2010

„Leute in Not sind eher bereit die Hände zu falten und zu beten“, stellt Pater Rainer fest und etwas Warmes, Liebevolles liegt dabei in seiner Stimme.

Pater Rainer Wilhelm van Doorn OPraem ist Senior des Konvents der Prämonstratenser und als Ruheständler an der Filialkirche St. Franziskus in Duisburg-Hamborn im aktiven Dienst. „Hilfspriester“ nennt er sich selbst.

Im Gespräch mit Moralblog erzählt Pater Rainer von seinem Leben als Seelsorger für die Armen und seinen Träumen von einer besseren Welt.

Der inzwischen fast 80-jährige gebürtige Niederländer ist geprägt von den Kriegserlebnissen seiner Jugend. „Das war eine ganz, ganz schlimme Zeit. Wir haben als Kinder gesehen, wie Menschen erschossen wurden.“, erinnert er sich. „Die letzten Kriegsjahre haben wir fast jede Nacht im Keller verbracht aus Angst vor den Flugzeugen voller Bomben, die abgeschossen wurden und irgendwo runter gekommen sind. So etwas vergisst man nie. Die Ängste, die man hatte, haben einen total geprägt.“

Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden hat er damals überlegt, wie man die Welt besser machen könnte. „Priester zu werden erschien uns eine gute Möglichkeit. Da ist man Lehrer, Sozialarbeiter, alles zusammen.“, erzählt er. „Vier Leute aus meiner Klasse sind Priester geworden. Und alle waren in sozialen Bereichen tätig.“

Inspiriert wurden die jungen Männer damals vor allem auch durch ihren Gemeindepfarrer, einen konvertierten Juden, der später ins KZ gebracht wurde, weil er einem SS-Mann die Kommunion verweigert hat. „Als Kinder haben wir gesehen, wie er auf dem Wagen war, als er abgeholt wurde.“, berichtet Pater Rainer.

Rückblickend sagt Pater Rainer: „In kleinen Dingen hat es geklappt, die Welt besser zu machen. Wir haben hier auf dem Ostacker eine kleine Gemeinde, in der es Ansätze von Geschwisterlichkeit gibt. Unsere Gemeinde ist auch ein Zentrum für arme Leute geworden.“

Tatsächlich ist St. Franziskus am Ostacker etwas ganz Besonderes. Die Kirche hat die Gemeindereform des Bistums Essen zwar überlebt, aber „es ist fast nichts mehr da“, so Pater Rainer. „In der Gemeinde sind nur noch zwei-, dreihundert Leute.“

Heute ist Pater Rainer 35 Jahre dort. Der Stadtteil hat sich in dieser Zeit verändert. „Hier ist alles türkisch geworden.“, erzählt er. „Früher war hier ein sozial schwaches Gebiet. Messerstechereien und Kloppereien waren an der Tagesordnung. Heute ist hier Ruhe.“ Inzwischen gibt es sogar erste Ansätze von Zusammenarbeit mit islamischen Geistlichen. „In religiösen Fragen ist es zwar schwierig, aber die Moscheen haben Probleme die Jugendlichen anzusprechen, genau wie wir.“, sagt Pater Rainer.

„Verwahrloste Kinder sind unser größtes Problem. Jeden Tag gibt es bei uns mittags etwas zu essen für eine Gruppe von Kindern, und eine Schwester macht Schulaufgaben mit ihnen. Ein Mal konnten wir 15 Kinder für zwei Wochen nach Ameland schicken. Das war der erste Urlaub für sie. Und als sie zurück kamen haben sie mich voller Freude und Dank angesprungen.“, erzählt er lachend.

„Bis zu meinem 70. Geburtstag habe ich Schulstunden gemacht. Jetzt ist mein direkter Kontakt zu Jugendlichen nur noch sporadisch.“, so Pater Rainer. „Ich bin zu alt dafür.“ Zu alt ist er jedoch keineswegs für sein unermüdliches Engagement für die Bedürftigen im Duisburger Norden. Er und seine Haushälterin Fräulein Christel Plöderl helfen ganz praktisch: Am 4. Sonntag im Monat organisieren sie mit 15 ehrenamtlichen Helfern einen großen Mittagstisch für 120 Personen, und jeden Montagnachmittag gibt es eine Essensausgabe, zu der regelmäßig etwa 80 Bedürftige kommen. Außerdem haben sie ein „offenes Pfarrhaus“.

„Zu unserem Mittagstisch kommen viele Alleinstehende, aber auch Alleinerziehende mit ihren Kindern und Babys. Das hat sich geändert. Früher kamen Penner, jetzt Hartz-IV-Leute.“, erzählt Pater Rainer. „Und Fräulein Christel ist irgendwie die Mutter von allen. Es kommt vor, dass Menschen aus dem Knast kommen und sich bei ihr zurück melden.“

 

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Fräulein Christel und Pater Rainer (Foto: Caroline Stollmeier)

 

Die Beiden leben Seelsorge. Sie kennen die bedürftigen Menschen, die immer wiederkommen, und ihre Geschichten. Wer an ihrer Tür klingelt, darf immer auf etwas zu Essen, ein Kleidungsstück und vor allem ein offenes Ohr hoffen.

Für das Mittagessen und bei der Essensausgabe bezahlen die Menschen einen Euro. „Das wollten die Leute selbst so.“, berichtet Pater Rainer, „Die wollen nichts geschenkt.“ Ansonsten wird alles ausschließlich spendenfinanziert.

„Meistens sind es materielle Probleme, die die Leute haben. Aber auch der Alkohol macht die Menschen fertig. Viele sterben früh. Wir machen viel Sterbebegleitung und Beerdigungen hier. Der Bischof hat uns die Erlaubnis gegeben jeden zu beerdigen, egal ob evangelisch, katholisch oder überhaupt getauft. Die Bedürftigen selber organisieren manchmal noch ein Kaffeetrinken, wenn einer von ihnen gestorben ist. Das ist dann immer sehr bewegend.“, erzählt er.

Aber Pater Rainer feiert auch gerne mit den Menschen, liebt die Gemeinschaft. Er genießt es nach den Proben des Kirchenchors noch bei einem Glas Wein oder Bier mit den Leuten zusammen zu sitzen. Natürlich hat er auch zu seinen Mitbrüdern in der Abtei einen engen Kontakt. Mindestens zur Vesper und zum Abendbrot ist er bei ihnen.

„Das ist das Schöne, wenn man in der Rente ist“, sagt er, „da hat man mehr Zeit. Mir sind meine Predigten und Ansprachen besonders wichtig. Die müssen jetzt nicht in einer halben Stunde fertig sein, sondern manchmal denke ich eine Woche lang jeden Tag darüber nach. Es ist eine Freude auf diese Weise wieder tiefer in das Leben Jesu zu geraten.“ Ab und zu sieht er jetzt auch fern.

Heute wirkt Pater Rainer durchweg ausgeglichen und zufrieden. Aber: „In jungen Jahren war es ein Problem, dass ich nicht geheiratet habe. Während des Studiums haben wir alle überlegt: Können wir das? Halten wir das durch? Und wenn man dann die Trauungen von fünf Geschwistern sieht, dann möchte man teilhaben an diesem Glück. Kinder fehlen und sich gemeinsam mit jemandem eine Zukunft aufzubauen. Als Seelsorger steht man fast immer alleine da.“

Fräulein Christel ist inzwischen seit 40 Jahren Pater Rainers Haushälterin und das „soziale Element“, wie er sagt. „Wir lieben uns nicht, aber wir verstehen uns.“, beschreibt er ihre Beziehung. „Sie ist für das Menschliche zuständig. Wenn man zölibatär zusammen lebt, dann ist da eine Distanz, aber es lässt sich auch Vieles machen.“

Beide haben schon einige Preise und Auszeichnungen für ihr beispielhaftes Engagement bekommen, zum Beispiel 1992 den Heinrich-Brauns-Preis für besondere Verdienste um die katholische Soziallehre für Pater Rainer. Sie freuen sich darüber, aber wichtig ist ihnen nur ihre Arbeit und dass sie den armen Menschen helfen können. „Was mir viel bedeutet, ist unsere Kirche.“, sagt er. „Die wurde nach dem Krieg von 60 Männern und Frauen innerhalb von zweieinhalb Jahren aus den zerstörten Häusern gebaut – ohne Architekt und ohne Geld. Die Kirche atmet immer noch diesen Geist des Wir-machen-das-selber.“

„Wichtig ist, dass die Menschen für einander da sind, damit alle gut leben können. Dann kann man auch in der Not mal lachen.“, sagt Pater Rainer, der eine Zeit lang in Brasilien gelebt hat und seitdem von der Theologie der Befreiung beeindruckt ist. „Beim einfachen Leben mit einfachen Menschen spürt man, was Jesus meint – das ist die frohe Botschaft.“

 

 

Spendenkonto:

Propstei St. Johann

Kontonummer.: 5137062125

Bankleitzahl: 35060386 (Volksbank Rheinruhr)

Verwendungszweck (bitte nicht vergessen!):

Mittagstisch St. Franziskus

 

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5.000 Euro für ein Menschenleben

Caroline Stollmeier am 10. Dezember 2009

Kratzt man irgendwo ein bisschen an der Oberfläche, dann können sich Abgründe auftun. Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2008 insgesamt 114.484 Schwangerschaftsabbrüche registriert.

114.484 Babys, die nie geboren wurden. 114.484 Leben, die nie gelebt werden können. – Das sind Hunderte an jedem einzelnen Tag. In Deutschland.

Nach Schätzungen von Manfred Spieker, Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück, ist die tatsächliche Zahl der Schwangerschaftsabbrüche doppelt so hoch. Er führt das auf Ungenauigkeiten in der statistischen Datenerhebung zurück.

Welche Zahl nun gilt – sie muss erschrecken.

Aber hier geht es nicht um Statistiken, denn hinter jedem Schwangerschaftsabbruch steht eine Geschichte. Man wird unterstellen dürfen, dass die allerwenigsten Frauen diesen Schritt leichtfertig machen. Ein Abbruch ist schließlich kein Verhütungsmittel.

Brigitta Thurmaier spricht für das seit Oktober laufenden Projekt 1000plus: „Wir wollen in den nächsten Jahren tausend und mehr Frauen helfen, ihre Babys zu retten.“ Und dabei setzt das Projekt auf qualifizierte Beratung konsequent hin zum Leben. Die 1000plus-Beratung ist eine von wenigen „scheinfreien“ in Deutschland.

Nach § 218 StGB ist ein Schwangerschaftsabbruch zwar grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar, es gibt aber Ausnahmen. Eine davon ist die so genannte Beratungsregel, die besagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch der Schwangeren von einem Arzt durchgeführt werden kann, wenn die Schwangere durch eine Bescheinigung nachweist, dass sie mindestens drei Tage zuvor eine Schwangerenkonfliktberatung nach § 219 StGB in einer anerkannten Beratungsstelle bekommen hat.

1000plus stellt keine Beratungsscheine aus. Das würde nicht zum Selbstverständnis und zum klaren Bekenntnis zum Leben passen. Befürchtungen, dass 1000plus aus diesem Grund nicht genügend Frauen in Konfliktsituationen erreichen könnte, kann Brigitta Thurmaier sofort entkräften: „Wie müssen regelmäßig unsere Internet-Werbung abschalten lassen, weil sich mehr Frauen melden, als wir zur Zeit beraten können. Wir brauchen zuerst noch mehr Beraterinnen.“

Dass eine Frau sich nicht (uneingeschränkt) über ihre Schwangerschaft freut, kann viele Gründe haben. Beispielsweise, dass sie noch mitten in der Ausbildung oder im Studium ist, dass keine stabile Partnerschaft zum Vater des Kindes besteht oder dieser sie sogar zur Abtreibung drängt, dass sie sich wegen bereits geborener Kinder überfordert fühlt oder dass ihre Wohnung ungeeignet scheint.

In einer sensiblen und individuellen Beratung geht es an erster Stelle um die betroffenen Frauen. Ihre Probleme gilt es gemeinsam zu lösen und Wege zu finden, Krisen und Ängste zu überwinden. Erst dann können sie mit Herz und Verstand ja zu ihrem Baby sagen.

Neben der Beratung ist unmittelbare materielle Hilfe ganz wichtig. 1000plus bietet Frauen im Konflikt konkrete Unterstützung an. Beispielsweise hilft 1000plus bei der Suche nach einer größeren Wohnung, vermittelt auf Wunsch Plätze in Mutter-Kind-Heimen, stellt eine Tagesmutter zur Verfügung oder zahlt für die ersten Jahre Zuschüsse zum Lebensunterhalt für das Kind.

„Nach unserer Erfahrung brauchen wir etwa 5.000 Euro, um einer Frau zu helfen, damit sie sich für ihr Kind entscheiden kann.“, sagt Brigitta Thurmaier. Da 1000plus keine Steuerzuschüsse bekommt (weil keine Beratungsscheine ausgestellt werden), muss diese Hilfe komplett durch Projektpartner wie die STIFTUNG JA ZUM LEBEN und andere Unterstützer aufgebracht werden.

Frauen, die Hilfe suchen, werden in der Regel monatelang, manchmal sogar über Jahre, begleitet. „Die Erfahrung beweist, dass sich die überwältigende Mehrheit der Frauen – im Jahr 2008 waren es 84 Prozent – für ihr Baby entscheidet, wenn sie intensive Beratung und Begleitung bekommen.“, kann Brigitta Thurmaier berichten. Damit mehr Frauen im Konflikt geholfen werden kann, will 1000plus mehr Beraterinnen ausbilden, um das erfolgreiche „scheinlose“ Beratungskonzept auf ganz Deutschland auszuweiten. Dafür ist 1000plus auf der Suche nach Kooperationspartnern.

1000plus wünscht sich MitMACHER: Kommunikative Menschen, die sich klar für das Leben aussprechen, die hinsehen und protestieren, wenn Schwangerschaftsabbrüche irgendwo als normal dargestellt werden, die ihre Freude am (ungeborenen) Leben teilen und die zur Verbreitung der 1000plus-Botschaft beitragen.

Und natürlich geht es bei 1000plus auch um Geld – wie heutzutage fast überall. Aber nicht überall ist so leicht nachvollziehbar, wie Geld erfolgreich Menschen-Leben retten kann…

 1000plus für das Leben

Mehr Informationen über das Projekt 1000plus und die Möglichkeit, selbst MitMACHER zu werden, gibt es auf: www.1000plus.de

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Was macht mein Geld, wenn ich nicht hinsehe?

Caroline Stollmeier am 3. Dezember 2009

Manfred* liebt diese kurzen ungewiss-spannungsvollen Augenblicke, in denen er vor seinem Briefkasten steht und noch nicht weiß was drinsteckt. Welche Überraschungen mag die Welt für ihn haben?

Vor kurzem fand er einen dicken Umschlag mit dem T-Logo drauf. Was mochte die Telekom noch von ihm wollen? Längst war er kein Kunde mehr. Zu oft war er von Service und Angeboten enttäuscht worden.

Das Rätsel um den Brief war schnell gelöst. Der Umschlag enthielt Manfreds Einladung zur Hauptversammlung des Unternehmens. Nach kurzem Besinnen fiel Manfred wieder ein, dass er vor Jahren T-Aktien gekauft hatte. Aber das hatte er inzwischen fast vergessen.

Alles hatte damit angefangen, dass seine Freunde, Kollegen und Bekannten plötzlich wie vom Börsen-Fieber befallen waren. Jeder wollte Shareholder sein, winzige Teile von Unternehmen besitzen und gutes, schnelles Geld „machen“. Ganz einfach. Selbst Manfreds Mutter gehörte dazu.

Im Jahr 2000 war der Halbleiterhersteller Infineon an die Börse gegangen. Und wegen des großen Medienrummels und des allgemeinen Aktien-Fiebers wollten die Menschen viel mehr von diesen Aktien kaufen, als es überhaupt gab. Manfreds Mutter gehörte zu den Überglücklichen, denen eine Handvoll Aktien zugeteilt wurden. Sie habe gewonnen, erzählte sie daraufhin stolz.

Manfred bezweifelte, dass seine Mutter überhaupt wusste, was Halbleiter sind und wofür man sie benutzt. Erst recht konnte er sich nicht vorstellen, dass sie eine Ahnung davon hatte, welche Stellung Infineon im Wirtschaftsgeschehen hat und wie die nahen und fernen Zukunftsprognosen aussahen.

Manfred ließ den Infineon-Zug abfahren ohne aufzuspringen. Er fühlte sich jedoch zunehmend als Außenseiter, als Miesmacher, als jemand, der die Zeit verschläft. Als seine Mutter dann auch noch wenige Wochen später berichtete, dass sie einen Teil ihrer Aktien wieder verkauft und durch die unglaubliche Kursentwicklung ihren ursprünglichen Einsatz schon wieder heraus bekommen hätte, da war Manfred sprachlos. Und weil er kein Argument mehr dagegen hatte, wollte er jetzt auch Aktien kaufen.

In diesem Moment fiel ihm die „Volksaktie“ ein. Die Deutsche Telekom vergab auch Aktien – an jeden, der welche haben wollte. Und die Telekom kannte Manfred. Telefonieren tat doch schließlich jeder. Und das würde auch immer so bleiben. Eine T-Aktie ist also eine solide Sache. Manfred ist ein Typ, der nicht gerne unnötige Risiken eingeht.

Für 751,20 Euro (damals natürlich noch als Äquivalent in D-Mark) kaufte er Telekom-Aktien. Und von diesem Tag an gehörte er zum Club. Er war nun Aktionär wie seine Freunde, Kollegen und Bekannten. Und wie seine Mutter.

Im Laufe der Zeit ebbte das Aktien-Fieber wieder ab. Glücklich waren inzwischen diejenigen, die nur mit Geld spekuliert hatten, dass sie im Grunde nicht benötigten. Manfred hörte von niemandem, dass der schnelle Reichtum eingetreten war. Und ganz allgemein wurde über Aktien nun wenig gesprochen.

Manfred hielt noch immer den Brief mit der Einladung in der Hand. Ohne in seinen Kalender zu sehen wusste er, dass er am Tag der Hauptversammlung etwas Besseres vorhaben würde. Genau wie auch in den Jahren zuvor.

Manfreds Geld arbeitete noch für die Telekom. Aber sein Bekannter Willi* nicht mehr. Denn dem wurde im Rahmen irgendeines Einsparprogramms gekündigt. Und wenn Manfred Fragen zu seinem Telefon hatte, dann rief er jetzt eine Servicenummer an, unter der er sofort einen echten Menschen erreichte, der ihm wirklich helfen konnte.

Da stimmt doch etwas nicht mehr, dachte sich Manfred. Bei der nächsten Gelegenheit machte er sich auf den Weg zu seiner Bank um zu erfragen, welchen Wert seine Telekom-Aktien heute haben. Immerhin 794,58 Euro. Er gehörte also nicht zu den Menschen, die in der Finanzkrise ihre Existenzgrundlage verloren hatten. Manfred war eben vorsichtig. Und die Telekom-Aktie eine solide Geldanlage.

Manfred ist nicht reich. Deshalb hat er weder viel Geld zu verschenken noch zu verschleudern. Aber er hat sein Geld aus den Augen gelassen. Das war ein Fehler, wie er im Nachhinein sagen muss. Sein Geld hat dazu beigetragen, dass es ein Unternehmen am Markt gibt, das ihn selber als Kunden im Stich lässt und seine Mitarbeiter auch.

Am gleichen Tag noch hat Manfred seine Telekom-Aktien verkauft. Letztlich hat er mit dieser Anlage zwar keinen Gewinn gemacht. Aber immerhin weiß er jetzt wieder wo sein Geld ist. Das macht ihn froh.

Und heute hat Manfred zwei Umschläge aus dem Briefkasten gezogen. Es sind Spendenaufrufe wie er sie in diesen Adventstagen beinah täglich erhält. Manfred öffnet sie. Er ist nicht reich. Und er hat wenig Geld zu verschenken. Aber ein bisschen eben doch. Und das tut er dort, wo er sein Geld ruhig aus den Augen lassen kann. Denn an manchen Orten muss Geld eben nicht nur arbeiten, sondern darf auch Gutes tun.

 

* Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt, werden aber auf Wunsch der genannten Personen nicht veröffentlicht.

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