Darf man Diktatoren töten?

Harald Stollmeier am 20. Juli 2010

Interview mit dem Moraltheologen Prof. Dr. Josef Spindelböck

Josef Spindelböck , geboren 1964, ist Priester und Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten sowie Gastprofessor für Moraltheologie und Ethik am Internationalen Theologischen Institut (ITI) Trumau. Er  studierte Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Stift Heiligenkreuz, promovierte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und habilitierte sich 2004 an der Katholischen Universität Lublin. Er ist Mitglied der Gemeinschaft vom heiligen Josef und Vorstandsmitglied der Johannes-Messner-Gesellschaft.

Moralblog: Herr Professor Spindelböck, ist Tyrannenmord ein Verbrechen oder eine Heldentat?

Josef Spindelböck: Ein Mord ist immer ein Verbrechen, egal gegen wen er sich richtet.
Worauf Ihre Frage jedoch abzielt, das ist die mögliche Erlaubtheit einer Tyrannentötung. Das muss tatsächlich diskutiert werden. Es handelt sich um ein Problem im Kontext des sowohl rechtlich als auch ethisch zu behandelnden Widerstandsrechts. Die Legitimität zum Widerstand gegenüber einem staatlichen Unrechtssystem wird von der christlichen Ethik grundsätzlich anerkannt.

Moralblog: Aber nur der gewaltlose Widerstand?

Josef Spindelböck: Primär geht es zuerst um Gehorsamsverweigerung gegenüber ungerechten Befehlen oder Gesetzen und in der Folge um einen organisierten gewaltlosen Widerstand, sofern ein solcher möglich und Erfolg versprechend ist. Dieser entspricht seiner Natur nach besser den Grundsätzen der christlichen Ethik und dem dahinter stehenden Menschenbild. In einem besonderen Fall und entsprechend bestimmten Kriterien ist jedoch auch ein aktiv-gewaltsamer Widerstand zulässig.

Moralblog: Was sind das für Kriterien?

Josef Spindelböck: Diese leiten sich ab sowohl aus dem natürlichen Sittengesetz als auch aus der sittlichen Weisung der Heiligen Schrift, wie sie von der kirchlichen Tradition und dem Lehramt der Kirche interpretiert wird. Primär geht es darum, dass dieser gewaltsame Widerstand ein Akt der gemeinsamen Notwehr sein muss. Es muss also wirklich ein schweres Unrecht vorliegen, das vonseiten der Träger der Staatsgewalt über eine längere Zeit hin ausgeübt wird und auf andere Weise nicht behebbar ist. Außerdem muss wirkliche Aussicht auf Erfolg bestehen, und die voraussichtlichen Schäden eines solchen gewaltsamen Widerstands dürfen nicht größer sein als das zu behebende Übel. All dies soll gemäß christlicher Vorgabe nicht in einem Geist des Hasses und der Rache geschehen, sondern motiviert vom „Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit“ und letztlich inspiriert von sozialer Liebe in echter Sorge und Verantwortung für das Gemeinwohl.

Moralblog: Hitler hätte man also töten dürfen?

Josef Spindelböck: Verantwortliche Personen haben dies, nach ausführlicher Analyse und kompetenter Beratung, so gesehen und darum das Attentat auf ihn durchgeführt (20. Juli 1944). Der Diktator wurde hier als Aggressor gegen das Gemeinwohl wahrgenommen, der schlimmstes Unheil über das deutsche Volk und die anderen Nationen brachte. Dem musste man gegensteuern. Da eine Ablöse auf demokratischem Weg nicht möglich war, schien es dieser Verschwörergruppe um Graf Stauffenberg als „ultima ratio“, also gleichsam als letzter Ausweg, gerechtfertigt, hier gewaltsam den Diktator auszuschalten, was dann leider misslungen ist. Aber im Prinzip war es – so scheint es auch mir – gerechtfertigt!
In einem demokratischen Staatswesen gibt es Gottseidank gegenüber Unrecht andere Wege, die zu beschreiten sind, um es zu beheben.

Moralblog: Indem man zum Beispiel demonstriert?

Josef Spindelböck: Das ist in einem freiheitlichen Rechtsstaat eine legitime Möglichkeit der Meinungsäußerung, die jedoch in Diktaturen und totalitären Systemen stark eingeschränkt oder ganz aufgehoben ist. Der reguläre Weg der Beeinflussung des politischen und sozialen Lebens ist die Wahrnehmung der politischen Verantwortung in Form der demokratischen Mitbestimmung und Mitarbeit, je nach den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten.

Moralblog: Wenn in einem demokratischen System gewaltfreie Aktionen des Protestes nichts nützen, darf man dann auch zur Waffe greifen?

Josef Spindelböck: Nein, keineswegs: Ein Rechtsstaat, wie es ja eine Demokratie sein sollte, ist grundlegend von einer Diktatur oder einem totalitären System zu unterscheiden. Eine gewaltsame Erhebung käme einem revolutionären Umsturz einer an sich gerechten Ordnung gleich. Und solange die Ordnung an sich gerecht ist, müssen auch konkret schwere Verletzungen der Gerechtigkeit ohne Gewalt und Umsturz behoben werden. Es gibt viele Wege, sich für das Gemeinwohl und die Verwirklichung des Guten einzusetzen. Manche Übel können wir jedoch nicht sofort beheben, so wünschenswert dies auch wäre.

Moralblog: Bleibt einem da nur zu beten?

Josef Spindelböck: Beten ist immer sinnvoll und wichtig. Die Alternative lautet aber nicht „Handeln“ oder „Beten“, sondern das Gebet soll stets unser Überlegen und Handeln begleiten, damit wir unsere politische und soziale Verantwortung besser wahrnehmen können.

Moralblog: Dürfen Nichtchristen schneller zur Waffe greifen?

Josef Spindelböck: Im Grunde nicht, sofern sie die Dinge richtig sehen. Das Prinzip der Gewaltlosigkeit hat auch unabhängig von der Kenntnis der göttlichen Offenbarung Vorrang, weil mit dem Einsatz von Gewalt zu viel auf dem Spiel steht und die Risiken – ausgenommen bei einer unmittelbar notwendigen Aktion der gewaltsamen Verteidigung – zu hoch sind, insbesondere für unschuldig Betroffene. Als inhaltlicher Orientierungsmaßstab hilft der Verweis auf das „Naturrecht“ als Inbegriff dessen, was dem Menschen sowohl als Bürger als auch als Gesetzgeber im Sinne eines ursprünglichen Gerechtigkeitsbezugs „vorgegeben“ ist.

Moralblog: Das Naturrecht steht aber in keinem Gesetzbuch. Manchmal scheinen geltendes Recht und Naturrecht sogar im Widerspruch miteinander zu stehen. Hat man die Wahl?

Josef Spindelböck: Nicht wenige Rechtsordnungen verstehen sich rechtspositivistisch. D.h. sie gehen von der unzutreffenden Annahme aus, der Mensch wäre letztlich nur sich selbst gegenüber verantwortlich und könne darum innerhalb eines konsistenten Systems das als Recht setzen, was ihm beliebe. Übersehen wird hier, dass es auch Unrecht gibt, das man auf diese Weise legitimieren könnte. Jede „positive“, d.h. menschlich gesatzte Rechtsordnung braucht einen Bezugspunkt in einer „überpositiven“ Ordnung der Gerechtigkeit, welche die Würde der menschlichen Person und das Gemeinwohl schützt. Ich möchte sogar noch etwas weitergehen: Ohne einen Gottesbezug, der nicht nur theoretisch bleiben darf, sondern auch praktisch im Sinne der Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun und Lassen einzulösen ist, wird es auch in der Gesetzgebung und in der Übernahme politischer Verantwortung nicht gehen.

Moralblog: Herr Professor Spindelböck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Buchtipp:
Aktives Widerstandsrecht. Die Problematik der sittlichen Legitimität von Gewalt in der Auseinandersetzung mit ungerechter staatlicher Macht. Eine problemgeschichtlich-prinzipielle Darstellung, EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien 1994

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Ein Kommentar zu “Darf man Diktatoren töten?”

  1. Dominikam 21. Juli 2010 um 14:40

    Starkes Interview!

    Vielen Dank,

    DL

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