Ein großer Wurf für die Menschheit

Harald Stollmeier am 28. April 2011

Rezension: Peter Singer, Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt und warum wir es nicht tun, aus dem Amerikanischen von Olaf Kanter, Arche Literaturverlag, Zürich-Hamburg 2010.

9783716026298

Ein Kleinkind fällt in einen Teich. Sie können sein Leben retten. Ihre neuen Schuhe gehen dabei drauf. Zögern Sie?

Die meisten Menschen, sagt der Philosoph Peter Singer, würden keine Sekunde zögern, dieses Kleinkind um den Preis ihrer neuen Schuhe und einiger weiterer Unannehmlichkeiten zu retten. Die meisten Menschen in den reichsten Ländern der Welt, ergänzt Singer, nehmen aber den genauso leicht zu verhindernden Tod von Kleinkindern in den ärmsten Ländern der Welt ohne Gewissensbisse hin. Und das können wir ändern.

Mit harten Fakten belegt Singer, dass eine nachhaltige Bekämpfung der Armut, ja sogar ihre Abschaffung, in unserer Reichweite liegt, und das ohne schmerzlichen Verzicht. Er stellt dabei nicht nur ebenso nützliche wie erfolgreiche Projekte vor sondern auch wirksame Initiativen, die sich der Bewertung und Verbesserung der Qualität von Hilfs- und Entwicklungsprojekten verschrieben haben, vorrangig GiveWell, und deren Bewertungen zudem öffentlich zugänglich sind.

Entwicklungshilfe lohnt sich, sagt Singer, und widerlegt den Mythos vom Fass ohne Boden durch einen kritischen Blick in das Fass: Es ist wahr, dass der Westen in den vergangenen 50 Jahren 2,3 Billionen Dollar an Entwicklungshilfe geleistet hat. Aber erstens sind das trotzdem nur 0,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der Geberländer, und zweitens ist der größte Teil davon gar nicht an die ärmsten Länder der Welt gegangen sondern an Länder, in denen der Westen strategische Interessen verfolgte. Das ist nichts Unmoralisches. Aber Geld, das in den Irak oder nach Kolumbien fließt, kann nun einmal nicht die Armut in Malawi bekämpfen.

Es geht Singer nicht um Politik, es geht ihm um das, was jeder Einzelne tun kann. Und wenn man bedenkt, dass die Rettung eines Menschenlebens in Ländern wie Malawi bei kritischer Bewertung nur 200 bis 500 Dollar kostet, dann macht, was der Einzelne tun kann, einen wirklich großen Unterschied. Und wenn es 1 000 Dollar wären: Wie oft geben wir Geld in solchen Größenordnungen für Dinge aus, die weniger wert sind als ein Menschenleben?

Neu ist an Singers Argumentation nicht diese Gegenüberstellung. Neu ist ihre Anwendung auf Menschen in Afrika, die wir niemals kennenlernen werden, auf Menschen, deren Schicksal uns im Allgemeinen nicht persönlich berührt. Singer hat recht: Diese Menschen sind genau so viel wert wie wir selbst, und wenn es wahr ist, dass wir sie retten können, dann haben wir eine ethische Verpflichtung, das auch zu tun.

Mir persönlich plagt sich Singer zu lange mit der Frage, ob wir gegebenenfalls verpflichtet sind, unsere eigenen Kinder zu opfern, um fremde zu retten (Singer sagt: Ja), und zu kurz mit der Frage, ob nicht die Abschaffung von Handelsbarriereren und Subventionen den ärmsten Ländern der Welt am meisten helfen würden (Singer sagt: Ja, ist aber nicht durchsetzbar). Aber Singer beweist nicht nur, dass jeder einzelne seiner Leser mit erträglichen Belastungen spürbare Verbesserungen für die Ärmsten erreichen kann, er legt auch ein plausibles und gar nicht rigides Modell dafür vor, wie man die eigenen Spendenpflichten berechnen kann. Und er belegt: Helfen macht den Helfer glücklicher, oder wie er den inzwischen verstorbenen Tierrechtsaktivisten Henry Spira zitiert (S. 228): „Ich glaube, jeder möchte am Ende in der Lage sein zu sagen, dass sein Leben mehr war, als zu konsumieren und Müll zu produzieren. Und ich denke, jeder möchte im Rückblick auf sein Leben gerne das Fazit ziehen, dass er alles gegeben hat, um diese Welt für andere besser zu machen.“

Weitere Informationen auf der internationalen Website zum Buch.

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