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Wie kommt es, dass Glaube gelingt?

Harald Stollmeier am 24. Februar 2012

Rezension: Elmar Nass, Vison Mensch – Mission Hoffnung. Glauben, der wieder gewinnt, Paderborn 2012

Umfragen zufolge wollen Hunderttausende von Menschen in diesem Jahr aus der römisch-katholischen Kirche austreten. In dieser Situation sagt der Aachener Domvikar Elmar Nass Nein zu Rezepten wie Resignation, Jesus „light“ und der Konzentration auf eine Elitekirche. Stattdessen weist er nach, dass Glaube in einer immer weltlicher werdenden Welt gewinnen und Menschen aller Milieus erreichen kann. „Unsere Vision ist es“, schreibt Nass, „dass der Ruf Christi einen Inhalt hat, den alle Menschen verstehen können.“

Auf den ersten Seiten klingt Vision Mensch – Mission Hoffnung wie ein Fachbuch für Spezialisten. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, begegnet am Ende der dritten Seite dem alten Priester am Waldrand, den der Verfasser selbst als Jugendlicher zu seinem Mentor wählte. Von da an wird klar: Mission ist weniger eine Frage der Lehre als vielmehr eine der Begegnung.

Anschließend widerlegt Nass ebenso verständlich wie fundiert die wichtigsten Argumente gegen den Glauben und beschreibt die wichtigsten Argumente für ihn, bevor er zum wissenschaftlichen und menschlichen Kern seiner Mission Hoffnung vorstößt: der systematischen, zweistufigen Befragung einer Gruppe junger Erwachsener, die sich zu ihrem Glauben bekennen und dem Autor berichten, wie sie ihren Glauben als Jugendliche erlebten, wie er sich beim Erwachsenwerden veränderte, was er für sie heute bedeutet und wie sie ihn in ihrer Zukunft sehen.

Daraus arbeitet der Autor persönliche Glaubensprofile heraus und ermittelt individuelle Kernphänomene wie „Glauben und ich gehören zusammen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind“ (Tom V., 28) oder „Mich motiviert der Auftrag, den Gott mir mit auf den Weg gegeben hat.“ (Susanne M. 43).

Als Ergebnis der Auswertung trägt Elmar Nass Konsequenzen für die Arbeit in den Kirchengemeinden vor:

- Reflexion über den eigenen Glauben anregen

- Erkennbar kirchliches Profil in der Kinder- und Jugendarbeit zeigen

- Die Jugendpastoral als Alternative zum Alltag gestalten

- Kerngruppen zur Bewährung des Glaubens gründen und begleiten

- Alte und kranke Menschen zum Glaubenszeugnis befähigen

- Bewährte Kerngruppen intensiv und dauerhaft begleiten

- Tiefgründige Vielfalt der Glaubensphänomene bekannt machen

- Eine milieuübergreifende Pastoral der Persönlichkeit profilieren

Elmar Nass lehrt an der Universität Bonn Christliche Gesellschaftslehre. Zugleich hat er nie aufgehört, Priester und Seelsorger zu sein und sich die Fähigkeit bewahrt, ganz normalen Menschen zuzuhören. Vielleicht ist das der Grund, warum er die Instrumente der wissenschaftlichen Sozialforschung nicht auf Krisen und Niederlagen anwendet sondern auf Menschen, deren Leben (und Glauben) gelingt.

Vision Mensch – Mission Hoffnung von Elmar Nass hat das Zeug zum definitiven Handbuch für Missionare. Das Buch macht Mut und kann erklären, warum.

Vision Mensch – Mission Hoffnung (128 S.) ist im Ferdinand Schöningh Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

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Babyprämie statt Abtreibung

Caroline Stollmeier am 16. Februar 2012

Seit Ende 2009 kooperieren die ProLife Deutschland GmbH & Co. KG und die BKK IHV. Das Besondere an dieser Kooperation von Vertriebsgesellschaft und gesetzlicher Krankenkasse: Wer in der „Verwaltungsstelle ProLife“ versichert ist, verpflichtet sich, auf Abtreibungen zu verzichten. Im Gegenzug zahlt ProLife Deutschland bei der Geburt jedes versicherten Babys eine Prämie in Höhe von 300 Euro.

Nach § 24b des Sozialgesetzbuches V sind alle gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet, die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche in den Fällen zu übernehmen, in denen der Eingriff nicht rechtswidrig durchgeführt wird. Davon bildet auch die BKK IHV keine Ausnahme. In der aktuellen Fassung ihrer Satzung vom 6. Juni 2011 bekräftigt sie explizit: „Die Versicherten der Betriebskrankenkasse erhalten die gesetzlich vorgesehenen Leistungen (…) bei Schwangerschaftsabbruch und Sterilisation.“ In der Regel werden den Krankenkassen die Kosten für Abtreibungen übrigens aus Steuermitteln erstattet.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die BKK IHV verweigert ihren Versicherten keine gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen oder zwingt diese gar, darauf zu verzichten. Wer der Verwaltungsstelle ProLife beitritt, tut dies freiwillig und ohne zusätzliche Kosten. Und wer das tut, möchte damit ein Zeichen dafür setzen, dass ihm der Schutz von Kindern bereits vor ihrer Geburt wichtig ist. Eine Prämie von 300 Euro wird vermutlich sowieso keine Schwangere im Konflikt dazu bewegen, sich für ihr Baby und gegen eine Abtreibung zu entscheiden.

In der Schweiz gibt es ein ähnliches Modell bereits seit über 20 Jahren. Entstanden ist die Idee nicht nur mit dem Ziel, das Leben von Anfang an zu schützen, sondern auch aus handfesten wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Eingespart werden nämlich nicht nur die Kosten für den Eingriff selbst, sondern auch mögliche Folgekosten für medizinische oder psychologische Behandlungen, die nach einer Abtreibung anfallen können.

Die zuständige Aufsichtsbehörde, das Bundesversicherungsamt, prüft derzeit, ob bei der BKK IHV in diesem Zusammenhang alles rechtens ist. Mit Versichertengeldern muss nämlich besonders wirtschaftlich und verantwortungsbewusst umgegangen werden. Deshalb ist in Deutschland beispielsweise auch genau geregelt, wie viel Geld eine gesetzliche Krankenkasse für Werbung und Maklerprovisionen ausgeben darf.

Wolfgang Treuter, Geschäftführer von ProLife Deutschland erläuterte gegenüber Moralblog: „Für jedes neue Mitglied, das wir über die Verwaltungsstelle ProLife für die BKK IHV gewinnen können, erhalten wir nur die gesetzlich vorgeschriebene Vergütung. Deshalb können wir leider auch nicht mehr als 300 Euro Babyprämie bezahlen.“

Die „Verwaltungsstelle ProLife“ hat inzwischen mehr als 1.200 Versicherte. „Und es werden jeden Tag mehr“, freut sich Treuter.

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Hexenwahn – ein aktuelles Problem?

Harald Stollmeier am 15. Februar 2012

Ein Ausschuss des Kölner Stadtrats hat die Hexenprozesse der Stadt verurteilt. In der Sache ist das sicher richtig. Aber was nützt es?

Natürlich waren die Hexenprozesse, die in Köln vor 400 Jahren stattfanden, ein großes Unrecht, und widerrechtlich waren sie auch – sogar nach damaligem Recht. Allerdings besteht darüber einerseits schon seit mindestens 200 Jahren Einvernehmen, andererseits sind wirklich alle Schuldigen längst vor ihren ewigen Richter getreten.

Angenommen, solche Beschlüsse sind richtig: Was, möchte man dann fragen, hindert eigentlich den Deutschen Bundestag daran, endlich die Nürnberger Rassegesetze von 1935 aufzuheben? Sind noch nicht genug Jahrhunderte vergangen? Oder hat bloß den Deutschen Bundestag noch nicht die Neigung erfasst, die Vergangenheit zu verändern? Vielleicht ist es bloß Ökonomie: Denn Geltung haben die Rassegesetze nicht mehr; im Zweifelsfall wären sie im höchsten Grade verfassungswidrig.

Natürlich können Verteidiger des Kölner Beschlusses geltend machen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Adolf-Hitler-Plätze umbenannt und nach der Wiedervereinigung eine Reihe von Lenindenkmälern verschrottet wurden. Aber in diesen Fällen waren die Wunden noch frisch – in diesen Fällen bedeutete die Distanzierung von der Vergangenheit noch etwas, wenn auch oft kaum mehr als das verschämte Eingeständnis der Mehrheit, sich geirrt zu haben.

Im Fall von Irrtümern aus dem 17. Jahrhundert, noch dazu längst überwundenen, hat die heutige Rechtshandlung ausschließlich symbolischen Charakter. Und ihre Betreiber haben viel gemeinsam mit den Gerichten von einst, die Tote ausgraben und nachträglich hängen oder vierteilen ließen, damit der Rechtsfriede wiederhergestellt würde.

Dabei sind ihre Beweggründe ehrenwert: Sie treten für das Recht ein, wollen für Unrecht sensibilisieren. Bloß ist der Gegenstand des Engagements nicht adäquat. Nützlicher wäre es wohl, dem Unrecht von heute in den Arm zu fallen, die Hexen von heute zu retten – sie leben nämlich noch. Woran man sie erkennt? Vielleicht daran, dass kaum jemand sie verteidigt. So war es jedenfalls damals.

Hexenprozesse

1631 erschien Friedrich Spees “Cautio Criminalis” – ein wirksamer Protest gegen die Hexenprozesse

(Foto: Caroline Stollmeier)

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Spenden-Experiment: Wirtschaftliche Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe

Caroline Stollmeier am 14. Februar 2012

In Deutschland wird vieles streng kontrolliert und dokumentiert. Die Mensche wollen Sicherheit. Und Papier ist geduldig. Ein Prüfsiegel, ein Qualitätsbericht oder ein Testergebnis spiegeln jedoch nicht immer wider, was einem persönlich wichtig ist. Im Rahmen unseres Spenden-Experiments haben wir uns selbst die Vorgabe gemacht, dass unsere Spende am Ende zum Menschenlebenretten beitragen soll. Aber welche Bewertungskriterien sind dafür ausschlaggebend?

Die Großen – Oxfam, Unicef & Co.

Zunächst liegt es nahe, große und bekannte Organisationen unter die Lupe zu nehmen. Oxfam Deutschland e.V. hat Moralblog bereits beispielhaft vorgestellt. Den meisten Menschen bekannt dürfte auch UNICEF Deutschland sein. Diese Hilfsorganisation setzt sich vor allem für die Recht von Kindern ein. Im Geschäftsbericht 2010 wird ausgewiesen, dass von jeder 100-Euro-Spende rund 85 Euro für die „weltweite UNICEF-Arbeit eingesetzt“ wurden. Noch eine andere Angabe ist mir jedoch aufgefallen: Mehr als die Hälfte der Spendeneinnahmen wurden von UNICEF zweckgebunden bereitgestellt. Und dem Zweck „Überleben von Kindern sichern“ wurden nur etwa 9 % dieser Spenden zugeführt. Zugegeben, ein relativ großer Anteil (etwa 53 %) floss in die Nothilfe. Hier kann man wohl davon ausgehen, dass auch mit diesem Geld Menschenleben gerettet wurden.

Große Organisationen verstehen ihr Kommunikations-Handwerk. Von Broschüren und Websites schauen uns große Kinderaugen entgegen, Geschäftsberichte wirken transparent, Ansprechpartner scheinen immer verfügbar. Es fällt mir wirklich schwer zu beurteilen ob es Unterschiede in der Glaubwürdigkeit gibt. Und das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass ich davon ausgehe, dass Organisationen mit weniger öffentlichkeitswirksamen Auftreten deshalb unglaubwürdiger sind. So komme ich also nicht weiter…

In der Nähe – das Friedensdorf

Vielleicht ist der Zugang zu Hilfsorganisationen, die in räumlicher Nähe aktiv sind, einfacher? Zusammen mit einigen Lesern hat die Moralblog-Redaktion deshalb das Friedensdorf International im benachbarten Dinslaken besucht. Das Friedensdorf ist in den 60er Jahren aus einer Bürgerbewegung hervor gegangen. Der Verein kümmert sich inzwischen um etwa 1.000 Kinder pro Jahr, die lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind und denen aufgrund von Krieg oder anderen Krisen in ihren Heimatländern nicht geholfen werden kann. Die Kinder werden nach Deutschland gebracht, haben hier in der Regel längere Krankenhausaufenthalte durchzustehen und bleiben dann mehrere Wochen oder sogar Monate im Friedensdorf, bis sie gesund genug für die Heimreise zu ihren Familien sind. Wir haben einen guten Eindruck von der Arbeit im Friedensdorf, die unzweifelhaft Menschenleben rettet. Beeindruckt sind wir auch vom Umfang der ehrenamtlichen Arbeit, die dort geleistet wird. Trotz dieses Engagements kostet die Betreuung eines Kindes im Friedensdorf pro Tag etwa 50 Euro, wie Heike Bruckmann erklärt, die uns durch das Dorf geführt hat. Und die Kosten für den Hin- und Rückflug sind dabei noch nicht eingerechnet.

Freunde fragen – Gemeinden, Kindergärten, Patenschaften

Eine weitere Überlegung war, unsere Freunde und Bekannten zu fragen, wohin sie regelmäßig spenden bzw. welche Organisation sie gerne unterstützen. Einige gaben an, dass sie ihrer Kirchengemeinde oder einem Kindergarten in ihrer Nähe Geld geschenkt hätten. Und einige haben „Patenschaften“ für Kinder in wenig entwickelten Ländern übernommen; beispielsweise vermittelt von Plan Deutschland. Während die Einen sicher waren, dass ihre Spende in ihrem unmittelbaren Umfeld Gutes bewirkt, waren die Anderen vor allem vom Briefkontakt mit ihren „Patenkindern“ beeindruckt, der ihnen ein Gefühl dafür vermittelt, dass ihre Spende ankommt.

Keine Frage, in unseren Kirchengemeinden und Kindergärten fehlt oft das Geld an allen Ecken und Enden. Aber Leben werden dort in der Regel nicht. Und „Patenkinder“ sind ein Thema für sich. Inzwischen sind die meisten nachhaltig arbeitenden Organisationen dazu übergegangen keine Spenden mehr einzelnen Kindern bzw. deren Familien zukommen zu lassen, sondern mit ihren Projekten ganze Dörfer oder Regionen zu unterstützen. Häufig sind es Projekte, die bessere Bildung (und nicht die Rettung von Menschenleben) zum Ziel haben. Das Patenschaftskonzept dient dabei eher der Spendergewinnung und -bindung.

Entwicklungshilfe – Armutsbekämpfung im Vordergrund?

Die Bundesrepublik Deutschland gibt viel (Steuer-) Geld für so genannte Entwicklungshilfe aus; die Armutsbekämpfung spielt dabei nach eigenen Angaben eine wichtige Rolle. Das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: BMZ) erklärt, dass Entwicklungshilfe unterschiedlich funktioniert: Entweder durch direkte Zusammenarbeit mit Regierungen oder Organisationen in Partnerländern, über den Umweg der Europäischen Union oder durch Unterstützung von internationalen (Nichtregierungs-) Organisationen. Im Haushaltsjahr 2011 standen dem BMZ 6,22 Milliarden Euro zur Verfügung.

Entwicklungshilfe wird oft kritisiert, da sie anscheinend weniger humanitäre als vielmehr wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund stellt. Das BMZ selbst sagt dazu: „Von Entwicklungszusammenarbeit profitieren nicht nur die Empfängerländer, sondern auch die Geber. Das gilt ganz besonders für die Exportnation Deutschland. (…) Jeder Euro, den wir für Entwicklung in unseren Partnerländern ausgeben zieht deutsche Exporte von 1,80 Euro nach sich.“ Das ist an sich ja nicht verwerflich. Aber betrachten wir diesen Aspekt doch einmal vor dem Hintergrund der Armutsbekämpfung…

Die 10 Länder, die die Rangliste der Empfänger deutscher Entwicklungshilfe im Jahr 2010 angeführt haben, sind: Indien, China, Afghanistan, Brasilien, Indonesien, Pakistan, Ägypten, Serbien, Tansania und die Türkei. Das wechselkursbereinigte Pro-Kopf-Einkommen ist ein relativ guter Indikator für die Armut in einem Land. Dazu gibt die Weltbank Ranglisten heraus: Im Jahr 2010 war Indien dort auf Platz 153, China auf Platz 118, Afghanistan auf Platz 200, Brasilien auf Platz 96, Indonesien auf Platz 147, Pakistan auf Platz 163, Ägypten auf Platz 127, Serbien auf Platz 95, Tansania auf Platz 186 und die Türkei auf Platz 79. Nach diesem Maßstab zählt also – außer Afghanistan – keines der von Deutschland am meisten geförderten Länder zu den ärmsten der Welt!

Hilfsorganisationen, die vom BMZ finanziell unterstützt werden, müssen BMZ-Kriterien erfüllen. Und nach meinem Eindruck mag die Verteilung der Gelder für Entwicklungshilfe zwar ein Indikator für Allerlei sein. Aber ein Gradmesser für (erfolgreiche) humanitäre Hilfe ist sie nicht.

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International in Dinslaken

(Foto: Caroline Stollmeier)

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Das Scherbengericht von Duisburg

Harald Stollmeier am 28. Januar 2012

STANDPUNKT

Am 12. Februar richten sich alle Augen auf Duisburg. Denn am 12. Februar ist in Duisburg „Abwahl.“ Die Wählerinnen und Wähler entscheiden darüber, ob Oberbürgermeister Adolf Sauerland vorzeitig aus dem Amt scheiden muss. Und ich darf mitwählen. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde.

Abwahlkampfplakat an der Osteinfahrt des Tunnes Karl-Lehr-Straße, Duisburg

Abwahlkampfplakat an der Osteinfahrt des Tunnels Karl-Lehr-Straße, Duisburg. Bild: Caroline Stollmeier

Bin ich moralisch verpflichtet, für die Abwahl zu stimmen? Zwingt mich die Achtung für die 21 Todesopfer der Loveparade-Katastrophe dazu? Die Initiatoren der Abwahl vom „Neuanfang für Duisburg“ scheinen das zu glauben, und zu ihnen gehören redliche Menschen wie die Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas und Alt-Oberbürgermeister Josef Krings. Aber haben sie Recht?

Einerseits ist die Katastrophe selbst nicht das Werk des Oberbürgermeisters. Wahrscheinlich hätte er sie nicht einmal verhindern können. Und ich halte es für unbestreitbar, dass er insgesamt viel für Duisburg getan hat: Bis zur Loveparade war seine Bilanz gut. Andererseits hätte auch ich mir nach der Katastrophe einen Oberbürgermeister gewünscht, der die richtigen Worte findet und unangemessene vermeidet – und das ist Adolf Sauerland seinerzeit nicht gelungen.

Es ist deswegen trotz meiner CDU-Mitgliedschaft gut möglich, dass ich bei einer regulären Oberbürgermeisterwahl nicht Adolf Sauerland wähle, weil ich finde, dass ein anderer Kandidat besser für das Amt geeignet ist. Aber bei der Abwahl am 12. Februar gibt es ja keinen anderen Kandidaten. Eine OB-Abwahl am 12. Februar würde nicht bedeuten, dass Adolf Sauerland schlechter geeignet ist als ein anderer Kandidat. Sie würde bedeuten, dass er schlechter geeignet ist als jeder andere vorstellbare Kandidat – und wenn es Horst Schlämmer wäre.

Eine solche Abstimmung ist ein Scherbengericht. Gerecht ist sie jedenfalls nicht.

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Soll ich heute einen Hund bei Zajac kaufen?

Caroline Stollmeier am 20. Januar 2012

STANDPUNKT

Heute Vormittag hat endlich der Hundeverkauf bei Zoo Zajac in Duisburg-Neumühl begonnen. Der Parkplatz ist nicht übermäßig voll, aber einige Ü-Wagen kann ich ausmachen. Bereits im Eingangsbereich des nach eigenen Angaben größten Zoofachhandels der Welt werde ich von mehreren Sicherheitsleuten und Angestellten begrüßt. „Zu den Hunden gehen Sie einfach den Gang bis zum Ende und dann links“, erhalte ich freundlich Auskunft.

Bis ich mich durch die Traube von Journalisten in die erste Reihe vor die Gehege gedrängelt habe, dauert es ein paar Minuten. Hinter der Glasscheibe sitzt eine Tierpflegerin und spielt unaufgeregt mit niedlich tollenden Dackelwelpen herum. Eine Journalistin spricht mich an: „Sind Sie aus privatem Interesse hier? Möchten Sie einen Hund kaufen?“ Ich höre, wie Inhaber Norbert Zajac unter Scheinwerferlicht in eine der Kameras spricht: „Bei diesem Medienrummel haben die Endverbraucher bestimmt Lampenfieber. Aber ab morgen rechne ich mit den ersten Verkäufen…“

Tierschützer haben seit gut einem Jahr versucht, die Aufnahme von Welpen in das Sortiment des Zoohandels zu verhindern. Es ist in Deutschland zwar nicht verboten, diese Tiere im Geschäft zu verkaufen, aber bisher war es unüblich. Wer ein Hund als Haustier haben wollte, musste sich direkt an einen Züchter oder ein Tierheim wenden.

Die Kritik an Zajac bezieht sich auf die Art, wie die Tiere in seinem Geschäft betreut werden. Außerdem gibt es noch den allgemeinen Vorwurf, dass er mit einer Kommerzialisierung des Welpenhandels zur „Überproduktion“ von Haustieren beiträgt. Die Tierheime sind doch wahrlich voll genug! Diesen konstruierten Zusammenhang finde ich nicht überzeugend.

Norbert Zajac begegnet allen Vorwürfen der Tierschützer gelassen und selbstbewusst. Seine Tierpfleger und Tierärztinnen sind rund um die Uhr auf Abruf für die Tiere da, die Gehege sind größer, als sie sein müssten. Er wählt die Züchter und Familien, aus denen seine Hunde kommen, sorgfältig aus. Beispielsweise achtet er streng darauf, keine Tiere aus Massenzucht anzubieten. Bei der Beratung und Nachbetreuung von Käufern arbeitet Zajac mit Tierschutzorganisationen zusammen. Und spontane Mitleidskäufe schließt er unter anderem aufgrund der relativ hohen Verkaufspreise aus. Das habe ich alles bereits im Vorfeld gelesen. Und es klingt konsequent. Auch jetzt, als er die ewig gleichen Fragen der Journalisten geduldig beantwortet, wirkt er nicht so, als wäre er bei bestimmten Themen verlegen oder würde versuchen etwas zu beschönigen.

Der bereits etablierte Verkauf von Katzen bei Zoo Zajac ist ein Indiz, dass auch der Hundeverkauf ein Erfolg werden wird. Zajac bedient eine ungeheuere Nachfrage. Er tut glaubhaft vieles dafür, die Tiere in seinem Geschäft gut zu betreuen und schnell in verantwortungsvolle Hände zu übergeben.

Die Tierschutzorganisation PeTA, die maßgeblich hinter den Protesten gegen Zajac steht, geht über die Kritik am Tierverkauf im Zoohandel hinaus und kritisiert das Halten von Haustieren grundsätzlich: „Selbst Menschen, denen etwas an Tieren liegt, sind oft nicht imstande, die vielen Bedürfnisse eines Tieres zu erkennen oder zu erfüllen. Domestizierte Tiere sind in einer sehr zwiespältigen Lage: sie können nicht mehr auf sich alleine gestellt überleben, haben jedoch noch viele ihrer Grundinstinkte und -antriebe behalten. Sie werden gewöhnlich von ihren natürlichen Herden oder Rudeln getrennt, ihre Körper und Seelen sehnen sich danach umherzustreifen, aber aus Sicherheitsgründen werden sie im Haus oder Garten gehalten, sind immer abhängig von ihren Haltern, selbst für einen Schluck Wasser oder einen Happen zu Essen oder für etwas sozialen Kontakt. Solange Menschen Tiere als Spielzeug, Besitztum oder Ware ansehen anstatt als lebende Individuen mit Gefühlen, Familien und Freundschaften, werden die vielen Fälle von Vernachlässigung und Missbrauch nicht aufhören.“ Und weiter: „Menschen, die die Zeit, das Geld, die Liebe und die Geduld aufbringen, um die lebenslange Verpflichtung für ein Tier zu übernehmen, können wirklich helfen, indem sie ein solches Tier aus dem Tierheim aufnehmen oder einem streunenden Tier von der Straße ein gutes Zuhause geben.“

Viele Menschen wollen Haustiere haben. Und sie haben viele – manchmal auch gute – Gründe dafür diese nicht aus einem Tierheim oder von der Straße zu holen. Auch, wenn sie Tiere mögen. Und auch, wenn sie wissen, dass die Tierheime voll sind. Diese Menschen wenden sich in der Regel an Züchter.

Ich kann nicht beurteilen, wie Tiere bei Züchtern behandelt werden. Bestimmt gibt es da große Bandbreiten. Kontrolliert werden können Züchter nur schwer, insbesondere, wenn sie privat oder im Ausland sind. Und tun Züchter mit Tieren, die nicht verkauft werden können, die nicht gesund sind oder die nicht den Schönheitsidealen entsprechen?

Bei Zajac ist alles irgendwie öffentlich. Der Inhaber lädt alle Interessierten ein, sich seine Verkaufsräume, die Unterbringung seiner Tiere und den Umgang mit diesen genau anzusehen. Ladenhüter gibt es nicht, wie Zajac selbst sagt. Und den Tierschützern bietet er immer wieder Gespräche an, worauf diese nicht immer eingehen.

Wer ein Haustier haben möchte, der sollte sich grundsätzlich seiner Verantwortung bewusst sein, sich gut beraten lassen und auch nicht leichtfertig bei der Wahl der Bezugsquelle sein. Mein Eindruck ist, dass man bei Zajac gut und auch kritisch beraten wird. Zajacs Argument, dass der Verkauf von gesunden Tieren die wichtigste Werbung für sein Geschäft ist, finde ich  im Übrigen einleuchtend.

Seit gut einem Jahr verfolge ich die Proteste gegen Zajac. Bisher habe ich kein stichhaltiges Argument dagegen gefunden, Hunde (oder andere Tiere) ausgerechnet bei Zajac zu kaufen. Mein Eindruck ist, dass es viel schneller auffallen würde, wenn es den Tieren bei Zajac schlechter ginge als beispielsweise bei Züchtern. Und als Käufer entscheide letztlich nur ich, wo ich mein Haustier kaufe und zu welchen Bedingungen. Der Journalistin, die mich heute angesprochen hat, habe ich aber gesagt: „Nein, ich möchte grundsätzlich keine Haustiere haben.“ Denn das ist aus meiner Sicht der beste Tierschutz.

Welpenverkauf bei Zoo Zajac

Am 20. Januar hat der Hundewelpenverkauf bei Zoo Zajac in Duisburg-Neumühl begonnen.

Welpenverkauf bei Zoo Zajac

Journalisten belagern die neue Hundeanlage.

Norbert Zajac im Interview zum Welpenverkauf

Inhaber Norbert Zajac gibt zahlreiche Interviews.

(Fotos: Caroline Stollmeier)

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Kirche und Staat: Besser trennen?

Harald Stollmeier am 15. Januar 2012

KOMMENTAR

Vor wenigen Wochen legte Kardinal Meisner dem Bundespräsidenten nahe zurückzutreten. Vor wenigen Tagen erklärte Bundestagspräsident Lammert, der derzeitige Papst stehe einer notwendigen Kirchenreform im Wege. Kein Zweifel: Für beide gilt die Meinungsfreiheit. Beide durften das. Trotzdem finde ich, dass beide Aussagen die Grenze zwischen Kirche und Staat überschreiten.

Nun gut: In der Bundesrepublik Deutschland sind Kirche und Staat nicht sauber getrennt. Auf manchen Gebieten herrscht Partnerschaft, auf anderen Arbeitsteilung. Aber gerade wenn man diese Partnerschaft erhalten möchte, sind alle Beteiligten gut beraten, mit Einmischungen in die Tätigkeit der jeweils anderen Institution sparsam zu sein.

Wenn der Erzbischof von Köln öffentlich, idealerweise in einer Predigt, die deutsche Gesetzgebung zum Schutz ungeborener Kinder als ungenügend kritisiert, dann tut er das nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant der Kirche und Beauftragter Gottes. Und dann ist diese öffentliche Kritik sowohl inhaltlich als auch formal seine Aufgabe, für deren Wahrnehmung ich ihm als katholischer Christ dankbar bin.

Wenn der Bundestagspräsident Papst Benedikt XVI. im Bundestag mit der Anrede „Heiliger Vater“ begrüßt, dann tut er das nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant des Deutschen Bundestages und Beauftragter des deutschen Volkes. Und als Bürger bin ich ihm dankbar für diese Dokumentation guten Benehmens stellvertretend für uns alle .

Wenn der Erzbischof von Köln öffentlich über die Eignung von Christian Wulff für das höchste Staatsamt spricht, tut er das als Wähler? Wenn der Bundestagspräsident öffentlich Kirchenreformen fordert, tut er das als Katholik? Können beide überhaupt als Privatpersonen öffentlich auftreten? Ich glaube nicht. Und deshalb sollten sie bei allem, was sie öffentlich tun, das Ende bedenken. Und beide können weder einen Staat wollen, dem die Kirche das Oberhaupt vorschreibt, noch eine Kirche, die sich vom Staat sagen lässt, was sie zu predigen hat.

Lasst uns dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Konsequent.

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Weißt du schon was es wird?

Caroline Stollmeier am 2. Januar 2012

Oder: Der Klapperstorch und andere Irrtümer

KOMMENTAR

Wohl jeder kennt die eine oder andere Geschichte, die damit endet, dass der Klapperstorch die Babys bringt. Das geht dann in etwa so: Eine junge Frau wird vom Storch so feste ins Bein gebissen, dass sie sich hinlegen muss. Durch den Schornstein schlüpft dann Mister Adebar ins Haus und legt im Bett der armen Gebissenen ein Baby ab.

Ich finde, Klapperstörche – genauer gesagt: Weißstörche – sind prachtvolle, elegante, sympathische Tiere. (Aber ich bin ja auch keine Maus und kein Frosch…) Kein Wunder also, dass man diesen Tieren besondere Fähigkeiten nachsagt. Woher die Geschichten vom Kinderbringen kommen, ist unklar. Nichtsdestotrotz halten sie sich haltnäckig und werden stets aufs Neue erzählt.

Auch viele Hebammen, Kreißsäle und Frauenarztpraxen zieren sich mit Störchen, die in ihren Schnäbeln bündelweise Babys herbei tragen. Das finde ich fast ein bisschen gemein, denn weder die beste Hebamme noch der gemütlichste Kreißsaal noch die fürsorglichste Frauenarztpraxis können einer Frau die Mühen und Schmerzen einer Entbindung vollständig ersparen, so wie es ja angeblich der Klapperstorch tut. Wenn schon jemand sich mit dem prachtvollen Storch gleichsetzt, dann sollten das doch eigentlich die Mütter tun, denn schließlich bringen sie in Wirklichkeit die Kind zur Welt.

In Europa sinkt die Zahl der Störche in ähnlicher Form wie die Reproduktionsrate der Menschen. „Dies ist jedoch kein Beleg dafür, dass der Storch die Babys bringt. Die gemeinsame Ursache sind die wirtschaftlichen und sozialen Änderungen in Europa. Intensivere landwirtschaftliche Techniken sowie verstärkter Siedlungs- und Straßenbau auf ehemals landwirtschaftlichen Flächen beeinträchtigen den Lebensraum der Störche“, entlarvt Wikipedia einen Logikfehler, der auch cum hoc ergo propter hoc genannt wird. Bei zwei gleichzeitig auftretenden Ereignissen wird das eine zur Ursache und das andere zur Wirkung erklärt ohne, dass es eine zwingende Begründung dafür gibt.

Aber nicht nur die Störche sind in ihrem Bestand bedroht, sondern auch die Hebammen. Zumindest beklagen sie das regelmäßig. Gestiegene Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung und allgemein eine zu niedrige Entlohnung sind das Problem. Die Störche haben viele Unterstützer. Der NABU zum Beispiel, gibt sich größte Mühe, die Gewohnheiten von Weißstörchen zu ihrem Schutz zu erforschen und verfolgt ein paar von ihnen deshalb sogar per GPS oder Webcam. Für die Hebammen kämpfen vor allem die Hebammen. Wobei die Dokumentationen, die sie über ihre Arbeit erstellen müssen, inzwischen wahrscheinlich genauer sind als GPS-Signale.

Ach, und noch etwas Unerklärliches rund ums Kinderkriegen fällt mir gerade ein. Eine sichtbar Schwangere wird gefragt: „Und, weißt du schon was es wird?“ Eine alltägliche Begebenheit. Selbst mein Frauenarzt, an dem ich ansonsten nichts, aber auch gar nichts auszusetzen habe, sagt seinen neugierigen Patientinnen beim Ultraschall: „Es wird ein Mädchen“ oder „es wird ein Junge“. Ganz selbstverständlich.

Aber das ist ganz selbstverständlich Unsinn. Das Geschlecht des Babys ist bereits ganz am Anfang, zum Zeitpunkt der Befruchtung, genetisch festgelegt. Etwa in der 7. Schwangerschaftswoche beginnt dann allmählich die Ausbildung der Geschlechtsorgane.* Nicht viele Frauen bemerken vor diesem Zeitpunkt, dass sie schwanger sind. Und das alles passiert lange, lange bevor eine Schwangerschaft von außen sichtbar ist. Ein wenig mehr Sorgfalt bei der Wortwahl wäre also angebracht, finde ich. Was spricht dagegen zu fragen: „Weißt du schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?“

Aber um noch einmal auf die Störche zurück zu kommen… Auch hier gibt es weitere Ungenauigkeiten. Weißstörche gelten als absolut treue Partner. Eine romantische Vorstellung. Sie sind es normalerweise auch – für eine Saison. Aber richtig treu sind sie in erster Linie ihrem Nistplatz. Jedes Frühjahr versuchen sie ihr altes Nest wieder zu beziehen. Gerne auch mit einem anderen Partner. Und ihre Küken werden extrem schnell selbstständig. Bereits nach wenigen Wochen begeben sie sich alleine auf ihre lange Flugreise von Europa nach Afrika, wo sie dann überwintern. Ich muss ja vom heutigen Standpunkt aus sagen, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn die Kinder nicht allzu schnell flügge werden müssen. Insofern ist es also nicht schlimm, dass ich kein Storch bin. Auch wenn Störche elegant und sympathisch sind…

Mein Sohn ist erst vier Jahre alt. Sein Auf-die-Welt-kommen liegt noch nicht allzu lange zurück. Ich habe ihn gefragt: „Bringen Störche Babys?“ Er überlegt kurz und sagt dann: „Ja. Aber nur Tierbabys, weil Störche selber Tiere sind.“ Selbstverständlich. Das ist doch logisch.

Weißstorch in Duisburg

(Weißstorch in Duisburg; Foto: Caroline Stollmeier)

* Sadler, Thomas W./Langman, Jan: Medizinische Embryologie: die normale menschliche Entwicklung und ihre Fehlbildungen, 11. Aufl., Stuttgart, 2008, S. 323.

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Sexuelle Gewalt: sind die Opfer mitschuldig?

Caroline Stollmeier am 13. Dezember 2011

Eine sexuelle Belästigung, ein Missbrauch oder gar eine Vergewaltigung werden häufig nicht angezeigt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nicht zuletzt bleiben solche Taten unbestraft, weil viele Opfer mit dem Vorwurf rechnen, sich mitschuldig gemacht zu haben.

„Die Opfer sind Opfer und nur Opfer“, macht die Kriminalhauptkommissarin Claudia Jacoby von der kriminalpolizeilichen Vorbeugungsdienststelle in Duisburg unmissverständlich klar. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Prävention von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Außerdem kennt sie die Gründe, aufgrund derer ein Ausbruch von sexueller Gewalt nicht zur Anzeige gebracht wird. Die Opfer schämen sich und sind zutiefst verunsichert oder eingeschüchtert. Bei Freunden, Verwandten oder Kollegen finden sie außerdem kaum Verständnis. Diese unterstützen nämlich häufig noch die Selbstzweifel, mit denen sich das Opfer ohnehin schon quält.

Viele Opfer entschließen sich erst Jahre nach der Tat dazu, gegen den Täter vorzugehen. Das kompliziert zwar die Beweislage, aber die Polizei ermittelt trotzdem, wenn sie eingeschaltet wird. Schwierig ist es, wenn es zu diesem Zeitpunkt nur noch die Aussagen von Opfer und Täter gibt. Beweise am Tatort oder auch am Opfer können nur unmittelbar nach der Tat gesichert werden.

„Viele Frauen empfinden großen Ekel und duschen nach einem Missbrauch stundenlang. Das ist verständlich. Aber besser wäre es, Spuren fachgerecht sichern zu lassen und aufzubewahren; Verletzungen sollten für ein mögliches späteres Strafverfahren dokumentiert werden. Der vertraute Gynäkologe oder eine Notfallambulanz können das machen und sind nicht verpflichtet die Polizei einzuschalten“, erläutert Jacoby.

„Sexualstraftäter werden erfahrungsgemäß eher angezeigt, wenn sie dem Opfer unbekannt sind; beispielsweise der Exhibitionist auf dem Spielplatz. In den meisten Fällen von sexueller Gewalt sind sich Opfer und Täter jedoch bekannt oder sogar miteinander verwandt“, sagt Jacoby, „wir müssen deshalb leider von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“.

Die Polizei ermutigt Opfer von sexueller Gewalt, sich zu melden und die Tat anzuzeigen. „Das bringt ja sowieso nichts“, denken einige Opfer vielleicht. Das ist allerdings nicht richtig, auch wenn sich die Ermittlungen gegen den Täter selbstverständlich einfacher gestalten, je weniger Zeit seit der Tat verstrichen ist. Aber auch einer möglicherweise notwenigen späteren Traumabewältigung kann die Einleitung eines Strafverfahrens zuträglich sein. Und nicht zuletzt sind Sexualstraftäter häufig Wiederholungstäter. Sind sie der Polizei erst einmal aufgefallen, kann das spätere Ermittlungen erleichtern.

Opfern von sexueller Gewalt stehen in unserem Rechtssystem viele Hilfen zur Verfügung. Sie haben beispielsweise Anrecht auf einen Opferanwalt und Prozesskostenhilfe – auch bei Nichtbedürftigkeit. Unter Umständen können sie nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) Schadenersatz und die Kostenübernahme für eine traumatologische Behandlung in einer Opferambulanz erhalten. Wichtiger dürfte jedoch sein, dass sie besonderen Schutz während des Strafverfahrens genießen. Sie können beispielsweise darauf bestehen, nur mit weiblichen Beamten zu sprechen oder sich während der Verhandlung in einem Zeugenschutzzimmer aufzuhalten. Die Öffentlichkeit und auch der Täter können auf Antrag an den vorsitzenden Richter oder die vorsitzende Richterin während der Vernehmung des Opfers ausgeschlossen werden.

Kriminalhauptkommissarin Jacoby kennt viele Tricks, mit denen sich bereits sehr junge Frauen wirksam gegen sexuelle Gewalt schützen können: „Wenn man auf der Straße angesprochen wird, sollte man sich vor allem in einsamen Gegenden auf kein Gespräch einlassen, sondern selbstbewusst weiter gehen und das nächste beleuchtete Haus ansteuern.

Fühlt man sich verfolgt, sollte man die Straßenseite wechseln, sich einer Personengruppe anschließen und um Hilfe bitten, mit dem Mobiltelefon den Notruf 110 wählen und den Kontakt halten, bis die Polizei eingetroffen ist und nicht zum eigenen Hauseingang gehen. Bei konkreter Bedrohung rate ich, durch die direkte Ansprache einer Person auf sich aufmerksam machen und damit praktisch ‚Öffentlichkeit’ herzustellen.

Auch zuhause kann man sich schützen. Dabei helfen die Kollegen der technischen Prävention in der kriminalpolizeilichen Beratungsstelle kostenlos. Ist aber bereits jemand – möglicherweise durch Vorspiegelung falscher Tatsachen – in der Wohnung und bekommt man ein ungutes Gefühl, sollte man verlangen, dass derjenige die Räumlichkeiten  verlässt. Kommt er dieser Aufforderung nicht nach, sollte man selber sofort die eigenen vier Wände verlassen und mit Verstärkung, beispielsweise durch die Nachbarn, zurückkommen.

Bei dem Versuch, sich mit Waffen und technischen Hilfsmitteln selbst zu verteidigen, ist Vorsicht geboten, denn diese kann der Täter möglicherweise an sich bringen und dann gegen das Opfer verwenden, oder man muss zu nah heran. Ich empfehle eigentlich gerne den Schrillalarm. Das ist ein kleines Gerät, das man bequem mitnehmen kann und beim Auslösen großen Lärm macht, eine Tatsache, die alleine vielleicht schon dazu führt, dass man dem überraschten Angreifer entkommen kann. Außerdem ist einem die Aufmerksamkeit anderen Menschen gewiss.“

„Es werden immer wieder Fälle bekannt, in denen ein Täter vom Opfer abgelassen hat, wenn dieses sich zur Wehr gesetzt hat. Die Angreifer setzen auf Hilflosigkeit und Einschüchterung“, erklärt Jacoby „deshalb empfehle ich jeder Frau dringend: Wehre dich entschieden und laufe weg, sobald du kannst.“

Der Vorwurf, dass eine Frau einen Ausbruch von sexueller Gewalt selbst provoziert hat, ist in der Regel ebenso ungerecht wie unbegründet. Insbesondere Mädchen und junge Frauen kleiden und verhalten sich nicht etwa zu dem Zweck sexuell aufreizend, ältere Männer zu verführen. Stattdessen geht es ihnen um Anerkennung in der Gruppe Gleichaltriger. Jacobys Erfahrungen bestätigen das. „Ich sage den Mädchen, die zu mir zur Beratung kommen, dass es in Ordnung ist, sich figurbetont zu kleiden, sich hübsch zu machen und sich vorteilhaft zu stylen. Niemand ist deshalb berechtigt, sie für leicht verfügbar zu halten. Die Mädchen wollen gefallen. Aber sie müssen auch lernen, damit umzugehen, wenn sie Jungen und Männern dann tatsächlich auffallen. Pfeift ihnen ein Junge hinterher, verstecken sich die Mädchen aber leider oft hinter ihren langen Haaren und signalisieren dadurch Unsicherheit. Das ist genau falsch. Hier wäre Selbstbewusstsein gefragt. Brust raus, Po rein, ein aufrechter Gang. Und im Zweifelsfall sollte bereits ihr fester Blick sagen: Denk nicht mal dran…!“

„Ich rede mit den Mädchen auch über den Umgang mit sexueller Belästigung. Das ist unter Jugendlichen oft das gleiche wie später am Arbeitsplatz. Je nachdem, ob anzügliche Worte, Gesten und Berührungen von einem beliebten oder eher unbeliebten Jungen kommen, werden diese unterschiedlich bewertet; bei dem einen fühlen sie sich geschmeichelt, bei dem anderen beleidigt und angegriffen“, berichtet Jacoby, „hier plädiere ich klar für mehr Gerechtigkeit. Man sollte sich selber und anderen deutlich klar machen, wann eine Grenze überschritten ist.“

„Für mich beginnt sexuelle Gewalt immer dann, wenn eine sexuelle Handlung nur noch einem der Beteiligten Spaß macht beziehungsweise wenn sie nicht mehr dazu dient, Zuneigung auszudrücken, sondern lediglich die eigenen Bedürfnisse befriedigt. Es ist immer ein Machtmissbrauch“, sagt Jacoby. Jede Frau (und natürlich auch jeder Mann) hat jederzeit das Recht, eine sexuelle Handlung zu verweigern. Und niemand ist dazu berechtigt, sich über diese Weigerung hinweg zu setzen – welche guten Gründe er auch immer dafür zu haben glaubt.“

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Gezeugt durch eine Vergewaltigung: Rebecca Kiessling

Caroline Stollmeier am 3. November 2011

Rebecca Kiessling wurde gleich nach ihrer Geburt adoptiert. Als 18-jährige begann sie die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Es war nicht ganz einfach, aber schließlich fand sie heraus, wer ihre Mutter ist. Darüber war sie sehr glücklich. Todunglücklich hingegen machten sie die Umstände, unter denen sie gezeugt wurde: ihre Mutter war nämlich Opfer eines brutalen Serienvergewaltigers geworden.

Rebecca war überzeugt davon, dass ihre Mutter sie hassen würde. Sie stellte sich vor, dass sie das Schlimmste sei, das ihrer Mutter je passiert ist. Außerdem fühlte sie sich beschmutzt und wertlos. Welcher nette Mann würde sie, das „Produkt“ einer Vergewaltigung, je lieben können? Und sollte sie jemals einen Sohn bekommen, wäre dieser dann auch irgendwann ein Vergewaltiger?

Rebeccas Mutter hingegen war überglücklich, als sie endlich Kontakt zu ihrer Tochter hatte. Nach dem ersten Telefonat schrieb sie ihrer Tochter in einem herzlichen Brief: „All diese Jahre hatte ich nichts von Dir, kein Foto, nichts, das mir sagte, dass Du ein Teil von mir bist. Nur die Erinnerung an eine Schwangerschaft mit dem Baby, von dem ich hoffte, dass es eines Tages seine wirkliche Mutter suchen würde, so wie auch ich mein Baby kennen lernen wollte. Ich habe Dich in meinem Herzen immer geliebt.“

Das Wiedersehen nach all den Jahren war ein wunderbarer Tag für Mutter und Tochter.

Dann ist Rebecca auf das Thema Abtreibung aufmerksam geworden. Sie fragte ihre Mutter, ob diese je daran gedacht hätte, ihr Kind abzutreiben. Und die Mutter gab zu, dass sie es sogar zwei Mal versucht hatte. Zu dieser Zeit aber waren Abtreibungen in ihrem Heimatstaat der USA verboten. Und die Hinterhofpraxen, in die sie geschickt wurde, arbeiteten unter so abstoßenden Bedingungen, dass die Mutter Reißaus genommen hatte. So wurde Rebecca schließlich geboren.

Auch das Wissen darum, dass sie beinahe abgetrieben worden wäre, stürzte Rebecca in eine große Krise. Sie lebte fortan in der zwanghaften Gewissheit, dass sie der Welt beweisen müsse, dass sie es wert sei, zu leben und geliebt zu werden. Mehr noch als Faktoren wie Herkunft, Wohngegend, Beruf und Einkommen der Eltern fühlte sie, dass die Umstände der Zeugung und Geburt den Wert eines Menschen in den Augen anderer ausmachen.

Ihre Beziehungen endeten oft in Missbrauch und Gewalt. Bis sie eines Tages Gottes Wirken in ihrem Leben erkannte. Sie begann sich im Lebensschutz zu engagieren. Ihre Freude darüber leben zu dürfen wollte sie mit anderen Menschen teilen und damit auch beweisen, dass die Umstände der Zeugung nicht entscheidend für ein gelingendes Leben sind.

Nach langen Gesprächen mit ihrer Mutter und vielen anderen betroffenen Frauen weiß sie heute: „Nicht das Baby ist das Schlimmste, das einer vergewaltigten Frau passieren kann, sondern eine Abtreibung ist das.“

Aufgrund ihres Engagements trifft sie häufig auf Abtreibungsgegner und -befürworter. Sie findet es herzlos, wenn diese ihr sagen, dass sie gegen Abtreibungen sind „außer nach einer Vergewaltigung“ bzw. für ein Recht auf Abtreibung sind „vor allem nach einer Vergewaltigung“. Für sie ist das, als wenn diese Menschen sagen würden: „Wenn es nach mir ginge, dann wärst Du heute tot.“ Und so etwas würde Rebecca nie zu jemandem sagen.

Oft hört sie, dass sie damals großes Glück hatte, weil ihre Mutter sie nicht abgetrieben hat. Darauf erwidert sie: „Nein, ich hatte kein Glück, ich wurde beschützt. Ich wurde beschützt vom Gesetz und von den Leuten, die dieses Gesetz gemacht haben. Wären Abtreibungen damals legal gewesen, dann wäre ich heute tot.“

Ihre Helden sind die Menschen, die sich damals so wirksam für den Lebensschutz Ungeborener eingesetzt haben und denen sie ihr Leben verdankt. Und ein bisschen hofft sie nun auch, so ein Held für andere Menschen werden zu können. Deshalb sagt sie deutlich: „Ich bin 100% für das Leben, ohne Ausnahmen und ohne Kompromisse.“

Rebeccas eigene Geschichte hat inzwischen ein nahezu märchenhaftes Ende gefunden: Sie arbeitet als Familienanwältin für verzweifelte Frauen, lebt glücklich zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern, und von ihrer leiblichen Mutter wurde sie rechtskräftig adoptiert.

 

Rebecca_Moralblog

Rebecca Kiessling bei einer Festveranstaltung der ALfA in Düsseldorf am 31. Oktober 2011 (Fotos: Caroline Stollmeier)

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