Warum Gott weint

Harald Stollmeier am 16. Mai 2015

Buchbesprechung: Beile Ratut, Das schwarze Buch der Gier, Ruhland Verlag, 287 Seiten, 19,80 Euro

“Das Gegenteil von Liebe ist Gier.” Das erfährt Alba Schleyer kurz vor ihrem sechsten Geburtstag von Tante Merete, der Schwester ihrer Mutter. Kurz darauf verschwindet Samuel, Albas achtjähriger Bruder, und taucht nie wieder auf. Albas Familie geht darüber zugrunde. Alba braucht vierzig Jahre, um sich der vollen Grausamkeit dieses nie aufgeklärten Verbrechens zu stellen.

Alba selbst, die mit vierzehn Jahren auch noch ihren Vater verliert (durch Blitzschlag; das ist die einzige Schwachstelle des Romans) und an ihrer verbitterten Mutter wenig Rückhalt hat, führt ein äußerlich erfolgreiches wenn auch unauffälliges Leben. Privat ist sie kaum zugänglich; praktisch ihr einziger Vertrauter ist der Leser, der die Ich-Erzählerin auf einer Reise begleitet, deren Ertrag das volle Begreifen der menschlichen Natur ist.

“Wir Menschen erzählen einander Geschichten.Wir tun das, weil wir dadurch zueinanderfinden.” So beginnt Beile Ratuts Roman Das schwarze Buch der Gier. Aber dieser harmonische Beginn täuscht. Denn die meisten der Geschichten, die wir Menschen einander erzählen, sind geschönt, wenn nicht gelogen. Sie vertuschen eigene Schuld, eigenes Versagen, vor allem aber die Normalität dessen, was im Roman offen “das Böse” genannt wird. Anders als in der Selbstwahrnehmung der meisten Menschen und ihrer Gesellschaft ist das Böse kein Betriebsunfall sondern ein Teil unseres Wesens in einer “entweihten Welt.”

Und wie böse: Alba sammelt seit ihrer Kindheit Zeitungsausschnitte über Verbrechen, und als Erwachsene recherchiert sie in Bibliotheken das Ausmaß der Grausamkeit von Sexualverbrechen im Frieden, vor allem aber im Krieg. Die Aufzählungen, mit denen sie sich selbst und den Leser konfrontiert, sind Historikern vertraut, wenn auch nicht sehr. Menschenbilder vom Typ “Der Mensch ist gut” vertragen sie nur in homöopathischen Dosen. Alba Schleyer blickt der furchtbaren Wahrheit ins Gesicht. Und wir tun es mit ihr.

Im Roman begegnet Alba vielen Menschen, die ihre Fragen nicht hören wollen, angefangen mit Albas Mutter, die ihre eigene Schwester verurteilt, weil sie Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, gefolgt von vor allem von Männern, die Sex nicht nur ohne Liebe sondern auch ohne Respekt ganz normal finden. “Mit Moral ereichen Sie heute nichts”, erklärt ihr einer dieser Männer, der noch dazu mit seinem Bischof auf bestem Fuße steht, “sie ist bedeutungslos.”

“Wenn ich Gott wäre”, denkt Alba Schleyer schließlich (S. 246) angesicht der menschlichen Grausamkeit, der auch ihr Bruder zum Opfer gefallen ist, “… würde [ich] mein eigenes Leben hinwerfen, um sie zu retten. Weil sie, die nicht mehr makellos sind, es nicht können. Wie sehr würde ich weinen, wenn ich die Menschen betrachtete, jeden einzelnen, verloren, schindend und geschunden.”

Der Debütroman der in deutscher Sprache schreibenden Finnin Beile Ratut ist inhaltlich schwere Kost. Aber er ist fesselnd geschrieben; ich konnte ihn buchstäblich nicht aus der Hand legen. Das schwarze Buch der Gier spielt in einer Liga mit Marlen Haushofers Die Wand – und gewinnt.

Beile Ratut (Bild: Ruhland Verlag)

Beile Ratut (Bild: Ruhland Verlag)

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Ein Kommentar zu “Warum Gott weint”

  1. Claudia Sperlicham 16. Mai 2015 um 20:22

    Mit dem letzten Satz hast Du mich geradezu verpflichtet, das Buch zu kaufen. “Die Wand” lese ich nämlich gerade – nicht zum ersten Mal.

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