Die Meinungsfreiheit und ihr Preis

Harald Stollmeier am 13. März 2016

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Der Preis, den wir für unsere eigene Meinungsfreiheit zahlen, besteht darin, dass wir die Meinungen der Anderen ertragen müssen – und die bisweilen heftigen Reaktionen auf unsere eigenen Aussagen: Anfeindungen, Shitstorms, Vertragsauflösungen. Normalerweise sind diese Reaktionen nämlich von den Rechten der handelnden Personen gedeckt, auch wenn sie in der Sache falsch oder zumindest unverhältnismäßig sind. Wer öffentlich Stellung nimmt, muss wissen, dass er Contra bekommen kann.

Ein Sonderfall sind Anfeindungen, die sich gar nicht auf die gemachten Aussagen selbst beziehen, sondern auf ihre Umgebung, auf den Anlass, den Ort oder das Medium, insbesondere dann, wenn Aussagen und Umgebung nicht inhaltlich deckungsgleich sind. Wie geht man damit um?

Ein Beispiel ist der katholischen Philosoph und Blogger Josef Bordat, der die Links zu seinen (durchweg grundgesetzkonformen) Blogbeiträgen unter anderem auch in dem umstrittenen Portal gloria tv publiziert. Schon seit Jahren weigert sich deshalb das seinerseits auch nicht unumstrittene Portal kath net, Beiträge von ihm zu veröffentlichen. Bordat, einer der meistgelesenen katholischen Blogger, sieht zudem schwere Defizite in der Debattenkultur von gloria tv. „Aber jedes Mal, wenn ich dort aussteigen will“, berichtet er, „schreibt mir irgendjemand und droht mir, mich umzubringen, wenn ich da nicht sofort aussteige. Und deshalb muss ich natürlich drin bleiben. Schon aus Prinzip.“ Darüber hinaus sieht er in der Publikation in „feindlichen“ Medien eine Missionsmöglichkeit und hält sich deshalb diese Option ausdrücklich offen.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume schreibt jahrelang in dem libertären Magazin eigentümlich frei. Er hält es lange aus, dass er damit einem gewissen Generalverdacht unterliegt; er weiß ja, dass er „unschuldig“ ist; Beschimpfungen zum Beispiel als „Muslimfreund“ und „von den USA bezahlt“ bestätigen ihm, dass er im Blatt nicht auf dem rechten Flügel steht. Aber im Dezember 2015 ist für ihn das Maß voll: Eskalierende Beschimpfungen der immerhin demokratisch gewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Berufung von Thilo Sarrazin zum Kolumnisten sind für ihn der Anlass, sich öffentlich von eigentümlich frei loszusagen. Für so etwas wolle er nicht werben.

Die finnische Schriftstellerin Beile Ratut (u. a. Das schwarze Buch der Gier) schreibt regelmäßig Essays für Die Tagespost. Im Sommer 2015 wirbt sie in einem zweiteiligen Interview mit dem Magazin Blaue Narzisse für die Ehe und ihre Unauflöslichkeit. Das Echo ist unerwartet. „Die Kritik war überraschend und auch schmerzlich, bis hin zum Abbruch von Kontakten“, sagt Beile Ratut, „aber dabei ging es nie um das, was ich geschrieben, sondern ausschließlich darum, dass ich in diesem Magazin publiziert hatte.“ Die Schriftstellerin hatte die Problematik des Publikationsortes völlig unterschätzt. „Was ich geschrieben habe, entsprach meiner Überzeugung. Ich hielt es nicht für nötig, zu prüfen, ob das auch für alles andere gilt, was in diesem Magazin steht. Es schien mir auch vielversprechend, meine Gedanken in einem Medium zu formulieren, dessen Publikum wahrscheinlich ganz andere Denkvoraussetzungen hat. Inzwischen kann ich reinen Gewissens sagen: Manchem stimme ich zu, vielem nicht, aber besonders die Art und Weise, wie in der Blauen Narzisse über Politik diskutiert wird, halte ich für schädlich. Ich trete für das Recht der Autoren ein, diese Dinge zu schreiben. Aber ich möchte nicht für einen Fan dieses Argumentationsstils gehalten werden. Dieses Missverständnis kann ich nur verhindern, indem ich dort nicht mehr publiziere.“

Wo stehe ich selbst? Wenn ich Menschen politisch einordne, konzentriere ich mich auf ihre eigenen Aussagen; eine Einordnung aufgrund des Umfeldes allein wäre  bestenfalls vorläufig. Und wenn ich eines Tages in Ungnade falle, dann soll es wegen meiner eigenen Überzeugungen sein. Ich schließe für mich nicht aus, in einem Magazin zu publizieren, dessen Linie der meinen zuwiderläuft, wenn ich, wie es Josef Bordat erhofft, dort für meine eigene Haltung werben kann. Trotzdem müssen mir zwei Gefahren bewusst sein. Die eine könnte Beile Ratuts Problem werden: beim Versuch, für die Ehe zu werben, wo es nur geht, von der Blattlinie „kontaminiert“ zu werden. Kann ich diese Skylla umrunden, droht mir die Charybdis, die Michael Blume vermied: zum Feigenblatt für ein Magazin zu werden, mit dem man in der Sache über Kreuz liegt.

Als Autor muss ich berücksichtigen, dass viele Leser „vorsortieren“ – ich will ja richtig verstanden werden; als Leser aber kann und will ich dieses Vorsortieren bewusst beschränken und grundsätzlich jeden Autoren als Individuum wahrnehmen und seine Argumente für sich zur Kenntnis nehmen und prüfen. Natürlich ist das Medium eine Orientierungshilfe und manchmal eine Warnung. Aber auch der „Feind“ kann einmal recht haben; auch vom „Feind“ kann ich einmal lernen.

 

 

 

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Einheit und Frieden. Oder?

Caroline Stollmeier am 23. Februar 2016

!Vorsicht Meinung!

 

Welche Rolle spielt der Geist Gottes in Eurem Leben? Welche Rolle spielt er in Deinem Leben?

Der Geist Gottes macht alle Christen zu Brüdern und Schwestern: „Alle, die sich vom Geist Gottes führen lassen, die sind Gottes Söhne und Töchter.“ (Röm 8,14) Und als solche, stehen wir nicht mehr unter dem Zwang, unserer selbstsüchtigen Natur zu folgen. (Röm 8,12)

Das ist eine große Chance. Wir stehen nicht mehr unter dem Zwang, unserer selbstsüchtigen Natur zu folgen. Das heißt, wir haben eine Wahl. Wir können alles laufen lassen, wie es ist – Geist hin oder her. Aber wir können ihn auch um seine Hilfe bitten, und dann kommt er.

Die Selbstsucht der Menschen hat tausend Gesichter. Sie zieht sich durch alle Bereiche das Lebens. Natürlich auch bei Christen. Ich denke an dieses spontane Gefühl, dass man doch eigentlich ein viel besserer Christ ist als der da drüben. Oder wenn man eifersüchtig wird, weil eine andere Gemeinde viel mehr Mitglieder gewinnen kann als die eigene…

Es heißt aber, dass jeder von uns so leben soll, dass die Gemeinschaft der Christen gefördert und Gemeinde aufgebaut wird. (Röm 15,2) DIE Gemeinschaft, DIE Gemeinde – insgesamt – nicht eine bestimmte! Und wir sollen nicht in Streit geraten über verschiedene Auffassungen und Rituale. (Röm 14,1) So weit es möglich ist, und da, wo es auf uns ankommt, sollen wir den Frieden untereinander bewahren. (Röm 12,18)

Wir wünschen uns doch alle, dass möglichst viele Menschen gerettet werden, oder? Jeder von uns kann für Andere eine Sprosse auf der langen Leiter in den Himmel sein. Lasst nicht zu, dass beobachtbar eifersüchtiges, selbstsüchtiges oder überhebliches Verhalten Andere davon abhält, auch nur die unterste Sprosse zu betreten oder auf halber Höhe wieder abzuspringen! Und schubst um Himmels willen nicht sogar jemanden hinunter!

„Hören wir also auf, uns gegenseitig zu verurteilen! Seid viel mehr kritisch gegen euch selbst, wenn ihr euch im Glauben stark fühlt, und vermeidet alles, was einem Bruder oder einer Schwester Anstoß bereiten oder sie zu Fall bringen kann.“ (Röm 14,13) Ich finde das ziemlich klar und eindeutig.

Am Ende wir sich jeder Einzelne von uns für sein Tun verantworten müssen. (Röm 14,12)

Wir alle sind Gottes Söhne und Töchter. Wir alle sind dadurch Brüder und Schwestern. Jeder Christ. Egal zu welcher Kirche oder Gemeinde er gehört. Wir dürfen uns nicht entzweien an Stilfragen oder Ritualen. Und schon gar nicht dürfen wir auf einander herabsehen.

Klar gibt es die, die „reifer“ im Glauben sind. Aber insbesondere die haben die Pflicht, andere Menschen mit einem schwacheren Glauben mitzutragen, anstatt selbstgefällig nur an sich zu denken. (Röm 15,1)

Welche Rolle spielt der Geist Gottes in Deinem Leben?

ALLE, die sich vom Geist Gottes führen lassen, sind Brüder und Schwestern. Wir stehen nicht mehr unter dem Zwang, unserer selbstsüchtigen Natur zu folgen. Und jeder für sich ist für sein eigenes Tun verantwortlich. Lasst uns einander also annehmen, so wie Christus jeden von uns angenommen hat. DAS dient zum Ruhm und zur Ehre Gottes! (Röm 15,7)

 

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Tiere: Vom Objekt zum Gegenüber

Harald Stollmeier am 19. Februar 2016

Buchbesprechung: Alexander Pschera, Das Internet der Tiere: Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur, Matthes & Seitz Berlin, 186 Seiten, 19,90 Euro

Der Naturschutz hat es geschafft, eine Landfläche von der Größe Südamerikas von menschlicher Nutzung und menschlichem Besuch abzuschirmen. Aber das Artensterben hält er nicht auf. Kein Wunder, sagt Alexander Pschera, Philosoph, Literaturwissenschaftler und Kommunikationsberater in München. In seinem Buch Das Internet der Tiere macht er plausibel, dass der Schutz der Natur vor dem Menschen die Natur für den Menschen irrelevant gemacht hat. Früher hatten die Menschen einen direkten Bezug zur Natur: Sie lebten in ihr, von ihr, mit ihr. Sie lebten mit Tieren zusammen, sie liebten, nutzten und töteten Tiere. Dann kamen Industrialisierung und Naturschutz, und wenn heute ein Kind Schmetterlinge fängt oder Käfer sammelt, ist es schon fast mit einem Bein im Gefängnis.

Aber das ist nicht das letzte Wort. Die informationstechnische Revolution, in der wir leben, hat nach den Menschen (Facebook etc.!) und den Dingen (intelligenter Kühlschrank!) inzwischen auch die Tiere erfasst. Immer mehr Tiere werden mit Sendern versehen, vom Weißhai bis zum Schmetterling, und hinterlassen digitale Spuren im Internet, denen immer mehr Menschen folgen. Die Umwälzung, die sich daraus ergibt, ist dramatisch. Denn solche besenderten Tiere bekommen eine unverwechselbare Individualität, ja eine Biographie. Sie sind nicht mehr Vertreter einer Art, sie sind Individuen, so wie der Waldrapp Shorty, mit dem Alexander Pschera selbst auf Facebook verbunden ist.

Wenn man sich vorrangig für die Vorteile dieser Entwicklung interessiert, und die sind unbestreitbar, dann kann man es sich auch leisten, den Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjektiven Biographie zu übergehen. Dieser Unterschied ist aber ethisch relevant, weil es für die Nutzung von Tieren, die ihre Tötung einschließen kann, durchaus von Bedeutung ist, ob sie subjektiv eine Biographie (ein Bewusstsein) haben. Und diese Art von Biographie kann auch das Internet nicht herstellen.

Pscheras Kernaussage aber ist überzeugend: Das Internet der Tiere schlägt milliardenfach Brücken über den Abgrund, den industrielle Revolution und Naturschutz aufgerissen haben, und stellt eine neue Beziehung zwischen Mensch und Natur her, eine Beziehung, auf deren Grundlage die Natur doch noch gerettet werden kann. Natürlich ist das in Wirklichkeit eine Veränderung allein im Bewusstsein der Menschen, von der die Tiere wenig spüren – aber den Nutzen haben auch sie, weil ihr Lebensraum von Menschen, die sie plötzlich schätzen und verstehen, wesentlich besser geschützt wird als von Menschen, für die sie nur tabu sind.

Pschera

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Und alles nur, weil ich dich liebe…

Caroline Stollmeier am 16. Februar 2016

„Caroline, dann musst du mich ja wirklich hassen“, sagte eine Freundin zu mir, als ich ihr in einem eigentlich ganz alltäglichen Gespräch sagte, dass ich Abtreibung nie für die beste Lösung halte. „Ich habe nämlich auch schon mal abgetrieben“, erklärte sie.

Ich war geschockt!

Nicht wegen der Abtreibung! Sie berichtete mir von den damaligen Umständen: der Freund hatte sie unter Druck gesetzt, der Chef mit Kündigung gedroht und ihre Eltern waren keine Hilfe. Ein ganz „normaler“ Konflikt eben, wenn man das überhaupt so sagen kann…

Geschockt war ich davon, dass meine Freundin überhaupt auf die Idee gekommen ist, ich könnte sie „hassen“!

Ich wollte rufen, schreien, brüllen: „NEIN! Ich hasse dich doch nicht!“ (Da wir im Auto saßen, wäre das aber vielleicht nicht so gut angekommen.) Nein, ich hasse meine Freundin nicht – und auch keine andere Frau in ähnlichen Umständen.

Ich liebe sie.

Mein Herz brennt für jede Frau, die ungeplant schwanger ist und nun nicht weiß, was sie tun soll. Deshalb engagiere ich mich seit Jahren für den Verein Pro Femina (das bedeutet: für die Frau!), der es durch einzigartige Beratung schafft, Frauen eine freie Entscheidung zu ermöglichen. Eine Entscheidung, die nicht unter Druck, Zwang oder Ohnmacht getroffen werden muss.

Eine Frau, die abgetrieben hat, ist doch nicht deshalb ein schlechter Mensch. Wer so etwas behauptet, der hat kein Herz und richtet, wo einem Richten nicht zusteht!

Meine Freundin hat inzwischen einen Ehemann und weitere Kinder, wofür sie sehr dankbar ist. Aber natürlich hat sie ihr erstes Kind nicht vergessen, von dem sie damals fast niemandem erzählen konnte. Sie tut mir unendlich leid, weil sie damals keinen anderen Ausweg gesehen hat.

Ich wünsche mir, dass Frauen, die heute in einer ähnlichen Situation sind, alle Liebe, Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie so dringend benötigen. Und deshalb wünsche ich mir, dass noch mehr Frauen diese Telefonnummer anrufen: 0 8000 60 67 67*.

Wir tun das alles, weil wir Euch lieben!

 

 

* Das ist die aus Deutschland kostenlos erreichbare Beratungshotline von Pro Femina e.V.; weitere Kontaktmöglichkeiten sind hier zu finden.

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Die Flucht nach Ägypten

Harald Stollmeier am 20. Dezember 2015

Lebendige Krippe Neumühl 2015

Jacqueline Priester und Ogie Godfrey als Maria und Josef an der Lebendigen Krippe in Duisburg-Neumühl 2015

Moralblog-Autor Harald Stollmeier schreibt im Blog „Starke Meinungen“ über die Flüchtlingskrise, den Asylbewerber Ogie Godfrey und den Duisburger Pater Tobias Breer.

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Nationales an der Krippe

Harald Stollmeier am 19. Dezember 2015

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Klassische Krippendarstellung mit eindeutig afrikanischem Weisen.

 

Im November und Dezember 2015 machte ein Plakat mit Argumenten gegen Fremdenfeindlichkeit die Runde. Es verwies unter anderem auf die Verehrung eines römischen Soldaten, eines türkischen Bischofs und eines aramäischen Wanderpredigers. An dieser Botschaft ist etwas richtig, etwas falsch und etwas ungesagt.

Richtig ist, dass unsere Kultur („Abendland“) ohne ihre morgenländischen und sonstwie exotischen Bestandteile schal und langweilig wäre. Das gilt nicht nur für den Adventskalender sondern auch für die Schokolade darin.

Falsch ist in mehreren Fällen die Zuordnung der Nationalität. Das stört am meisten beim aramäischen Wanderprediger, dessen jüdische Identität man nicht übersehen kann, ohne Bildungsmängel zu offenbaren (wenn es unbeabsichtigt geschieht). Es ist aber auch beim türkischen Bischof bedeutsam. Denn Nikolaus von Myra war ganz ohne Zweifel Grieche. Heute ist dort, wo er lebte, die Türkei – weil das Land seither von Türken erobert wurde. So etwas kommt vor, und es hatte in diesem Fall kulturelle, sprachliche und religiöse Folgen; unter anderem hält sich die Verehrung des heiligen Nikolaus an seiner historischen Wirkungsstätte in Grenzen.

Ungesagt ist das Wichtigste. Denn während zwar jeder von uns eine Herkunft hat (und man darf, ja soll sie pflegen), ist eine Kernbotschaft des Christentums, dass diese Herkunft unsere Zukunft nicht definiert. Sie definiert, wenn wir uns darauf einlassen, nicht einmal unsere Gegenwart. „Da ist nicht mehr Grieche, Jude, Beschnittener, Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Knecht, Freier, sondern alles und in allen Christus“, heißt es im Kolosserbrief (Kol 3,11). Und unter anderem bedeutet es ganz sicher, dass wir zwar sowohl deutsche als auch türkische Heilige verehren. Aber nicht weil sie Deutsche oder Türken, sondern weil sie Heilige sind.

Ich wünsche allen Mitmenschen, egal welcher Herkunft, zum Geburtstag des jüdischen Wanderpredigers Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, gesegnete Weihnachten!

 

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Liebe oder Spiegelung?

Harald Stollmeier am 15. Dezember 2015

Palmer

Buchbesprechung: Gesine Palmer, Der Tausch. Eine Elegie in Prosa, epubli, 256 Seiten, Eur 24,99

Wie sind Männer wirklich? Wie sind Frauen wirklich? Wenn Liebe zwischen ihnen so oft scheitert, ist sie dann überhaupt möglich? Gesine Palmer, die Ingeborg Bachmann und Paul Celan liebt, und Kafka mehr als alle anderen, lässt ihre Berliner Ich-Erzählerin an den Geliebten zurückdenken, der sie betrogen und verraten hat. Was in Wirklichkeit geschehen ist, erfährt der Leser nicht. Aber er versteht, was eigentlich geschehen ist.

Wer liebt, ist verwundbar. Wer lieben können will, muss sich erst verwundbar machen. Der Andere ist nur dann mehr als ein Spiegel, in dem wir uns selbst erblicken, wenn wir zulassen, dass er uns das Herz bricht.  Und wenn wir uns auf den Anderen einlassen, so dass unser Herz zerbrechlich wird, dann gibt es keine Garantie, dass der Andere das ebenfalls tut.

Aber wenn er es versucht und dann, plötzlich, Angst vor der eigenen Courage bekommt – und Angst vor uns, weil wir ja sein Herz brechen könnten, dann kann es passieren, dass er aus Angst Böses tut, Böseres als er ohne den Versuch getan hätte, sich zu entspiegeln und sein wahres Ich preiszugeben.

Gesinde Palmers „Der Tausch“ ist ein Intellektuellenroman, ein Künstlerroman. In der Welt ihrer Heldin ist das Plagiat das ultimative Verbrechen, in Verbindung mit Rufmord natürlich. Und wer jemals geistiges Eigentum geschaffen hat, der weiß, wie wahr das ist.

Ich persönlich habe Freude an Gesine Palmers Sprache, ihrem Sinn für Bilder (Spatz in der Hand contra Spatz auf dem Dach) und der Doppelbödigkeit, mit der sie Männer zu verstehen versucht, aber zugleich Frauen verstehbar macht.

 

 

 

 

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Little Drummer Boy

Caroline Stollmeier am 10. Dezember 2015

„Komm‘ mit und schau‘ dir den neugeborenen König an! Und vergiss nicht ein schönes Geschenk mitzubringen, das eines Königs würdig ist!“ – Das haben sie mir gesagt. Aber, kleines Baby, ich bin selber nur ein armer Junge. Ich habe nichts, was ich dir schenken könnte. Soll ich Dir stattdessen vielleicht einfach auf meiner Trommel etwas vorspielen? Deine Mutter hat nichts dagegen. Also spiele ich für dich. Ich spiele so gut ich kann. Und was tust du? Du lächelst mich an, mich und meine Trommel.

Ich finde, dieser kleine Trommler in einem meiner Lieblingsweihnachtslieder* macht es genau richtig! Er lässt sich nicht einschüchtern von Menschen, die ihm sagen wollen, welche Opfer man Gott bringen soll, was man leisten muss, um Gott zu gefallen und was einen nach ihrer Ansicht würdig macht vor Gott zu stehen. Er überlegt einen Moment und besinnt sich dann auf ein Talent, das ihm gegeben ist, nämlich das Trommelspielen. Ein Lied ist kein handfestes Geschenk wie Weihrauch, Myrrhe und Gold, aber es ist doch nicht weniger kostbar. Und schüchtern zwar, aber doch voller Vertrauen geht er hin zum König und bringt seine Gabe dar. Er spielt sein Lied, und strengt sich dabei richtig an. Belohnt wird er dafür mit einem zufriedenen Lächeln von Gott selbst.

Wer will uns sagen, was des Königs würdig ist – außer dem König selbst? Gott kennt uns durch und durch. Er weiß um unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Na, und?! Er weiß, was wir haben und was wir nicht haben. Wer reich ist, kann mit seinem Geld Gutes tun. Und wer keins hat, ist deshalb noch lange nicht zur Tatenlosigkeit verdammt! Alles, was Gott von uns verlangt, ist, dass wir unsere Talente in Seinem Sinne gewinnbringend einsetzen und sie nicht verkommen lassen. Unser Bemühen in Seinem Namen ist gesegnet.

 

* „Little Drummer Boy“ von Katherine K. Davis, Henry Onorati und Harry Simeone, 1958.

Wer eine schöne Version davon hören möchte, findet sie hier.

 

(C) Caroline Stollmeier

 

 

(Freie Übersetzung und Foto: Caroline Stollmeier)

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Das Gute im Feind

Harald Stollmeier am 29. November 2015

Feindschaft ist etwas aus der Mode gekommen. Wir reden nicht mehr gern darüber, vermeiden den Begriff, beinahe verschämt, sprechen, wenn nötig, von Gegnern, Kontrahenten, Partnern gar. Ob wir unsere Gegner besser behandeln als früher unsere Feinde, das ist eine andere Frage; vielleicht sogar schlechter, weil ihnen ja keine Feindesliebe mehr zusteht.

Feindesliebe: Gibt es ein missverstandeneres Konzept? Je romantischer, je gefühlsbetonter unser Liebesbegriff wurde, desto schwieriger war eine Liebe zu fassen, die unseren Gefühlen entgegen handelt.

Lassen Sie uns für ein paar Minuten annehmen, unsere Gegner wären Feinde, und wir wären richtig sauer auf sie. Vielleicht haben sie uns Unrecht getan, ja, ganz sicher haben sie das. Sie haben uns öffentlich bloßgestellt, offene Worte, die wir im kleinen Kreise sprachen, in die Zeitung gebracht, unsere Motive falsch dargestellt. Manche haben uns öffentlich den rechten Glauben oder die demokratische Gesinnung abgesprochen, andere haben uns beim Arbeitgeber angeschwärzt. Sie haben einiges auf dem Kerbholz, unsere Feinde.

Wenn wir sie nun im Fadenkreuz haben, metaphorisch natürlich, dann können wir zeigen, was wirklich in uns steckt. Schießen wir mit Vollmantelgeschossen, Teilmantelgeschossen oder gar Giftpfeilen? Wollen wir sie besiegen, oder kann uns am Ende nur ihre Vernichtung, ja die völlige Auslöschung auch der geringsten Erinnerung an sie, wahren Frieden verschaffen?

Nehmen wir einmal an, so ein Feind täte ausnahmsweise einmal etwas, das wir grundsätzlich lobenswert finden, die Bundeskanzlerin gegen Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik verteidigen zum Beispiel, oder den russischen Präsidenten kritisieren, im Dissens mit vielen seiner Freunde. Oder öffentlich scharfe Kritik an einem Theaterstück üben, in dem wir als Zombies dargestellt werden, die man ins Gesicht schießen muss. Oder, wie ein Feind, der schon lange tot ist, Edgar Jung, nach schweren Irrtümern und Mitschuld an der Machtergreifung öffentlich gegen Hitler auftreten und dafür mit dem Leben bezahlen.

Dann können wir natürlich sagen: „Der tut nur so. Das zählt doch nicht.“ Wir könnten aber auch sagen: „Donnerwetter! Ganz so schlimm, wie ich dachte, ist er wohl doch nicht. Ob er doch noch zu retten ist?“

Gar nicht genug warnen kann man vor einer dritten Reaktion: Enttäuschung, dass der Feind nicht gar so verdorben ist, wie wir geglaubt hatten. Eine solche Enttäuschung ist schon schlimm genug, wenn sie rein diesseitig begründet ist, in dem Wunsch, gegen einen böseren Feind auch gründlicher, vernichtender vorgehen zu können. Denn selbst im günstigsten Fall wird ein solches Vorgehen Opfer kosten, unschuldige vor allem. Gilt unsere Enttäuschung aber der Hoffung, der Feind möge dereinst in der tiefsten Hölle schmoren, dann ist zumindest eines garantiert: Der Feind wird dort Gesellschaft haben.

Zurück ins Diesseits: Auch wer weder an Gott noch an ein Jenseits glaubt, sollte die Idee der Feindesliebe ernst nehmen. Und sei es nur um seiner Freunde willen. Denn was wir sogar für unsere Feinde tun, das wird den Freunden dann im Überfluss zuteil; wir haben es ja geübt.

Der Feind ist ein richtig übler Typ. Er tut Böses, und er hegt böse Gedanken. Wir haben das Recht, ihm Böses mit Bösem zu vergelten. Wenn wir das einmal nicht tun, wenn wir ihm stattdessen aufrichtig Gutes wünschen, dann durchbrechen wir die Logik des Bösen. Wir bringen das in die Welt, was eine gewöhnliche Geschichte in eine ungewöhnliche verwandelt: das Unerwartete.

Osterkerze

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Was man für ein gutes Sterben tun kann

Harald Stollmeier am 27. November 2015

In der „guten alten Zeit“ gehörte der Tod selbstverständlich zum Leben, hauptsächlich wegen der hohen Kindersterblichkeit. Es ist an sich gut, dass wir diese Selbstverständlichkeit verloren haben. Nicht so gut ist, dass sie durch Unsicherheit ersetzt wurde.

Viele Menschen sind gehemmt, wenn sie Sterbenden begegnen. Manche können es nicht über sich bringen, einen todkranken Nachbarn oder Freund zu besuchen – und haben dann für den Rest ihres Lebens ein schlechtes Gewissen. Sehr viele aber stehen unheilbar kranken Angehörigen oft über sehr lange Zeit bei. Und die meisten von uns tun, was sie können, auch wenn das „nie genug“ ist.

Sterben hat eine körperliche und eine seelische Seite. Auf der körperlichen Seite sind Schmerzen, Atemnot, Durst und Angst die Hauptprobleme. Gian Domenico Borasio, einer der Pioniere der Palliativmedizin in Deutschland, fordert unter anderem eine bessere Schmerztherapie für Todkranke, insbesondere mit Morphinen anstelle von Opiaten, um neben den Schmerzen selbst auch Angst und Atemnot zu bekämpfen.

Auf der seelischen Seite quälen sich Sterbende oft mit unbewältigten Handlungen, mit Versäumnissen und mit Zerwürfnissen, die sie bereuen; auch wer nicht an einen Gott glaubt, kann von Schuld erdrückt werden. Sterbebegleiter berichten immer wieder davon, wie Patienten erst sterben konnten, nachdem sie zum Beispiel über schreckliche Kriegserlebnisse gesprochen hatten, von denen ihre Familie nicht das Geringste wusste.

Angehörige und Freunde von Sterbenden können helfen, indem sie eigene Konflikte ansprechen, behutsam natürlich, und womöglich anbieten, Kontakt zu einem Menschen aufzunehmen, mit dem der Sterbende noch einmal sprechen möchte.

Irgendwann ist der Sterbende tot. Aber für die Angehörigen ist sein Sterben noch nicht zu Ende. Erstens gilt es nun, den Abschied zu organisieren, die Beerdigung vor allem, aber vieles mehr von der Abmeldung bei Versicherungen bis zur Wohnungsauflösung. Und zweitens geht so ein Sterbeprozess an den mittelbar Betroffenen nicht spurlos vorüber; pflegende Angehörige brechen nicht selten ihrerseits gesundheitlich zusammen, wenn ihre Aufgabe beendet ist. Sie sind die „Schattenkinder“ des Sterbens und man kann nicht früh genug auf sie aufpassen.

Ein Wort noch zum Abschied selbst: Als ich vor 15 Jahren, es war im November, hinter dem Sarg meines Vaters herging, da gab es einen einzigen Moment, in dem es mir gut ging. Das war, als ich mich umdrehte und sah, wie viele Menschen mit meinen Brüdern und mir gemeinsam Abschied nahmen. Also: Wenn ein Mensch gestorben ist, den Sie kannten – gehen Sie zur Beerdigung. Und wenn Sie können, sagen Sie den Hinterbliebenen etwas Gutes über den Menschen im Grab. Sie pflanzen damit einen Baum, der jahrzehntelang Früchte trägt.

Strauch

Bild: Agentur „Freunde von uns“

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