Zukunft, ich will Dich!

Caroline Stollmeier am 4. Dezember 2014

Liebe Zukunft,

ich hätte Dir schon längst mal schreiben sollen… Weißt Du noch, als ich in der Schule gefragt wurde, wie ich mir Dich vorstelle? Oder wie ich erfahren habe, dass man bei jedem Vorstellungsgespräch souverän erklären soll, in welcher Position man sich selber in zehn Jahren sieht? Jetzt mal im Ernst, das ist doch eine der schwierigsten Fragen, die einem gestellt werden können! Man hat keine Ahnung, wie der nächste Tag, die nächste Woche aussehen wird, wie man sie überleben soll (jetzt mal rein bildlich gesprochen) und dann fragt Dich jemand: wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?

Die Frage an sich ist ja vielleicht noch gerechtfertigt. Klar sollte man mal darüber nachdenken, wie man sich Dich vorstellt, was man sich wünscht, welche Hoffnungen man hat. Klare Ziele helfen einem ja oft, das Richtige zu tun. Aber es war ja nie nur diese Frage. Es schwang immer auch noch ein bedrohlicher Unterton mit. So nach dem Motto: Hab’ heute bloß keinen Spaß, sonst bereust Du es morgen! Oder ein ganz praktisches Beispiel: da verdient man sein erstes eigenes Geld und schon kommt einem jeder mit der Altersvorsorge an. In solchen Momenten hast Du mich ganz schön genervt, das kann ich Dir sagen!

Genau so planlos wie ich in langen Phasen meines Lebens war, waren auch viele Leute um mich herum. Sie haben es nur besser versteckt. „Kinder? Ja, sicher. Aber erst in fünf oder zehn Jahren.“ Und fragst Du fünf Jahre später, kriegst Du die gleiche Antwort auf diese Frage. Und selbst wer dachte, er weiß wie Du aussiehst, musste einsehen, dass alles anders kommt, als man das vielleicht geplant hat. Ausbildung, Studium und dann mit Anfang 30 doch noch mal etwas ganz Neues? Das ist doch keine Seltenheit mehr! Was sagst Du eigentlich dazu?

Inzwischen bin ich ein paar Jahre weiter. Ich habe jetzt drei Kinder. Und inzwischen geht es für mich noch weniger um meine eigene Zukunft. Wenn ich jetzt über Dich nachdenke, dann geht es eigentlich immer nur darum, was Du für meine Kinder bereit hältst. Und das ist eine ständige Gratwanderung. Natürlich will ich nicht leichtsinnig und verantwortungslos sein. Aber da ich doch sowieso nicht wissen kann, welche konkreten Probleme auf meine Familie zukommen werden, versuche ich, mich nicht zu sehr verrückt zu machen. Das heißt erstens: Ich vertraue mir selbst und meinen Kindern und versuche ihnen nicht zu sehr aufs Auge zu drücken, was ich selber am besten finde. Und zweitens löse ich die Probleme dann, wenn sie auftreten. Oft habe ich dabei schon erlebt, dass Probleme gar nicht auftauchen, die Andere haben.

Kinder und Du, das ist ja sowieso ein Thema für sich. „Kinder sind Zukunft“ wird doch so oft gesagt. Aber natürlich haben auch Menschen ohne Kinder eine Zukunft. Und meine Beobachtung ist, dass diese Menschen nicht weniger über Dich nachdenken. Sie tun es nur unter anderen Voraussetzungen. Wo ich fast immer ein „Wir“ denke, denken sie ein „Ich“. Und das ist manchmal sehr bedrückend. Sie kennen Dich nämlich auch nicht besser als ich. Aber sie müssen alleine mit Dir fertig werden. Das ist nicht leichter.

Hey, Zukunft, ich glaube, Du bist das Schreckgespenst unserer Zeit. Weil so viele Horrormärchen über Dich erzählt werden. Ist Dir das eigentlich klar? Jeder wünscht sich und jedem anderen eine gute Zukunft. Aber was wir bei jedem Blick in die Zeitung, das Internet oder vor die Haustür sehen, sind Ungewissheit, Bedrohungen, Rückschläge und Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte.

Uns wird von Anfang an gesagt, dass wir selber für Dich verantwortlich sind. Aber allzu oft stoßen wir an die Grenzen dessen, was wir beeinflussen können. Wir sind ja alle nicht blöd. Deshalb erkennen wir diese Zwickmühle: wir können Dir nicht sagen, was Du tun sollst und selber bestimmen können wir auch nicht alles. Und da helfen uns auch keine Ratschläge der älteren Generation, deren Lebensweg quasi von Anfang an vorgegeben war, die weniger Freiheit kannte, aber eben auch weniger Unsicherheit. Ich muss regelmäßig aufpassen, keine für mich untypische sprachliche Entgleisung zuzulassen, wenn ich so etwas höre wie „wer arbeiten will, der findet auch Arbeit“ oder „wer entlassen wird, der muss doch etwas ausgefressen haben“. So ist unsere Zeit einfach nicht (mehr)!

Aber andererseits: Wer sagt eigentlich, dass immer die schlechteste aller Möglichkeiten eintreten wird? Klar, wenn ich daran glaube, dann kommt es oft so. Und ich kann hinterher sagen: das habe ich doch gleich gewusst! Das ist gar kein Problem. Aber soll ich Dir mal etwas verraten, Zukunft? Das funktioniert auch anders herum! Wenn ich davon ausgehe, dass etwas klappen wird, dass ich etwas hinkriegen werde oder dass ich bei etwas erfolgreich bin, dann tritt das ganz oft auch ein. Ja, ich kann Vieles nicht selber steuern, aber mit etwas Übung doch etwas sehr Wesentliches, nämlich mein Herz und meine Gedanken. Und damit habe ich großen Einfluss darauf, ob Du mir schön oder häßlich erscheinst.

Ich persönlich habe ein ganz großes Problem mit diesem pauschalen „Du bist selbst verantwortlich für Deine Zukunft“. Heißt das dann umgekehrt, dass man niemandem helfen muss, wenn er in Not gerät (auch wenn er sich vielleicht anfangs selbst in den Schlamassel reinmanövriert hat)? Oder heißt das, dass ich für immer verloren habe, wenn mal so richtig etwas schief gelaufen ist? Das kann doch wohl nicht sein! Das ist nicht die Gesellschaft, in der ich leben möchte. Das ist nicht die Welt, in der ich leben möchte. Und zum Glück ist es ja auch nicht so. Die Gesellschaft besteht aus ganz vielen „Ichs“, und wenn ich anfange Dich im Rahmen meine Möglichkeiten zu gestalten, dann wird schon nichts Häßliches dabei raus kommen. In diesem Sinne sage ich: Zukunft, ich will Dich! Wir sehen uns!

Deine Caroline

P.S. Dies ist mein Beitrag zur Adveniat Blogparade #ichwillzukunft Und natürlich wünsche ich mir den Weltfrieden…

Ich will Zukunft!

(Bild: Adveniat)

Abgelegt unter Allgemein | Ein Kommentar

Ein Kommentar zu “Zukunft, ich will Dich!”

  1. Caroline Stollmeieram 16. Januar 2015 um 8:27

    Ich freue mich sehr, dass dieser Beitrag die Adveniat-Blogparade #ichwillzukunft gewonnen hat!!!

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