Archiv für die Kategorie 'Gute Menschen'

Gezeugt durch eine Vergewaltigung: Rebecca Kiessling

Caroline Stollmeier am 3. November 2011

Rebecca Kiessling wurde gleich nach ihrer Geburt adoptiert. Als 18-jährige begann sie die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Es war nicht ganz einfach, aber schließlich fand sie heraus, wer ihre Mutter ist. Darüber war sie sehr glücklich. Todunglücklich hingegen machten sie die Umstände, unter denen sie gezeugt wurde: ihre Mutter war nämlich Opfer eines brutalen Serienvergewaltigers geworden.

Rebecca war überzeugt davon, dass ihre Mutter sie hassen würde. Sie stellte sich vor, dass sie das Schlimmste sei, das ihrer Mutter je passiert ist. Außerdem fühlte sie sich beschmutzt und wertlos. Welcher nette Mann würde sie, das „Produkt“ einer Vergewaltigung, je lieben können? Und sollte sie jemals einen Sohn bekommen, wäre dieser dann auch irgendwann ein Vergewaltiger?

Rebeccas Mutter hingegen war überglücklich, als sie endlich Kontakt zu ihrer Tochter hatte. Nach dem ersten Telefonat schrieb sie ihrer Tochter in einem herzlichen Brief: „All diese Jahre hatte ich nichts von Dir, kein Foto, nichts, das mir sagte, dass Du ein Teil von mir bist. Nur die Erinnerung an eine Schwangerschaft mit dem Baby, von dem ich hoffte, dass es eines Tages seine wirkliche Mutter suchen würde, so wie auch ich mein Baby kennen lernen wollte. Ich habe Dich in meinem Herzen immer geliebt.“

Das Wiedersehen nach all den Jahren war ein wunderbarer Tag für Mutter und Tochter.

Dann ist Rebecca auf das Thema Abtreibung aufmerksam geworden. Sie fragte ihre Mutter, ob diese je daran gedacht hätte, ihr Kind abzutreiben. Und die Mutter gab zu, dass sie es sogar zwei Mal versucht hatte. Zu dieser Zeit aber waren Abtreibungen in ihrem Heimatstaat der USA verboten. Und die Hinterhofpraxen, in die sie geschickt wurde, arbeiteten unter so abstoßenden Bedingungen, dass die Mutter Reißaus genommen hatte. So wurde Rebecca schließlich geboren.

Auch das Wissen darum, dass sie beinahe abgetrieben worden wäre, stürzte Rebecca in eine große Krise. Sie lebte fortan in der zwanghaften Gewissheit, dass sie der Welt beweisen müsse, dass sie es wert sei, zu leben und geliebt zu werden. Mehr noch als Faktoren wie Herkunft, Wohngegend, Beruf und Einkommen der Eltern fühlte sie, dass die Umstände der Zeugung und Geburt den Wert eines Menschen in den Augen anderer ausmachen.

Ihre Beziehungen endeten oft in Missbrauch und Gewalt. Bis sie eines Tages Gottes Wirken in ihrem Leben erkannte. Sie begann sich im Lebensschutz zu engagieren. Ihre Freude darüber leben zu dürfen wollte sie mit anderen Menschen teilen und damit auch beweisen, dass die Umstände der Zeugung nicht entscheidend für ein gelingendes Leben sind.

Nach langen Gesprächen mit ihrer Mutter und vielen anderen betroffenen Frauen weiß sie heute: „Nicht das Baby ist das Schlimmste, das einer vergewaltigten Frau passieren kann, sondern eine Abtreibung ist das.“

Aufgrund ihres Engagements trifft sie häufig auf Abtreibungsgegner und -befürworter. Sie findet es herzlos, wenn diese ihr sagen, dass sie gegen Abtreibungen sind „außer nach einer Vergewaltigung“ bzw. für ein Recht auf Abtreibung sind „vor allem nach einer Vergewaltigung“. Für sie ist das, als wenn diese Menschen sagen würden: „Wenn es nach mir ginge, dann wärst Du heute tot.“ Und so etwas würde Rebecca nie zu jemandem sagen.

Oft hört sie, dass sie damals großes Glück hatte, weil ihre Mutter sie nicht abgetrieben hat. Darauf erwidert sie: „Nein, ich hatte kein Glück, ich wurde beschützt. Ich wurde beschützt vom Gesetz und von den Leuten, die dieses Gesetz gemacht haben. Wären Abtreibungen damals legal gewesen, dann wäre ich heute tot.“

Ihre Helden sind die Menschen, die sich damals so wirksam für den Lebensschutz Ungeborener eingesetzt haben und denen sie ihr Leben verdankt. Und ein bisschen hofft sie nun auch, so ein Held für andere Menschen werden zu können. Deshalb sagt sie deutlich: „Ich bin 100% für das Leben, ohne Ausnahmen und ohne Kompromisse.“

Rebeccas eigene Geschichte hat inzwischen ein nahezu märchenhaftes Ende gefunden: Sie arbeitet als Familienanwältin für verzweifelte Frauen, lebt glücklich zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern, und von ihrer leiblichen Mutter wurde sie rechtskräftig adoptiert.

 

Rebecca_Moralblog

Rebecca Kiessling bei einer Festveranstaltung der ALfA in Düsseldorf am 31. Oktober 2011 (Fotos: Caroline Stollmeier)

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Eltern und Kinder: Selbstverständlichkeiten im Wandel

Harald Stollmeier am 30. August 2011

Ein Konstanzer Unternehmen will spätestens im Frühjahr 2012 ein Verfahren auf den Markt bringen, mit dem eine Trisomie 21 (Down-Syndrom) bei Embryonen schon in der 10. Schwangerschaftswoche sicher festgestellt werden kann. Untersucht wird dabei nur das Blut der Mutter.  Die heute übliche Fruchtwasseruntersuchung mit ihrem ca. fünfprozentigen Risiko einer Fehlgeburt wird dann überflüssig. Spätabtreibungen wegen Trisomie 21 dürften damit bald der Vergangenheit angehören – weil die Abbrüche dann einfach früher stattfinden.

Tatsächlich dürfte die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche wegen Trisomie 21 sogar steigen, weil dann auch Eltern einen Test vornehmen lassen, die heute auf die Fruchtwasseruntersuchung wegen des Risikos einer Fehlgeburt verzichten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dem Hersteller dieser Tests mit wachsender Zahl überprüfbarer Faktoren märchenhafte Gewinne vorauszusagen – welche Eltern wollen denn nicht bestätigt bekommen, dass es ihrem Baby gut geht?

Lebensrechtler brauchen sich keine Illusionen zu machen: Sobald das funktioniert, wird es zur Selbstverständlichkeit. Ob auch die Entfernung von Embryonen mit unerwünschten Eigenschaften zur Selbstverständlichkeit wird, das ist eine andere Frage.

Ich frage mich, was wohl mein am 25. August 1924 im Alter von 61 Jahren verstorbener Ururgroßvater Bernard Evers aus Etteln bei Paderborn dazu sagen würde. In seinem Testament verfügte er unter anderem: „Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen …“

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Bernhard Evers war kein übermäßig moderner Mensch. Er war ein wohlhabender Ackerwirt, Mitglied der dörflichen Oberschicht, römisch-katholisch und ein strenger Vater. So streng, dass er dem Heiratswunsch seiner Tochter Elisabeth (deren Urenkel ich bin) massiven Widerstand entgegensetzte, weil ihm der junge Johann Isermann zu arm und auch sonst wohl nicht geeignet erschien. Erst nach der Geburt meiner Großtante Dorothea am 29. April konnte Elisabeth am 10. Juni 1914 den Vater des Kindes heiraten. Der Groll des Vaters klingt noch im Testament nach: “Meine Tochter Elisabeth … hat kein Recht mehr auf Forderungen.” So regelt man das unter westfälischen Dickschädeln.

Damals war es selbstverständlich, dass ein Vater auf die Gattenwahl seiner zwanzigjährigen Tochter entscheidend Einfluss nahm. Ebenso selbstverständlich war es offensichtlich, für behinderte Kinder angemessen zu sorgen.

Die heute übliche größere Freiheit von Töchtern bei der Wahl ihres Ehemannes ist in meinen Augen ein Fortschritt. Sie ist die Konsequenz des christlichen Eheverständnisses (und des bürgerlichen), für das die Freiwilligkeit des Eheversprechens unabdingbar ist.

Ist der Verlust des gesellschaftlichen Einvernehmens über die Verantwortung für behinderte Kinder einfach die Kehrseite der Medaille? Muss ich das eine hinnehmen, wenn ich das andere bejahe? Bernard Evers mag das befürchtet haben, und eingetreten ist ja beides.

Logisch zwingend ist das aber nicht. Das belegt schon die Kombination von Behindertenermordung und Heiratsverboten im Nationalsozialismus. Logisch zwingend ist tatsächlich das Gegenteil: Die Achtung der freien Gattenwahl von Frauen einerseits und des Lebensrechts behinderter Kinder andererseits wurzeln beide in der Überzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Ich hoffe deshalb, dass auch noch meine Enkel in der Verfügung bezüglich meiner Urgroßtante Maria etwas Anderes sehen werden als  eine Einschränkung der selbstverständlichen Freiheit des Hoferben, seine unnütze Schwester einfach zu verjagen.

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Aus Gründen der historischen Gerechtigkeit folgt unten der vollständige Text des Testaments, das mir in einer beglaubigten Abschrift vorliegt.

Das Testament von Bernard Evers

Abschrift.

Eröffnet am 15. Oktober 1924 auf dem Gerichtstage in Alfen.

Gez. Schulze,

Amtsgerichtsrat.

Mein letzter Wille für den Fall meines Todes.

§ 1.

Als Vermögensübernehmer (Erben) mit allen Mobilien und Immobilien, mit allen Aktiven und Passiven setze ich meinen Sohn Johannes ein.

§ 2.

Meine Tochter Elisabeth, jetzt verheiratete Isermann, hat ihr Kindesteil erhalten und hat kein Recht mehr auf Forderungen.

§ 3.

Mein Sohn Wilhelm hat ebenfalls volle Abfindung erhalten.

§ 4.

Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen und außer dem Beerdigungsamt im ersten Jahre nach dem Tode wenigstens 2 hl. Messen nachlesen zu lassen.

§ 5.

Meine Töchter Theresia, Anna und Franziska sollen bei einer etwaigen Zustandekunft, sei es Verheiratung oder sonstiger Selbständigmachung folgende Aussteuer erhalten:
1. Zwei vollständige Betten, nämlich 2 anderthalbschläfrige Bettstellen, Matratzen, Unterbetten und Oberbetten, je 2 Kissen, 12 Bettücher, 12 Bett- und Kissenbezüge und 12 weiße Kissenbezüge, 2 Bettspreiten.
2. Einen Waschtisch mit Waschservice, zwei Konsolen, ferner entweder einen zweitürigen Kleiderschrank, der zugleich als Wäscheschrank dient oder einen eintürigen Kleider- und Wäscheschrank extra.
3. Ein Sofa, 6 Stühle, 1 Tisch und ein Büffet (Glasschrank für Porzellan), 1 Nähmaschine.
4. Ein Küschenschrank und 2 Brettstühle,
5. An Leibwäsche, 3 Dutzend leinene Hemde, ½ Dutzend Nachtjacken, ½ Dutzend Unterhosen, 2 Dutzend leinene und 1 Dutzend Damast – Handtücher, 1 Dutzend Trockentücher, 6 Paar Strümpfe, 1 seidenes Kleid, 1 wollenes und 1 Waschkleid, 1 Dutzend Schürzen, ½ Dutzend Tischtücher und ½ Dutzend Servietten.
6. An Porzellan: 1 Eßservice für 6 Personen, 1 Kaffeeservice, 6 weiße Tassen mit 12 kleinen Tellern, 1 Dutzend Eß- und Teelöffel, Gabeln und Messer und 1 Suppenlöffel.
7. Eine gute Milchkuh.
8. Außerdem eine Barabfindung in der Höhe von 3000 Mark Vorkriegszeit.

Falls eine oder alle drei Töchter wegen Kränklichkeit oder einem sonstigen vernünftigen Grunde nicht selbständig wird, so muß ihnen Unterkunft, Kleidung und Kost im Hause gewährt werden aber gegen angemessene Mitarbeit.

§ 6.

Als Testamentsvollstrecker bestimme ich meinen Schwager, den Pfarrer Johannes Nillies; falls derselbe ablehnt oder nicht kann, alsdann meinen Schwager Hermann Nillies in Alfen.

Etteln, den 20. Dezember 1923.

gez. Bernard Evers.

Vorstehende Abschrift übersenden wir mit dem Bemerken, dass Herr Pfarrer Johannes Nillies das Amt als Testamentsvollstrecker angenommen hat.

A.A.

Unterschrift

Justizbüro-Assistent.

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Duisburger Integrationspreis für Gülseren Gümüs

Harald Stollmeier am 15. Juli 2011

Gülseren Gümüs, die Gründerin des Güldeste Wohltätigkeitsvereins e. V., erhielt am 8. Juli aus der Hand von Novitas BKK-Vorstand Reiner Geisler den zum zweiten Mal vergebenen Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK – als Auszeichnung für ein Leben im Dienst anderer Menschen. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und steht unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters von Duisburg.

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs (Mitte) den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

“Duisburg ist reich an Menschen, die ihre Talente wegen unvollkommener Integration weder ausschöpfen noch einbringen können“, erklärte Reiner Geisler in seiner Laudatio, „wenn alle diese Menschen begreifen, was sie können, und ihr Können in unserer Stadt entfalten, dann wird unsere Stadt reich. Und das werden wir dann Menschen wie Gülseren Gümüs verdanken.“

Mit ihrem Verein organisiert Gülseren Gümüs unter anderem eine Theaterwerkstatt, eine Lese- und Schreibwerkstatt und eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder sowie einen Kreativkreis für Frauen. Ihr Engagement hilft behinderten und nichtbehinderten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und trägt zu einer besseren Lebensqualität in Duisburgs Stadtteil Hochfeld bei.

„Integration kann nicht verordnet werden“, erklärte Oberbürgermeister Adolf Sauerland, „Integration muss gelebt werden. Gülseren Gümüs tut das in beispielhafter Weise. Und die Novitas BKK trägt mit ihrem eigenen Engagement für Migranten ebenso wie mit dem von ihr gestifteten Duisburger Integrationspreis dazu bei.“

Gülseren Gümüs, deren 2011 in türkischer Sprache erschiene Autobiographie Engel duvari bereits die zweite Auflage erlebt,stellte in einem Vortrag die vielseitige Arbeit von Güldeste vor und wertete ihre Ehrung als Ermutigung: „Ich werde für die Kinder, für die Menschen und für Duisburg weiterarbeiten, so lange meine Kraft reicht.“

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Gesucht: 575 Menschen für Dresden

Caroline Stollmeier am 8. Februar 2011

Als Reaktion auf die angestrebten Veränderungen des § 218 im Jahr 1971 schrieb die damals 14-jährige Barbara Witzgall einen Artikel für ihre Schülerzeitung. Darin ging es um den Vorgang einer Abtreibung aus Sicht des heranwachsenden Babys. Sie wollte zeigen, dass sich ein Kind im Mutterleib vermutlich nur eines wünscht, nämlich geboren zu werden.

Die Leidenschaft für das Leben hat seither Barbara Witzgalls Leben geprägt. Seit 2009 unterstützt sie das Internet-Team von Pro Femina. „Früher wusste ich nicht, wie ich zu den Frauen, die in einer konkreten Situation Hilfe brauchen am besten Kontakt aufnehmen kann”, beschreibt sie die einschneidenden Veränderungen durch Online-Beratung, “jetzt habe ich sie in meinem Wohnzimmer“.

Viele schwangere Frauen suchen täglich nach Informationen im Internet. Pro Femina e. V. konnte zahlreichen von ihnen helfen. Der größte Vorteil ist die Anonymität im Internet, die es Betroffenen erleichtert, sich zu öffnen und Dinge zu erzählen, die sie manchmal ihrer besten Freundin nicht anvertrauen würden. Auch der Beraterin erleichtert das die Arbeit, denn sie kann schnell zu den eigentlichen Problemen vordringen.

„Mit unserem Projekt 1000plus möchten wir die bundesweite Beratung und Hilfe für Schwangere stärker vernetzen und ausbauen. Der nächste konkrete Schritt soll die Eröffnung einer Beratungsstelle in Dresden sein“, sagt Witzgall. Notwendig ist dieser Schritt, da sich aus den Online-Kontakten und Telefonaten mit Betroffenen oft ein Beratungsgespräch vor Ort ergibt. Und das geht bisher nur in Heidelberg.

Barbara Witzgall steht nun vor der schwierigen Aufgabe, die finanziellen Mittel für den Ausbau der Schwangerenberatung zusammen zu bringen. Die Arbeit von Pro Femina wird nämlich rein aus Spenden finanziert. „Ich brauche 575 Menschen, die bereit sind 10 Euro pro Monat zu spenden, damit wir die erste Beraterin einstellen können“, rechnet Witzgall.

„Ich begegne in den Internetforen so großer Not… Früher dachte ich, dass manche Frauen dem Leben eine andere Bedeutung beimessen als ich, dass ihnen das Leben einfach nicht so viel wert ist wie mir. Aber das ist nicht so. Die Frauen wissen, dass es um ihr Baby und nicht um einen Zellklumpen geht. Tatsächlich treiben aber ganz viele Frauen unfreiwillig ab, weil sie unter enormem Druck stehen. Und diesen Frauen müssen wir helfen, und können wir helfen“, beschreibt Witzgall ihre persönliche Motivation sich unermüdlich für Mütter und ihre ungeborenen Kinder einzusetzen.

 meinherzmeinhirn[1]

Pro Femina e.V. in DRESDEN | Projekt 1000plus
Spendenkonto 88 514 | BLZ 850 205 00 | Sozialbank Dresden

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Anders geht es auch

Caroline Stollmeier am 1. September 2010

 

In Amazonien, im Bundestaat Pará im Norden Brasiliens, liegt die kleine Gemeinde Alenquer. Dort traf Moralblog Pater Manuel Lopes Rodrigues (SVD), um mit ihm über eines der größten gesellschaftlichen Probleme der Region zu sprechen: ungewollte Schwangerschaften.

Etwa die Hälfte der Menschen in Pater Manuels Gemeinde leben nicht in der Stadt, sondern teilweise mehrere Tagesreisen über die Flüsse von ihr entfernt. Insbesondere diese Menschen sind es, von denen er spricht.

 

Pater Manuel (SVD)

Pater Manuel (SVD), Foto: Caroline Stollmeier

„Dass Mädchen früh schwanger werden ist natürlich und erstmal kein Problem. Das Problem entsteht, weil fast niemand heiratet, sondern die Partnerschaften oft wechseln. Daraus resultieren viele Schwierigkeiten. Beispielsweise wollen Söhne sich von ihren Stiefvätern nichts sagen lassen. Oder die Männer schlafen mit ihren Stieftöchtern. Es wird offen damit umgegangen, dass es keine leibliche Beziehung zwischen Vätern und Kindern gibt. Obwohl fast alle getauft sind, glauben die Menschen, dass heiraten Unglück bringt.“, berichtet Pater Manuel.

Auf die Frage nach Verhütungsmitteln bricht Pater Manuel spontan in Lachen aus: „Machen Sie Witze?! Selbst die Kirche verteilt hier bei uns Kondome, aber niemand benutzt sie.“

Trotzdem sind Schwangerschaftsabbrüche in Alenquer kein Thema. „Es gibt keine Abtreibungen.“, sagt Pater Manuel, „Nur reiche Leute könnten ihre Mädchen nach Manaus schicken.“ Aber davon gibt es nicht viele. „Die Großmütter nehmen die Kinder auf und ziehen sie groß – so gut es eben geht.“, so Pater Manuel. 

Pater Manuel arbeitet in einem von Missionsschwestern geführten Hospital, in dem es ein Haus für werdende Mütter gibt. Dort können Schwangere die letzten Wochen vor der Geburt ihres Kindes verbringen, alle Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen und den verantwortungsbewussten Umgang mit einem Neugeborenen erlernen, bevor sie die Stadt wieder verlassen. Kostenlos.

 

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

(Das Gespräch mit Pater Manuel führte Caroline Stollmeier am 8. Juni 2010.)

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Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK ehrt afrikanische Ärzte

Harald Stollmeier am 10. August 2010

„Das Wichtigste bei unserer Arbeit ist das Vertrauen der Menschen, die wir beraten“, sagt die Ärztin Dr. MBoyo Likafu, „denn die Beschneidung der weiblichen Genitalien ist ein Tabu im Tabu. Keine Frau geht einfach zum Arzt und sagt, dass sie beschnitten ist. Und keine Kindergärtnerin kommt ein zweites Mal mit der Bitte um Hilfe für ein kleines Mädchen zu uns, wenn sie ihren Namen anschließend in der Zeitung sieht.“

Den meisten Afrikanern in Deutschland könnte es wesentlich besser gehen. Aber sie wissen es nicht: Sprachprobleme und kulturelle Barrieren bewirken einen Randgruppenstatus, der seinerseits die Überwindung von Bräuchen wie Kinderehen und die Beschneidung der weiblichen Genitalien erschwert. Auf diesem Gebiet engagieren sich die Mitglieder des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der BRD e. V. – und dafür konnten der Vereinsvorsitzende Dr. Abdelmoula Kangoum und Vorstandsmitglied Dr. MBoyo Likafu am 8. Juli 2010 den mit 2 500 Euro dotierten Duisburger Integrations­preis der Novitas BKK entgegennehmen. 

“Mit den hier verbreiteten Methoden“, erläutert Dr. Kangoum, „erreicht man bei Afrikanern und Arabern nicht das gewünschte Verständnis. Man muss bei der Aufklärung über Genital­be­schneidung die Familienstrukturen berücksichtigen und an die Männer beziehungsweise Väter herantreten. Nur dann hat man Erfolg. Für uns ist das natürlich leichter – auch aus sprachlichen Gründen.“

 „Geld ist nicht alles“, urteilte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, Schirmherr des neugestifteten Preises, „entscheidend ist das Engagement der Menschen. Der Deutsch-Afrikanische Ärzteverein ist durch sein humanes Engagement ein würdiger erster Träger dieses Preises.“ Herzlich dankte Oberbürgermeister Sauerland der Novitas BKK für ihre Initiative: „Dieser Preis passt zu unserer Stadt.“

 „Afrikanische Frauen zum Beispiel haben nichts von ihren Rechten und Möglichkeiten, wenn sie diese gar nicht kennen“; erklärte der Novitas BKK-Vorstandsvorsitzende Ernst Butz in seiner Laudatio, „im Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein haben diese Menschen einen kompetenten und engagierten Anwalt und Berater. Sie brauchen ihn dringend.“

Die Novitas BKK hat den Duisburger Integrationspreis gestiftet, um bürgerliches Engagement zu fördern, vor allem aber um durch öffentliches Reden über gute Beispiele möglichste viele Menschen zu eigenem Engagement zu ermutigen. Ernst Butz: „Wenn viele von uns kleine Hilfen leisten, dann tragen wir dazu bei, dass aus Fremden Mitbürger werden.“

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„Als Christ muss man helfen wo Hilfe gebraucht wird – egal was der Papst dazu sagt.“

Caroline Stollmeier am 2. Juni 2010

Die katholische Kirche hat sich im Jahr 2000 aus der Schwangerenkonfliktberatung zurückgezogen. Dieser Schritt hat viele Menschen verärgert. Diplom-Pädagogin Ulla Beckers gehört dazu: „Ich habe sieben Jahre im Caritasverband gearbeitet und Frauen beraten. Und von heute auf morgen soll alles falsch gewesen sein, was ich bis dahin gemacht habe?“ Ihre Gefühle von damals beschreibt sie am liebsten bildhaft: „Unsere Bischöfe habe sich gewünscht, dass die Frauen standhaft sind und zugunsten ihres ungeborenen Kindes nicht den Forderungen ihrer Familien und Männer nachgeben. Aber genau zu dieser Standhaftigkeit waren sie selber nicht in der Lage und haben stattdessen das ungeliebte Kind ‚Schwangerenhilfe’ abgetrieben.“

„Als Christ muss man helfen wo Hilfe gebraucht wird – egal was der Papst dazu sagt.“, ist der Rentner Alois Bassier überzeugt. Ihm liegen die ungeborenen Kinder und die werdenden Mütter in Not am Herzen.

Als Ulla Beckers und Alois Bassier sich zufällig kennen lernen entsteht die Idee für die Beratungsstelle „Haus im Hof“, die inzwischen seit zehn Jahren erfolgreich in Duisburg-Marxloh Schwangere, Paare, Familien und Schüler berät und aufklärt. „Die Schwangerenberatung ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, aber ich komme auch immer wieder auf das Thema Verhütung zu sprechen. Sie können sich nicht vorstellen, was ich da manchmal zu hören kriege…!“, verrät Ulla Beckers im Moralblog-Interview.

Wer ungewollt schwanger ist darf unter bestimmten Bedingungen in Deutschland straffrei abtreiben. Dafür ist unter anderem der Nachweis einer staatlich anerkannten Konfliktberatung erforderlich. Im „Haus im Hof“ können Frauen diese Beratung bekommen. „Wenn wir keine Scheine ausstellen würden, dann käme doch keiner.“, meint Alois Bassier. Und Ulla Beckers stimmt ihm zu: „Das weiß ich aus Arbeitskreisen mit anderen Beratungseinrichtungen.“

Die typische Beratungssituation im „Haus im Hof“ gibt es nicht, weil die Erfahrungen und Lebensgeschichten der Frauen, die dort Hilfe suchen, zu individuell verschieden sind. „In vielen Fällen fühlen sich Frauen aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen; einer davon sind Depressionen.“, erzählt Ulla Beckers. „Es kommt vor, dass die Frauen von ihren Eltern oder ihrem Partner zur Abtreibung gedrängt werden. Und immer häufiger haben junge Frauen Angst um ihren Ausbildungsplatz oder ihre Arbeitsstelle.“

In der Beratung werden alle Möglichkeiten besprochen. Wie könnte das Leben mit oder ohne dieses Kind weiter gehen? Manchmal sind Dinge ausschlaggebend, die einem als Kleinigkeit erscheinen können: Begleitung bei Behördengängen oder Geld für einen Kinderwagen. Die Beraterinnen im „Haus im Hof“ kennen sich damit aus, welche Fördermöglichkeiten es gibt. Und dank treuer Spender und Unterstützer (übrigens auch aus Kirchenkreisen) können sie auch darüber hinaus einspringen, wenn es nötig ist.

„Mut macht den Frauen oft, dass jemand einfach sagt: Ich verstehe, dass du ein Problem hast.“, erzählt Ulla Beckers. „Wenn man beispielsweise jung schwanger wird, dann ist das nicht der gerade Weg. Aber es gibt Umwege und Schleifen, die man gehen kann. Und wir gehen mit.“, sagt sie.

Alois Bassier kümmert sich um das Fortbestehen der Beratungsstelle. Reparaturen am Haus erledigt er nach Möglichkeit selbst. Außerdem wirbt er unermüdlich um finanzielle Unterstützung und Akzeptanz für das „Haus im Hof“. Im Büro der Beratungsstelle ist er vor kurzem zufällig mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie hat ihm ihr Neugeborenes gezeigt und gesagt: „Das wäre ohne Sie nicht da.“ Ein unvergessliches Erlebnis. 

„Als Christ können wir nur unsere Hilfe anbieten, und das müssen wir auch. Entscheiden müssen die Frauen dann aber alleine. Das ist ihr Grundrecht. Und diese Entscheidung müssen wir akzeptieren.“, sagt Alois Bassier. „Und Jesus würde das auch so machen.“, fügt er hinzu.

 

 Haus im Hof

Kaiser-Wilhelm-Str. 278

47169 Duisburg-Marxloh

 

Spendenkonto:

KD-Bank e.G.

Konto: 101 3648 022

BLZ: 350 601 90

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Leben in Gottes Gegenwart

Caroline Stollmeier am 24. März 2010

„Das hier macht keine für etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf – es geht immer nur um Gott.“, sagt Schwester Maria Adjutrix im Moralblog-Interview im niederländischen Ort Steyl. Die „rosa Schwester“ ist zwar durch ein hölzernes Gitter von ihren Gesprächspartnern getrennt, spricht jedoch offen und herzlich über ihr kontemplatives Leben in ständigem Gebet und die Dinge, die sie bewegen.

Die Gemeinschaft der Steyler Anbetungsschwestern, eigentlich der Dienerinnern des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung (SSpSAp), wurde 1896 durch den heiligen Arnold Janssen gegründet. Zuvor hatte er bereits die Kongregationen der Steyler Missionare und der Steyler Missionsschwestern ins Leben gerufen.

Die wegen der Farbe ihrer Ordenstracht so genannten „rosa Schwestern“ sollten durch ihre Fürbitten und Gebete die in der Welt aktiven Mitglieder der Steyler Familie bei ihrer Arbeit unterstützen und Rückhalt geben. Inzwischen gibt es etwa 400 Steyler Anbetungsschwestern in Deutschland, den Niederlanden, Polen, den USA, Argentinien, Brasilien, Indien, Indonesien, auf den Philippinen und in Togo.

„Werbung machen können wir nicht.“, sagt Schwester Maria Adjutrix, „Da muss Gott sich drum kümmern.“ So wie auch andere Ordensgemeinschaften haben die „rosa Schwestern“ zunehmend mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. „Früher waren die Frauen beim Eintritt 20 bis 25 Jahre alt, heute sind sie eher um die 30“, so Schwester Maria Adjutrix. Das ist aber kein Problem, denn die Gemeinschaft nimmt gerne Frauen auf, die schon gefestigt im Leben stehen und eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Wer unüberlegt oder aus den falschen Motiven ins Kloster geht, hält ein Leben wie das der „rosa Schwestern“ wohl auch nicht durch.

Die Schwestern leben in strenger Klausur. In der Regel verlassen sie ihr Kloster nicht. Von ihren Besuchern sind sie durch Gitter getrennt. Den Friedhof auf der anderen Straßenseite erreichen sie durch einen unterirdischen Tunnel. Sie verrichten Gartenarbeiten und andere Dienste im Haus. Rund um die Uhr wird das Allerheiligste angebetet. Dabei kniet immer mindestens eine Schwester vor der Monstranz. Gewechselt wird tagsüber halbstündlich und nachts nach einer Stunde.

Schwester Maria Adjutrix (SSpSAp)

Schwester Maria Adjutrix (SSpSAp) im Besucherzimmer des Anbetungsklosters in Steyl, NL (Foto: Caroline Stollmeier)

 
Die Steyler Anbetungsschwestern spüren die Gegenwart Gottes – nicht nur im Gebet. Deshalb wünscht sich Schwester Maria Adjutrix vor allem eins: „Dass die Menschen wieder mehr glauben und sich Gott wieder bewusster machen.“ Mit Sorge beobachtet sie die gesellschaftliche Entwicklung weg von der Religion. Sie betet darum, dass Gott Geduld mit den Menschen haben möge.

Ein bisschen ist es schon, als lebten die Schwestern in einer anderen Welt. Zwar verschließen sie sich technischen Errungenschaften wie dem Internet oder dem Fernsehen nicht, aber diese Dinge spielen eher eine kleine Nebenrolle in ihrem Leben. Trotzdem bleiben die Schwestern natürlich Menschen. So kann es vorkommen, dass ihre Gedanken beim Beten abschweifen. Und auf die Frage, ob eine Anbetungsschwester denn auch einmal flucht, wenn ihr ein Missgeschick passiert, antwortet Schwester Maria Adjutrix schmunzelnd: „Das sollte natürlich nicht sein.“

Jeder kann die Steyler Anbetungsschwestern um Fürsprache bei Gott in eigener Sache bitten. Ebenso stärkt es die Schwestern, wenn jemand für sie betet. Schwester Adjutrix ist sich sicher: „Jedes Gebet hilft. Was Gott daraus macht ist seine Sache.“

 

Kontakt:

Anbetungskloster Steyl
Postfach 2244
D-41309 Nettetal

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Auf der Straße

Caroline Stollmeier am 12. März 2010

„Bevor meine Frau gestorben ist, war es ein schönes Leben. Ich habe gearbeitet, hatte ein Haus und sechs Kinder.“, beginnt Axel Markowsky, als er im Moralblog-Interview über seine Zeit auf der Straße spricht.

Wie viele Menschen in Deutschland ohne festen Wohnsitz leben ist unklar, darüber gibt es keine verlässlichen Statistiken. Lediglich das Land Nordrhein-Westfalen veröffentlicht die Zahl der gemeldeten Obdachlosen. 2006 waren das beispielsweise in Duisburg sechsundneunzig. Aber vermutlich ist die wahre Zahl größer.

Axel dürfte in dieser Statistik zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr aufgetaucht sein. Denn das war das Jahr, als es in seinem Leben langsam wieder bergauf ging. Inzwischen lebt er in einem kleinen Apartment von Hartz IV und den Verkaufserlösen des Straßenmagazins fiftyfifty.

„Das mit meiner Frau war eine richtige Sandkastenliebe. Wir waren seit unserem zweiten Lebensjahr zusammen.“, erzählt Axel, „Wir haben uns zwar scheiden lassen als die Kinder groß waren, aber bald gemerkt, dass das nichts für uns war. Wir wollten wieder zusammen kommen. Aber dann ist meine Frau krank geworden und vier Wochen später gestorben.“

„Sie war eine tolle Frau. Und obwohl wir sechs Kinder hatten, war sie immer schlank. Aber als ich sie dann auf dem Sterbebett gesehen habe, bin ich zusammengebrochen. Ich habe das Haus verkauft und das Geld unter den Kindern aufgeteilt. Von da an habe ich auf der Straße gelebt.“, blickt Axel zurück. „Ich wollte gar nicht mehr leben. Mir war zu der Zeit alles egal.“ 

 

Axel bei der Arbeit - er verkauft Straßenmagazine in Duisburg (Foto: Caroline Stollmeier)

Axel bei der Arbeit:
Er verkauft Straßenmagazine in Duisburg-Neudorf
(Foto: Caroline Stollmeier)

 

Warum Menschen obdachlos werden, lässt sich nicht pauschal sagen. Axel berichtet von Professoren und Geschäftsführern, die von Schicksalsschlägen so aus der Bahn geworfen wurden, dass sie obdachlos wurden. Er kennt aber auch Menschen, die freiwillig gerne so leben möchten.

Axel kann auf 35 Jahre Berufsleben zurück blicken: „Ich habe eine Lehre als KFZ-Mechaniker gemacht. Danach habe ich Lokführer gelernt und zwei Jahre gearbeitet. Dann wurden Lokführer entlassen, weil alles mit Funk gemacht wurde. Dann habe ich als Dachdecker gearbeitet, fast 15 Jahre lang. Dann habe ich Auslieferungsfahrer gemacht. Zum Schluss habe ich als Schlosser gearbeitet. Da war ich auf Montage und habe das meiste Geld verdient. Das war ein schöner Job. Ich könnte mir heute in den Hintern beißen, dass ich den aufgegeben habe.“

Wenn möglich bis zur Rente möchte Axel nun weiter die Obdachlosenzeitung verkaufen. Manchmal wird er gefragt, warum er nicht wieder richtig arbeitet. „Ich bin bald 55 Jahre alt. Ich kriege keine Arbeit. Wenn ich mein Alter sage, dann kann ich gleich wieder nach Hause gehen.“, ist die Erfahrung, die Axel machen musste.

„Ich habe heute noch die Bilder von meiner Frau auf dem Sterbebett im Kopf. Ich kriege die auch nicht raus. Ich habe getrunken. Das hat nichts genutzt. Da habe ich wieder aufgehört. Ich habe sogar Drogen genommen. Die haben einen aber auch nur matschig gemacht. Da habe ich auch mit aufgehört.“, so Axel, „Zum Glück habe ich noch mal die Kurve gekriegt.“

Wenn Axel lacht, dann blickt er zur Seite oder kneift die Lippen zusammen. Axel erklärt: „Ich bin mehrmals überfallen worden und habe keine Zähne. Wenn ich das Geld dafür zusammen habe, dann gehe ich zum Zahnarzt. Ich hoffe, dass ich im Sommer wieder richtig mit den Menschen reden kann.“

Regelmäßig werden Obdachlose Opfer sinnloser Gewalt. Jugendliche schleichen sich an die schlafenden Menschen an und verprügeln sie. „Einem Kollegen haben sie den Schlafsack angezündet, als er drin gelegen hat.“, sagt Axel.

In Deutschland muss niemand obdachlos sein. Aber Axel bestätigt, dass man Hilfe auch annehmen muss. „In der Zeit, in der ich Drogen genommen und getrunken habe, habe ich mich abgeschottet. Aber dann bin ich durch einen Bekannten an die Zeitung gekommen. Und das war ein Glücksfall.“

„Durch die Zeitung habe ich meinen jetzigen Vermieter kennen gelernt. Er hat mich angesprochen, mir die Wohnung angeboten und alles für mich geregelt.“, erzählt Axel. „Erst durch die Zeitung habe ich wieder Kontakt zu anderen Menschen bekommen.“

 Axel hat inzwischen viele gute und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Jetzt möchte er selber anderen Menschen helfen. Im neuen fiftyfifty-Büro an der Koloniestraße kann er sich inzwischen nützlich machen, wenn eine neue Zeitungslieferung eingetroffen ist. Und er freut sich, wenn er kleine Arbeiten in Haus und Garten für Menschen übernehmen kann, die zu alt dafür geworden sind.

Inzwischen hat Axel auch wieder regelmäßig Kontakt zu seinen Kindern und Enkelkindern. „Und wenn ich mir etwas wünschen könnten, ganz ehrlich: Ich wünsche mir Weltfrieden. Ich wäre zufrieden, wenn jeder Hand in Hand mit anderen leben könnte – Mensch ist schließlich Mensch.“ Axel hat nicht aufgegeben: „Ich bin katholisch. Ich denke mir, Jesus ist immer bei mir. Mit ihm kann ich sprechen, er hilft mir immer. Dafür muss man nicht in die Kirche gehen. Die Kirche ist nur ein Haus. Jesus und Gott, die sind hier…“, sagt Axel und fasst sich an die Brust.

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Pater Rainer van Doorn: Seelsorge für die Armen

Caroline Stollmeier am 2. Februar 2010

„Leute in Not sind eher bereit die Hände zu falten und zu beten“, stellt Pater Rainer fest und etwas Warmes, Liebevolles liegt dabei in seiner Stimme.

Pater Rainer Wilhelm van Doorn OPraem ist Senior des Konvents der Prämonstratenser und als Ruheständler an der Filialkirche St. Franziskus in Duisburg-Hamborn im aktiven Dienst. „Hilfspriester“ nennt er sich selbst.

Im Gespräch mit Moralblog erzählt Pater Rainer von seinem Leben als Seelsorger für die Armen und seinen Träumen von einer besseren Welt.

Der inzwischen fast 80-jährige gebürtige Niederländer ist geprägt von den Kriegserlebnissen seiner Jugend. „Das war eine ganz, ganz schlimme Zeit. Wir haben als Kinder gesehen, wie Menschen erschossen wurden.“, erinnert er sich. „Die letzten Kriegsjahre haben wir fast jede Nacht im Keller verbracht aus Angst vor den Flugzeugen voller Bomben, die abgeschossen wurden und irgendwo runter gekommen sind. So etwas vergisst man nie. Die Ängste, die man hatte, haben einen total geprägt.“

Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden hat er damals überlegt, wie man die Welt besser machen könnte. „Priester zu werden erschien uns eine gute Möglichkeit. Da ist man Lehrer, Sozialarbeiter, alles zusammen.“, erzählt er. „Vier Leute aus meiner Klasse sind Priester geworden. Und alle waren in sozialen Bereichen tätig.“

Inspiriert wurden die jungen Männer damals vor allem auch durch ihren Gemeindepfarrer, einen konvertierten Juden, der später ins KZ gebracht wurde, weil er einem SS-Mann die Kommunion verweigert hat. „Als Kinder haben wir gesehen, wie er auf dem Wagen war, als er abgeholt wurde.“, berichtet Pater Rainer.

Rückblickend sagt Pater Rainer: „In kleinen Dingen hat es geklappt, die Welt besser zu machen. Wir haben hier auf dem Ostacker eine kleine Gemeinde, in der es Ansätze von Geschwisterlichkeit gibt. Unsere Gemeinde ist auch ein Zentrum für arme Leute geworden.“

Tatsächlich ist St. Franziskus am Ostacker etwas ganz Besonderes. Die Kirche hat die Gemeindereform des Bistums Essen zwar überlebt, aber „es ist fast nichts mehr da“, so Pater Rainer. „In der Gemeinde sind nur noch zwei-, dreihundert Leute.“

Heute ist Pater Rainer 35 Jahre dort. Der Stadtteil hat sich in dieser Zeit verändert. „Hier ist alles türkisch geworden.“, erzählt er. „Früher war hier ein sozial schwaches Gebiet. Messerstechereien und Kloppereien waren an der Tagesordnung. Heute ist hier Ruhe.“ Inzwischen gibt es sogar erste Ansätze von Zusammenarbeit mit islamischen Geistlichen. „In religiösen Fragen ist es zwar schwierig, aber die Moscheen haben Probleme die Jugendlichen anzusprechen, genau wie wir.“, sagt Pater Rainer.

„Verwahrloste Kinder sind unser größtes Problem. Jeden Tag gibt es bei uns mittags etwas zu essen für eine Gruppe von Kindern, und eine Schwester macht Schulaufgaben mit ihnen. Ein Mal konnten wir 15 Kinder für zwei Wochen nach Ameland schicken. Das war der erste Urlaub für sie. Und als sie zurück kamen haben sie mich voller Freude und Dank angesprungen.“, erzählt er lachend.

„Bis zu meinem 70. Geburtstag habe ich Schulstunden gemacht. Jetzt ist mein direkter Kontakt zu Jugendlichen nur noch sporadisch.“, so Pater Rainer. „Ich bin zu alt dafür.“ Zu alt ist er jedoch keineswegs für sein unermüdliches Engagement für die Bedürftigen im Duisburger Norden. Er und seine Haushälterin Fräulein Christel Plöderl helfen ganz praktisch: Am 4. Sonntag im Monat organisieren sie mit 15 ehrenamtlichen Helfern einen großen Mittagstisch für 120 Personen, und jeden Montagnachmittag gibt es eine Essensausgabe, zu der regelmäßig etwa 80 Bedürftige kommen. Außerdem haben sie ein „offenes Pfarrhaus“.

„Zu unserem Mittagstisch kommen viele Alleinstehende, aber auch Alleinerziehende mit ihren Kindern und Babys. Das hat sich geändert. Früher kamen Penner, jetzt Hartz-IV-Leute.“, erzählt Pater Rainer. „Und Fräulein Christel ist irgendwie die Mutter von allen. Es kommt vor, dass Menschen aus dem Knast kommen und sich bei ihr zurück melden.“

 

Pater Rainer und Fräulein Christel_klein

Fräulein Christel und Pater Rainer (Foto: Caroline Stollmeier)

 

Die Beiden leben Seelsorge. Sie kennen die bedürftigen Menschen, die immer wiederkommen, und ihre Geschichten. Wer an ihrer Tür klingelt, darf immer auf etwas zu Essen, ein Kleidungsstück und vor allem ein offenes Ohr hoffen.

Für das Mittagessen und bei der Essensausgabe bezahlen die Menschen einen Euro. „Das wollten die Leute selbst so.“, berichtet Pater Rainer, „Die wollen nichts geschenkt.“ Ansonsten wird alles ausschließlich spendenfinanziert.

„Meistens sind es materielle Probleme, die die Leute haben. Aber auch der Alkohol macht die Menschen fertig. Viele sterben früh. Wir machen viel Sterbebegleitung und Beerdigungen hier. Der Bischof hat uns die Erlaubnis gegeben jeden zu beerdigen, egal ob evangelisch, katholisch oder überhaupt getauft. Die Bedürftigen selber organisieren manchmal noch ein Kaffeetrinken, wenn einer von ihnen gestorben ist. Das ist dann immer sehr bewegend.“, erzählt er.

Aber Pater Rainer feiert auch gerne mit den Menschen, liebt die Gemeinschaft. Er genießt es nach den Proben des Kirchenchors noch bei einem Glas Wein oder Bier mit den Leuten zusammen zu sitzen. Natürlich hat er auch zu seinen Mitbrüdern in der Abtei einen engen Kontakt. Mindestens zur Vesper und zum Abendbrot ist er bei ihnen.

„Das ist das Schöne, wenn man in der Rente ist“, sagt er, „da hat man mehr Zeit. Mir sind meine Predigten und Ansprachen besonders wichtig. Die müssen jetzt nicht in einer halben Stunde fertig sein, sondern manchmal denke ich eine Woche lang jeden Tag darüber nach. Es ist eine Freude auf diese Weise wieder tiefer in das Leben Jesu zu geraten.“ Ab und zu sieht er jetzt auch fern.

Heute wirkt Pater Rainer durchweg ausgeglichen und zufrieden. Aber: „In jungen Jahren war es ein Problem, dass ich nicht geheiratet habe. Während des Studiums haben wir alle überlegt: Können wir das? Halten wir das durch? Und wenn man dann die Trauungen von fünf Geschwistern sieht, dann möchte man teilhaben an diesem Glück. Kinder fehlen und sich gemeinsam mit jemandem eine Zukunft aufzubauen. Als Seelsorger steht man fast immer alleine da.“

Fräulein Christel ist inzwischen seit 40 Jahren Pater Rainers Haushälterin und das „soziale Element“, wie er sagt. „Wir lieben uns nicht, aber wir verstehen uns.“, beschreibt er ihre Beziehung. „Sie ist für das Menschliche zuständig. Wenn man zölibatär zusammen lebt, dann ist da eine Distanz, aber es lässt sich auch Vieles machen.“

Beide haben schon einige Preise und Auszeichnungen für ihr beispielhaftes Engagement bekommen, zum Beispiel 1992 den Heinrich-Brauns-Preis für besondere Verdienste um die katholische Soziallehre für Pater Rainer. Sie freuen sich darüber, aber wichtig ist ihnen nur ihre Arbeit und dass sie den armen Menschen helfen können. „Was mir viel bedeutet, ist unsere Kirche.“, sagt er. „Die wurde nach dem Krieg von 60 Männern und Frauen innerhalb von zweieinhalb Jahren aus den zerstörten Häusern gebaut – ohne Architekt und ohne Geld. Die Kirche atmet immer noch diesen Geist des Wir-machen-das-selber.“

„Wichtig ist, dass die Menschen für einander da sind, damit alle gut leben können. Dann kann man auch in der Not mal lachen.“, sagt Pater Rainer, der eine Zeit lang in Brasilien gelebt hat und seitdem von der Theologie der Befreiung beeindruckt ist. „Beim einfachen Leben mit einfachen Menschen spürt man, was Jesus meint – das ist die frohe Botschaft.“

 

 

Spendenkonto:

Propstei St. Johann

Kontonummer.: 5137062125

Bankleitzahl: 35060386 (Volksbank Rheinruhr)

Verwendungszweck (bitte nicht vergessen!):

Mittagstisch St. Franziskus

 

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