Rebecca Kiessling wurde gleich nach ihrer Geburt adoptiert. Als 18-jährige begann sie die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Es war nicht ganz einfach, aber schließlich fand sie heraus, wer ihre Mutter ist. Darüber war sie sehr glücklich. Todunglücklich hingegen machten sie die Umstände, unter denen sie gezeugt wurde: ihre Mutter war nämlich Opfer eines brutalen Serienvergewaltigers geworden.
Rebecca war überzeugt davon, dass ihre Mutter sie hassen würde. Sie stellte sich vor, dass sie das Schlimmste sei, das ihrer Mutter je passiert ist. Außerdem fühlte sie sich beschmutzt und wertlos. Welcher nette Mann würde sie, das „Produkt“ einer Vergewaltigung, je lieben können? Und sollte sie jemals einen Sohn bekommen, wäre dieser dann auch irgendwann ein Vergewaltiger?
Rebeccas Mutter hingegen war überglücklich, als sie endlich Kontakt zu ihrer Tochter hatte. Nach dem ersten Telefonat schrieb sie ihrer Tochter in einem herzlichen Brief: „All diese Jahre hatte ich nichts von Dir, kein Foto, nichts, das mir sagte, dass Du ein Teil von mir bist. Nur die Erinnerung an eine Schwangerschaft mit dem Baby, von dem ich hoffte, dass es eines Tages seine wirkliche Mutter suchen würde, so wie auch ich mein Baby kennen lernen wollte. Ich habe Dich in meinem Herzen immer geliebt.“
Das Wiedersehen nach all den Jahren war ein wunderbarer Tag für Mutter und Tochter.
Dann ist Rebecca auf das Thema Abtreibung aufmerksam geworden. Sie fragte ihre Mutter, ob diese je daran gedacht hätte, ihr Kind abzutreiben. Und die Mutter gab zu, dass sie es sogar zwei Mal versucht hatte. Zu dieser Zeit aber waren Abtreibungen in ihrem Heimatstaat der USA verboten. Und die Hinterhofpraxen, in die sie geschickt wurde, arbeiteten unter so abstoßenden Bedingungen, dass die Mutter Reißaus genommen hatte. So wurde Rebecca schließlich geboren.
Auch das Wissen darum, dass sie beinahe abgetrieben worden wäre, stürzte Rebecca in eine große Krise. Sie lebte fortan in der zwanghaften Gewissheit, dass sie der Welt beweisen müsse, dass sie es wert sei, zu leben und geliebt zu werden. Mehr noch als Faktoren wie Herkunft, Wohngegend, Beruf und Einkommen der Eltern fühlte sie, dass die Umstände der Zeugung und Geburt den Wert eines Menschen in den Augen anderer ausmachen.
Ihre Beziehungen endeten oft in Missbrauch und Gewalt. Bis sie eines Tages Gottes Wirken in ihrem Leben erkannte. Sie begann sich im Lebensschutz zu engagieren. Ihre Freude darüber leben zu dürfen wollte sie mit anderen Menschen teilen und damit auch beweisen, dass die Umstände der Zeugung nicht entscheidend für ein gelingendes Leben sind.
Nach langen Gesprächen mit ihrer Mutter und vielen anderen betroffenen Frauen weiß sie heute: „Nicht das Baby ist das Schlimmste, das einer vergewaltigten Frau passieren kann, sondern eine Abtreibung ist das.“
Aufgrund ihres Engagements trifft sie häufig auf Abtreibungsgegner und -befürworter. Sie findet es herzlos, wenn diese ihr sagen, dass sie gegen Abtreibungen sind „außer nach einer Vergewaltigung“ bzw. für ein Recht auf Abtreibung sind „vor allem nach einer Vergewaltigung“. Für sie ist das, als wenn diese Menschen sagen würden: „Wenn es nach mir ginge, dann wärst Du heute tot.“ Und so etwas würde Rebecca nie zu jemandem sagen.
Oft hört sie, dass sie damals großes Glück hatte, weil ihre Mutter sie nicht abgetrieben hat. Darauf erwidert sie: „Nein, ich hatte kein Glück, ich wurde beschützt. Ich wurde beschützt vom Gesetz und von den Leuten, die dieses Gesetz gemacht haben. Wären Abtreibungen damals legal gewesen, dann wäre ich heute tot.“
Ihre Helden sind die Menschen, die sich damals so wirksam für den Lebensschutz Ungeborener eingesetzt haben und denen sie ihr Leben verdankt. Und ein bisschen hofft sie nun auch, so ein Held für andere Menschen werden zu können. Deshalb sagt sie deutlich: „Ich bin 100% für das Leben, ohne Ausnahmen und ohne Kompromisse.“
Rebeccas eigene Geschichte hat inzwischen ein nahezu märchenhaftes Ende gefunden: Sie arbeitet als Familienanwältin für verzweifelte Frauen, lebt glücklich zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern, und von ihrer leiblichen Mutter wurde sie rechtskräftig adoptiert.

Rebecca Kiessling bei einer Festveranstaltung der ALfA in Düsseldorf am 31. Oktober 2011 (Fotos: Caroline Stollmeier)


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