Angriff auf die Nächstenliebe

Fensterscheiben zerbrochen, Teppiche und Wände verschmiert, der Schaden fünfstellig: Die Berliner Beratungsstelle von Pro Femina wurde angegriffen. Der mehrfache Schriftzug „Pro Choice“ und das (natürlich) anonyme Bekennerschreiben auf dem linksextremen Portal indymedia deuten auf Täter aus dem Umfeld des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung hin. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass man die Täter fasst. Haben sie also gewonnen?

Nein: Gewalt ist genauso wenig ein Argument wie Hundekot im Briefkasten. Deshalb werden Angriffe wie dieser weder die Beraterinnen von Pro Femina noch ihre Unterstützer von der Überzeugung abbringen, dass sie das Richtige tun. Und auch Einschüchterung wird das Engagement von Pro Femina nicht stoppen. Denn die Triebfeder für das Engagement von Pro Femina ist die Nächstenliebe, die Liebe zu den Frauen in Not und zu ihren Kindern. Pro Femina wird weitermachen und erklärt auch wie.

Pro Femina berät Frauen im Schwangerschaftskonflikt, persönlich, telefonisch, online, über 10.000 im Jahr. Pro Femina versucht, den Frauen zu helfen, damit sie sich für ihr Baby entscheiden können. 70 Prozent der Beratenen tun das. Beratungsscheine, die einen straffreien Schwangerschaftsabbruch ermöglichen, stellt Pro Femina nicht aus. Der Verein ist nicht Teil des staatlichen Beratungssystems und finanziert seine Arbeit ausschließlich aus Spenden. Aus Ihrer auch? Mein Geld ist schon dort: https://www.1000plus.net/spenden.

 

Das Klima in der Krise

Das Klima hat sich verändert, und verantwortlich sind wir Menschen. In der Krise, ja in einem Teufelskreis befindet sich nämlich das Gesprächsklima. Während das Wetterklima offenbar immer heißer wird,  wird das Gesprächsklima sowohl grob als auch empfindlich.

Das Landgericht Berlin hat in diesen Tagen einen neuen Meinungsfreiheitsrekord aufgestellt durch die offizielle Erlaubis, eine ehemalige Bundesministerin öffentlich als „Drecksf…“ u.v.m. zu bezeichnen. Damit ist der bisherige Meinungsfreiheitsrekord „Kinderf…-Sekte“ auch insofern überboten, als jetzt eine konkrete Person das Ziel der Angriffe war. Vor vielen Jahren, als das Bundesverfassungsgericht Aufkleber mit der Aussage „Soldaten sind Mörder“ zuließ, da war es noch wesentlich, dass keine bestimmte Armee genannt wurde.

Beschimpfungen von Menschen werden also immer zulässiger. Gleichzeitig muss sich der kanadische Premierminister Trudeau öffentlich dafür entschuldigen, dass er vor zwanzig Jahren als Aladdin zu einem Kostümfest ging und dafür sein Gesicht nachdunkelte. Das war nämlich rassistisch, müssen Sie wissen. Solche Vorwürfe liegen im Trend, und bisweilen fühlen sie sich maßlos an. Nun ist es zwar beinahe amüsant, dass es mit Trudeau durchaus einen prominenten Vertreter des … Fortschritts erwischt hat. Zugleich ist es aber auch beunruhigend.

Denn es bedeutet, dass auch der Vollkommenste erstens jederzeit aus geringstem Anlass schwerster Gedankenverbrechen beschuldigt werden kann und zweitens jederzeit hinnehmen muss, wenn solche und andere Beschuldigungen auf dem niedrigsten vorstellbaren Niveau vorgetragen werden. Und wenn das schon dem Vollkommensten geschehen kann (Justin Trudeau, um Himmels Willen, der linksliberale Lieblings-Schwiegersohn schlechthin!), dann sind Sie und ich garantiert vollkommen schutzlos.

Was können wir tun? Wenn es nicht, vielleicht ähnlich wie beim Wetterklima, schon heute zu spät ist, dann müssen wir uns öfter auf die Zunge beißen. Wir müssen uns und andere fragen, ob das nicht auch netter geht, und wir müssen uns fragen, wir wir selbst reagieren würden auf das, was wir gerade sagen wollen. Vor allem müssen wir wieder lernen zu unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch tut, das kann große Scheiße sein, und dem, was ein Mensch ist: das, was ich selbst bin. Und deshalb darf ich seine Würde niemals mit Füßen treten. Auch nicht, wenn er unrecht hat.

Der liebe Gott und das Leid

Das wichtigste Argument gegen den Glauben an Gott ist das Leid. Wie kann ein guter und allmächtiger Gott so unfassbar viel Leid dulden? Es gibt nur drei Möglichkeiten: Er ist nicht gut oder nicht allmächtig oder nicht Gott.

Tatsächlich ist Gott keineswegs allmächtig. Er kann keinen Felsen schaffen, den er nicht heben könnte. Er konnte nicht von den Toten auferstehen, ohne vorher zu sterben. Und er kann uns nicht dazu zwingen, freiwillig seinen Willen zu tun. Wenn wir Gott im Glaubensbekenntnis allmächtig nennen, dann gilt das im Rahmen von Logik, Raum und Zeit.

In diesem Rahmen hat Leid immer eine von zwei Ursachen. Leid ist entweder die Folge menschlichen Handelns (Schuld), oder es kommt aus der Natur (Schicksal). Zuerst zur Schuld: Wir Menschen können Gut und Böse unterscheiden, haben die Freiheit, das Böse zu wählen und den Auftrag, uns für das Gute zu entscheiden. Wer das Gute wählt, so das Versprechen, kommt in den Himmel – und dort ist es mit dem Leid vorbei.

Im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ist es vollkommen einleuchtend, dass es die Freiheit zum Bösen geben muss, weil sonst keine Entscheidung für das Gute möglich wäre. Alles Leid, dass sich aus Entscheidungen für das Böse ergibt, ist eine Folge jener Freiheit. Gott hätte dieses Leid von vornherein ausschließen können, aber nachdem er die Freiheit eingeführt hat, kann er grundsätzlich nichts mehr tun. Im Einzelfall kann er natürlich einschreiten (Wunder), aber nicht ohne dabei die Freiheit der Beteiligten einzuschränken – man wird verlangen dürfen, dass er dafür jeweils gute Gründe hat.

Schicksal ist eine gänzlich andere Kategorie: Hungersnöte, Schlangenbisse, Seuchen und Erdbeben brauchen keine menschlichen Verursacher. Sie sind die Folge davon, wie unsere Welt im Innersten funktioniert. Auch der allmächtige Gott kann nämlich nichts daran ändern, dass Körper Raum einnehmen und zwei Körper folglich nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können. Bewegen sich zwei Körper auf denselben Ort zu, ist die Folge eine Kollision. In gleicher Weise gilt das für alles, was in der Natur geschieht, vor allem für Fressen und Gefressenwerden.

Grundsätzlich könnte Gott solche Kollisionen verhindern – indem er nämlich die Bewegungen der Körper im Voraus genau festlegt, also determiniert. Seit Werner Heisenbergs Unschärferelation (1927) wissen wir, dass Gott das nicht getan hat, zumindest nicht bei den Elementarteilchen. Und seit Ilya Prigogine (Nobelpreis für Chemie 1977) wissen wir, dass diese Freiheit der Elementarteilchen Folgen für unsere Alltagswelt hat: Der Determinismus ist widerlegt.

Ich finde die Vorstellung vollkomen logisch, dass eine Determination der Natur die menschliche Freiheit zur Wahl zwischen Gut und Böse ausschließen würde. Ich glaube deshalb nicht nur, dass die Freiheit der Natur und mit ihr Erdbeben, Hungersnöte und Seuchen eine genauso unabdingbare Konsequenz der menschlichen Freiheit sind wie Lügen, Sklaverei und Massenmord. Ich glaube auch, dass darin die einzige Rechtfertigung von Erdbeben, Hungersnöten und Seuchen besteht.

Leid ist also der Preis, den die Betroffenen für die Chance zahlen, in den Himmel zu kommen. Ist das OK? Irdisches Leid ist immer vorübergehend, und vorübergehendes Leid ist ein günstiger Preis für ewiges Glück. Per Saldo geht die Rechnung sicher auf. Auch für jeden Einzelnen?

Man kann nur warnen vor der Vorstellung, dass am Ende sowieso alle in den Himmel kämen. Dann wäre die Entscheidung für das Gute nämlich überflüssig und das ganze Leid ein Unrecht. Kommen dann wenigstens alle, die unschuldig gelitten haben, in den Himmel? Das ist möglich. Immerhin „hofft“ die katholische Kirche (KKK 1261), dass ungetauft gestorbene Kinder in den Himmel kommen, und das dürfte alle Opfer von Schwangerschaftsabbrüchen einschließen. Folglich wird man das auch für Menschen hoffen dürfen, die durch unschuldig erlittenes Leid ihren Glauben verloren haben, Missbrauchsopfer zum Beispiel. Wir müssen aber damit rechnen, dass es hier nicht nur um Gottes Gnade, gleichsam Gottes Willkür geht. Wenn Gott einfach alle reinlassen könnte, müsste er sich ja die Frage gefallen lassen, wieso er das nicht einfach tut.

Es muss notwendig sein, dass wir uns entscheiden. In irgendeiner Weise muss Gott für sein Ja zu uns angewiesen sein auf unser Ja zu ihm: „Klopfet an, und euch wird aufgetan.“

 

 

 

Mein ist die Rache – Religionen als Hemmnis für den Frieden

Religionen haben, machen wir uns nichts vor, eine fanatische Seite: Kreuzzüge, Ketzerverbrennungen, Judenpogrome und natürlich Terroristen, die unter Allahu-akbar-Rufen auf Wehrlose schießen, machen allgemein keine gute Werbung für den jeweils vertretenen Gott. Gläubige müssen sich Rechenschaft ablegen über diese Gefahr, besonders wenn sie im Widerspruch steht zu den Forderungen Gottes, was sich für das Christentum besonders leicht belegen lässt. Christen müssen mit Erschütterung vor der Bilanz der Grausamkeiten stehen, zu denen Christen sich bereitgefunden haben, oft genug ausdrücklich im Namen Christi.

Nichtgläubige haben es leichter: Kein Gott kann sie jemals zu Untaten zwingen – es gibt ihn ja gar nicht. Manche Nichtgläubige leiten daraus die Empfehlung ab, alle Menschen möchten ohne Gott auskommen, in Frieden leben und vor allem: andere in Frieden leben lassen – ohne Religion kein religiöser Fanatismus.

Wenn man etwas genauer hinsieht, wird man beobachten, dass im Laufe der Jahrhunderte nicht alle Grausamkeiten im Namen von Göttern begangen wurden. Nicht zuletzt im 20. Jahrhundert haben mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus zwei durchaus materialistische Weltanschauungen eine entsetzliche Blutspur hinterlassen, und die französischen Revolutionäre mit ihren Massenerschießungen, Massenersäufungen und Guillotinen verstanden sich durchaus nicht als religiös (im Gegensatz zu vielen ihrer Opfer).

Handelten diese nichtreligiösen Massenmörder womöglich in Notwehr? Mussten sie vielleicht erst einmal grausam aufräumen, um eine bessere, friedlichere Welt zu ermöglichen? Geglaubt haben das viele von ihnen, nicht nur Heinrich Himmler, der so stolz auf seine Männer war, weil sie bei der Verrichtung ihrer Massenmorde „anständig“ geblieben seien. Wer sich von allgemeinem Atheismus allgemeine Friedfertigkeit verspricht, der mag sich mit dieser Erklärung bescheiden.

Aber wer mehr will, als nur mit sich selbst zufrieden zu sein, der könnte darauf aufmerksam werden, dass Nationalsozialismus, Kommunismus und viele andere Weltanschauungen mit den Religionen eine wichtige Eigenschaft gemeinsam haben: den Anspruch nämlich, die Welt vollständig zu erklären („Alle Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“). Und eine Universaltheorie mit Wahrheitsanspruch kann nicht anders als mit allen anderen Universaltheorien mit Wahrheitsanspruch in Konflikt zu geraten, egal ob die Theorie ein Jenseits einschließt oder nicht.

Ob es an der menschlichen Natur liegt oder am universalen Anspruch – jedenfalls würde die Abschaffung der Religionen, falls sie möglich wäre, am Ende nur viele Varianten der Unduldsamkeit, nicht aber die Unduldsamkeit an sich abschaffen.

Besser wäre es wohl, wenn man sich darauf verständigen könnte, dass KEINE Weltanschauung Grund genug sein kann, das Recht zum Andersdenken zu beschränken. Und so sehr ich auch beispielsweise als katholischer Christ von der Richtigkeit meiner eigenen Weltanschauung überzeugt bin, muss ich doch einräumen, dass die Glaubensfreiheit meines Nächsten meiner Pflicht zum Glaubenszeugnis gleichrangig ist. Seine Freiheit zum Irrtum ist meine Freiheit zur Wahrheit. Und ich kann mit jedem Menschen in Frieden leben, der mir dasselbe zugesteht, mit oder ohne Jenseits, mit oder ohne Gott.

Vergeben ist nicht menschlich

Von den vielen Wunderheilungen Christi ist die wohl interessanteste die, bei der ein Gelähmter von seinen vier Freunden durch das abgedeckte Dach zu Christus hinabgelassen wird (Mk 2, 1-12). Jesus bemerkt den Gelähmten und sagt zu ihm: „Deine Sünden sind dir vergeben.“
Als die Umstehenden murren, fragt er sie, was wohl schwieriger sei: zu heilen oder die Sünden zu vergeben? Und zum Beweis, dass er die Vollmacht zur Sündenvergebung hat, heilt er anschließend auch noch die Lähmung.

Vergebung ist für Christus sehr wichtig: „Siebenmal siebzigmal“ sollen seine Jünger vergeben (Mt 18, 22), und in dem Gebet, das er sie und uns gelehrt hat, ist das Vergeben die EINZIGE Bedingung, die wir zu erfüllen haben.

Auch die Sache mit der Vollmacht ist wichtig. Vergeben können nur der Betroffene und der allmächtige Gott; denn keiner kann verschenken, was ihm nicht gehört. Es ist schön und gut, wenn ich Dschingis Khan vergebe. Es nützt ihm aber nichts, wenn er mir gar nichts getan hat. Und wenn die kirchlichen Vorgesetzten, wie es ein Münsteraner Pfarrer kürzlich vorschlug, den Geistlichen verziehen, die des Missbrauchs schuldig geworden sind, dann wäre diesen Geistlichen nur wenig geholfen, denn der Löwenanteil ihrer Schuld besteht gegenüber ihren Opfern.

Die meisten Christen sind sich einig, dass Vergebung nicht den Verzicht auf Selbstschutz bedeutet und Wiedergutmachung nicht ausschließt. Was Vergebung konkret bedeutet, darüber wird aber viel zu wenig gesprochen. Viele Deutungen sind außerdem allzu gefühlsorientiert – als würde Vergebung bedeuten, dass man Vergebung fühlt, dass man den Menschen, von denen man Unrecht erlitten hat, so wohlgesonnen ist, als wäre nichts geschehen. Man versuche einmal, solche Gefühle in sich zu erzeugen – man wird merken, dass es nicht gelingt. Vielleicht schafft man es noch, wenn der Schuldige Reue zeigt. Aber viele Schuldige tun das gerade nicht, und trotzdem soll man ihnen vergeben. Wie kann das gelingen?

Christus macht es vor, am grausigen Tiefpunkt seines Lebens, am Kreuz (Lk 23, 34): „Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Es fällt nicht sofort auf, aber es ist bedeutsam: Christus sagt nicht etwa „Vater, ich vergebe ihnen.“ Es ist möglich, dass seine menschliche Natur ihm das unmöglich macht. Aber es ist sicher, dass seine göttliche Natur eine zuverlässige Lösung findet. Vor allem, was uns Gläubige betrifft, eine zulässige Lösung: Auch wir können, wenn es uns nicht gelingt, Vergebung zu fühlen, die Aufgabe, die uns nicht erlassen wird, durch Übertragung an Gott erfüllen. Was für einen Menschen unmöglich ist, das ist möglich mit Gott.

Dabei hilft es, wenn wir Vergebung vorrangig als Rechtsakt begreifen, genaugenommen als einen in Ewigkeit unwiderruflichen Rechtsakt. Wenn wir einmal „Vergib ihnen!“ zum allmächtigen Gott gesagt haben, dann ist diese Schuld von ihrem Konto gestrichen, und wenn sie eines Tages trotzdem nicht in den Himmel kommen, dann wird es nicht an uns gescheitert sein. Tatsächlich werden wir, wenn wir diesen Rechtsakt vollzogen haben, immer wieder einmal Groll spüren. Aber wir werden uns jedesmal daran erinnern, dass die Sache vor Gott aus der Welt ist: In dem Punkt, auf den es am meisten ankommt, in der Frage des ewigen Lebens, ist sie ein für allemal erledigt.

Wir brauchen also keine Vergebungsgefühle zu haben, um wirksam vergeben zu können. Das ist eine gute Nachricht für „Schuldiger“ und Vergebungsberechtigte – die meisten von uns sind ja beides. Wir dürfen nur eines nicht vergessen: Während jeder, der einen Christen um Vergebung bittet, darauf hoffen darf, ist das gleichwohl kein Anspruch, den ein Täter dem Opfer gegenüber hätte. Auf menschliche Vergebung gibt es keine Garantie.

Auf göttliche schon: Wer Gott im Ernst um Vergebung bittet, der wird sie erlangen – siebenmal siebzigmal.

 

Pascals Wette, .44 Magnum

Man muss sich entscheiden, sagt der französische Philosoph Blaise Pascal: Glaubt man oder glaubt man nicht? Und er rechnet vor, dass man mit dem Glauben auf jeden Fall besser fahre. Denn wenn es keinen Gott gibt, ist der Gläubige in der Ewigkeit nicht schlechter dran als der Atheist. Existiert Gott aber, zieht der Atheist die Niete, und der Gläubige knackt den Jackpot. Ob das so funktioniert? Ob das so funktionieren sollte?

„Allein durch Glauben“ wird man ja sowieso nur gerettet, wenn Glaube mehr ist als der Kauf eines Lotterieloses. „Denn vor Gott sind nicht die, die das Gesetz hören, gerecht, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein.“ Sagt der Apostel Paulus (Römer 2, 13).

Ich persönlich glaube an den dreifaltigen Gott, vor allem an Christus und seine Auferstehung, nicht weil ich das für lukrativ halte, sondern weil es wahr ist. Und das denke ich wegen der zahlreichen Zeugen, die sich lieber haben totfoltern lassen als einzuräumen, dass Christus möglicherweise nur symbolisch auferstanden sei, ins Kerygma sozusagen. Pascals Wette hat sich für mich immer irgendwie korrupt angefühlt. Vor allem aber ist sie egoistisch, und darauf könnte Christus am Ende der Zeit eine überraschend unbefriedigende Antwort geben.

Trotzdem ist Pascals Wette eine gute Idee – wenn ich den Spieß umdrehe: Ist es denn für meine Mitmenschen besser, dass ich an den auferstandenen Christus glaube? So wie ich jetzt bin, habe ich durchaus meine Mängel. Aber im Großen und Ganzen bin ich ein zivilisierter Typ, der Gewalt manchmal für notwendig aber nie für ein Argument hält. Wäre ich das auch noch , wenn ich nicht mehr glaubte, dass am Ende der Zeit alles gut werden kann?

Gut und Böse könnte ich weiterhin unterscheiden, und ich würde das Gute wählen. Viele Agnostiker und Atheisten wählen das Gute, soweit ich weiß (und das finde ich bemerkenswert unkorrupt). Ich hätte aber größere Schwierigkeiten, Unrecht auszuhalten, vor allem Unrecht, das mir selbst oder den Menschen widerführe, die mir nahestehen. Und spätestens wenn der Rechtsstaat solches Unrecht nicht lindern könnte, würde ich mich berechtigt sehen, selber Hand anzulegen. Wir drei: Smith, Wesson und ich.  Ob das nachhaltig wäre, steht auf einem anderen Blatt.

Was sagt nun Pascal dazu?
1. Ich glaube, und ich habe Recht: Wer mich ärgert, trifft einen zivilisierten Typen. Zusätzlich kann er durch mein Beispiel zu Christus finden.
2. Ich glaube, und ich habe Unrecht: Wer mich ärgert, trifft einen zivilisierten Typen.
3. Ich glaube nicht, und ich habe Recht: Wer mich ärgert, trifft Charles Bronson.
4. Ich glaube nicht, und ich habe Unrecht: Wer mich ärgert, trifft Charles Bronson. Er hat allerdings die Chance, dass er aufersteht.

Wenn ich nichts übersehen habe, dann ist es unter sonst gleichen Bedingungen für meine Mitmenschen wahrscheinlich besser, dass ich an Christus glaube. Ich bleibe dabei. Versprochen! 😉

Gesegnete Pfingsten, liebe Mitmenschen!

Der Großimam, der Papst und die Wahrheit.

Der Papst und der al-azhar-Großimam haben vor wenigen Wochen gemeinsam erklärt: „Der Pluralismus und die Vielfalt der Religionen, Hautfarben, Geschlechter, Rassen und Sprachen sind von Gott in Seiner Weisheit gewollt.“ Das von beiden unterschriebene Dokument ist insgesamt ein großer Fortschritt, vor allem angesichts des Umstands, dass eine führende Autorität der islamischen Welt eine so eindeutige Distanzierung von Zwang und Gewalt unterschrieben hat. Gleichwohl ist die zitierte Aussage problematisch, auch wenn, wie der Papst gegenüber Bischof Athanasius Schneider erklärt haben soll, nur der „duldende Wille Gottes“ gemeint ist; aber hätte die Formulierung dann nicht gleich lauten können: „von Gott in Seiner Weisheit zugelassen“?
Der italienische Text lautet: “Il pluralismo e le diversità di religione, di colore, di sesso, di razza e di lingua sono una sapiente volontà divina, con la quale Dio ha creato gli esseri umani. Questa Sapienza divina è l’origine da cui deriva il diritto alla libertà di credo e alla libertà di essere diversi.”

Natürlich ist es kein Problem, die Vielfalt der Hautfarben, Geschlechter, Rassen und Sprachen für gottgewollt zu halten. Aber die Vielfalt der Religionen? Was auch immer Religionen sonst noch sein mögen, in ihrem Kern sind sie Aussagen über Gott (oder die Götter) mit dem Anspruch, wahr zu sein. Der Apostel Paulus erklärt im ersten Korintherbrief (1 Kor 15), dass der Tod und die Auferstehung Jesu entweder wahr oder unwahr sind, und dass der Glaube der Christen nur einen Sinn hat, wenn sie wahr sind. In diesem Punkt sind sich gläubige Christen sogar mit radikalen Atheisten einig und mit allen Muslimen erst recht; bei Relativisten ist das allerding nicht so sicher.
Es gibt Aussagen, die nicht wahr sind. Es gibt Aussagen über Gott, die nicht wahr sein können. Der Gott, der in den Zehn Geboten spricht, kann unmöglich wollen, dass Menschen Dinge über ihn glauben, die nicht wahr sind. Insbesondere kann er nicht wollen, dass Menschen die Auferstehung Jesu für unwahr halten, wenn sie wahr ist – und umgekehrt. Diese Unterscheidung markiert die Grenze zwischen Christentum und Islam; die Koranstelle zur Kreuzigung (Sure 4, 156-159) wird allgemein so verstanden, dass Jesus weder getötet worden noch auferstanden sei. Selbst so friedfertige Wissenschaftler wie der katholische Theologe Klaus von Stosch und der Islamwissenschaftler Mouhanad Korchide haben bisher keinen Weg gefunden, diese Grenze zu überwinden.
Sowohl für Christen als auch für Muslime (und das sind ja wohl die Hauptadressaten der gemeinsamen Erklärung) dürfte also offen zutage liegen, dass die jeweils andere Gruppe Dinge über Gott sagt, die nicht wahr sind, die jedenfalls nicht wahr sein können, wenn der jeweils eigene Glaube der Wahrheit entspricht. Und das soll Gottes Wille sein?
Die Erklärung des Großimams und des Papstes ist ein Dokument der Friedfertigkeit. Ist es da nicht kleinlich, an dieser einen Aussage Kritik zu üben? Es kommt darauf an. Denn sowohl in der deutschen als auch in der italienischen Fassung wird das Menschenrecht auf Glaubensfreiheit mit der göttlichen Billigung der Vielfalt begründet. Und wenn diese Billigung nicht sein kann, was bleibt dann von jenem Recht?
Ist es denn notwendig, die Glaubensfreiheit mit der göttlichen Billigung des Irrtums zu begründen? Wäre es nicht vollkommen ausreichend, sie mit der Erkenntnis zu begründen, dass die Suche nach der Wahrheit in der menschlichen Natur liegt (die ihrerseits wiederum göttlich gebilligt ist)? Heiliger Thomas von Aquin, bitte für uns.

Salz der Erde oder heiliger Rest?

Buchbesprechung: Rod Dreher, Die Benedikt Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft, aus dem Amerikanischen von Tobias Klein, fe-medienverlags-GmbH 2018

Machen wir uns nichts vor: Das Christentum hat seine Funktion als gesellschaftsprägende Kraft verloren. Liberalismus und Gender sind auf dem Vormarsch, und immer mehr Christen vertreten eine Light-Version des Glaubens, die Harmonie über Wahrheit stellt. Wir haben das Ende einer Entwicklung erreicht, die mit dem Nominalismus William von Ockhams begann. Vor Ockham hatte ein Gegenstand eine immanente Bedeutung. Nach Ockham hing die Bedeutung von der Zuschreibung Gottes ab. Heute, im Zeitalter von Gender, kann ein Mensch im Prinzip sogar jederzeit selbst entscheiden, welches Geschlecht er hat.
Für den amerikanischen Kolumnisten und Schriftsteller Rod Dreher stehen wir vor einer Zeitenwende wie beim Untergang des Römischen Reiches. Damals rettete der heilige Benedikt das Abendland. Heute, sagt Dreher, können wir das mit seiner Hilfe wieder tun – und mithilfe der Benediktsregel.
Der Schlüssel dazu ist die Bildung und Erhaltung christlicher Gemeinschaften, auch Klöster, vor allem aber Gemeinden, die wirklich zusammenleben (und sich nicht nur zum sonntäglichen Gottesdienst treffen. Zuvor muss man begreifen, dass der Versuch, eine christliche Gesellschaft über die (republikanische) Politik zu bewahren, nicht nur gescheitert ist, sondern vielleicht sogar ein Irrweg war. Politisches Engagement, sagt Dreher, sollte sich künftig auf die Bewahrung der Glaubensfreiheit konzentrieren – die ist in einer relativistischen Gender-Gesellschaft nämlich alles andere als gewährleistet.
Jeder Einzelne ist berufen, seine eigene Beziehung zu Christus lebendig und Christus seinen Kindern zugänglich zu machen – sowie Entscheidungen gegen den gesellschaftlichen Mainstream zu treffen und durchzuhalten. Das betrifft das Streben nach Reichtum, das zunehmend in Konflikt mit christlichen Bekenntnissen geraten wird, vor allem aber den Umgang mit Sexualität. Das christliche Menschenbild mit der Erschaffung als Mann und Frau und der Untrennbarkeit von Liebe, Sex und Ehe ist der ultimative Widerspruch zu einer Gesellschaft, die von jederzeit zugänglicher Pornographie und dem Bekenntnis zur Gleichwertigkeit aller Formen sexuellen Verhaltens geprägt ist.
Das schafft man nicht alleine, und man schafft es auch nicht, wenn man mit Gleichgesinnten nur in der Ferne verbunden ist: Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf. Wenn man es schafft, können solche Dörfer vielleicht schon in ein paar Jahrzehnten den Glauben wieder ausbreiten. Denn der nachchristlichen Gesellschaft, deren Entstehung wir erleben, gibt Dreher keine Zukunft. Ihre Kraft reicht aus, um Christen an den Rand zu drängen. Aber sie wird nicht ausreichen, um ein Erbe zu schaffen.
Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, auch wenn die amerikanischen Verhältnisse nicht deckungsgleich auf Deutschland zu übertragen sind. Drehers Analyse hat Wucht, und dann haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, was nach den erneuten Missbrauchsenthüllungen in den USA von den Strukturen der katholischen Kirche übrigbleiben wird. Aber steht seine Empfehlung zum Rückzug aus der Öffentlichkeit nicht im Widerspruch zu unserem Missionsauftrag? Müssen wir uns nicht als Christen in die Gesellschaft einbringen, um sie christlicher zu machen? Sind wir nicht das Salz der Erde?
Eigentlich ja. Aber wenn das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Insofern ist das Mindeste, was man sich schuldet, bevor man Rod Drehers Vorschlag („Entweltlichung“?) verwirft, eine gründliche Gewissenserforschung.

Zu seinem Besten …

Alfie Evans ist tot. Es hat etwas länger gedauert, als die behandelnden Ärzte erwartet hatten, besonders nach Abschaltung der künstlichen Beatmung. Vorgesehen war, dass der nicht ganz zwei Jahre alte Junge wenige Minuten später tot sein würde. Als das Kind wider Erwarten weiteratmete, half man nach: durch Einstellung, später möglicherweise Reduzierung von Flüssigkeits- und Nährstoffzufuhr nach, all das dem Vernehmen nach „zu seinem Besten“.

Eine besondere Dramatik erhielt der Vorgang dadurch, dass Alfies Eltern dagegen waren. Sie wollten ihr Kind wenigstens nach Hause holen, idealerweise sogar nach Italien bringen, wo es in der vatikanischen Gemelli-Klinik, wahrscheinlich rein palliativ, also nur leidenslindernd, bis zu seinem Tod weiterbehandelt worden wäre, übrigens ohne Kosten für das britische Gesundheitssystem. Das Alder Hey-Krankenhaus verweigerte die Entlassung des Kindes und setzte gerichtlich durch, dass Alfie an Ort und Stelle nicht nur zu bleiben sondern auch zu sterben habe, und zwar zeitnah. Proteste und Hilfsangebote aus aller Welt, auch von Papst Franziskus, blieben erfolglos.

Die Befürworter dieses Handelns, darunter auch Menschen, die ich schätze, betonen den Wert eines „würdigen Sterbens“ anstelle eines Transportes in ein anderes Land und anstelle einer Lebensverlängerung „um jeden Preis“. Einige gehen sogar so weit zu erklären, dass man in manchen Fällen das Kind vor den Eltern schützen müsse (was ich z. B. bei Bluttransfusionen für Kinder von Zeugen Jehovas auch so sehe – aber da wird das Leben des Kindes gerettet).

In der Debatte über den Umgang mit Alfie Evans vermengen sich mehrere Fragen. Die erste ist am leichtesten zu beantworten: Muss ein Krankenhaus, muss ein Gesundheitssystem auch bei fast sicherer Unheilbarkeit weiterhin eine Heilung anstreben? Grundsätzlich Nein, denn bei endlichen Ressourcen würde das unweigerlich bedeuten, dass anderen Patienten, nämlich solchen mit Heilungsaussichten, weniger Ressourcen zugeteilt werden, als sie brauchen. Ob man das Wort „Rationierung“ verwendet oder nicht: Gerade in der intensivmedizinischen Versorgung sind Entscheidungen über den Einsatz der Mittel unvermeidbar. Natürlich wird ein Krankenhaus bei solchen Entscheidungen Faktoren wie den Wunsch des Patienten, sein Alter und seine sonstige Verfassung berücksichtigen.

Die zweite Frage lautet: Wenn man einen Patienten nicht mehr heilen kann, ist das Gesundheitssystem dann verpflichtet, ihm gleichwohl Ressourcen zukommen zu lassen, die sein Leiden in der verbleibenden Zeit lindern? Grundsätzlich Ja, denn die unveräußerliche Menschenwürde des Patienten gibt ihm das Recht auf solchen Beistand. Je stärker das Leiden des Patienten und je geringer die verbleibende Lebensqualität sind, desto eher wird man bereit sein, zum Zweck der Linderung des Leidens auch eine Verkürzung des Lebens in Kauf zu nehmen.

Gibt es aber auch einen Zeitpunkt in solch einem Prozess, zu dem die Linderung des Leidens identisch ist mit der Verkürzung des Lebens? Einen Zeitpunkt, zu dem die Herbeiführung des Todes das Beste ist, was man für den Patienten tun kann? Im Gedankenexperiment sind Fälle konstruierbar, in denen das so ist. Unerträgliche Schmerzen bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher Schmerzmittel sind so ein Fall. In der Praxis ist so etwas allerdings selten.

Aber auch in solchen Fällen ist noch nicht klar, ob das Krankenhaus, das Gesundheitssystem dann auch berechtigt oder gar verpflichtet ist, den Tod herbeizuführen. In jedem Fall wird man den Willen des Patienten zu berücksichtigen haben, gegebenenfalls seinen mutmaßlichen Willen und ansonsten den Willen seiner gesetzlichen Vertreter. Die Herbeiführung des Todes gegen den Willen des Patienten ist in keinem Rechtssystem zugelassen.

Wie ist das aber, wenn der Patient sich nicht äußern kann? Und wenn die gesetzlichen Vertreter anderer Ansicht sind als, sagen wir, das Krankenhaus? Wer setzt sich dann durch? Immer die gesetzlichen Vertreter? Immer das Krankenhaus? Immer das Leben? Oder immer der Tod? In Alfies Fall kommt noch der Kunstgriff hinzu, dass das Krankenhaus zulasten der unkooperativen Eltern als gesetzlicher Vertreter Alfies anerkannt wurde.

Das Rationierungsproblem in der ersten Frage war im Falle von Alfie Evans doppelt gelöst, erstens weil die Beendigung der curativen Behandlung im Ermessen des Krankenhauses lag, zweitens weil die Gemelli-Klinik und andere Helfer die weitere Behandlung übernehmen wollten. Soweit auch die palliative Behandlung ein Rationierungsproblem mit sich gebracht hätte, war dieses deshalb ebenfalls gelöst.

Insofern war es schlüssig, dass die Befürworter der Herbeiführung des Todes argumentierten, diese sei in Alfies „best interest“, also zu seinem Besten, gegebenenfalls ,und in diesem Fall mit Sicherheit, auch gegen den Willen der Eltern.

Ist es möglich, so etwas überhaupt zu sagen? Und falls ja, wer soll so etwas entscheiden können? In England ist die Rechtslage jetzt eindeutig: Gerichte können entscheiden, ja, Gerichte haben entschieden, dass es legal sein kann, wenn ein Krankenhaus mit Hilfe der Polizei einen Patienten festhält, um „zu seinem Besten“ seinen Tod herbeizuführen.

Damit ist noch nicht klar, wie das Krankenhaus dieses Recht erwirbt. Eine zurückhaltende Definition wäre: mit dem Zustandekommen eines Behandlungsvertrages. Eine großzügigere könnte lauten: mit dem Bekanntwerden des Gesundheitszustandes des Patienten. Dann könnte Anzeige erstattet werden, und die gesetzlichen Vertreter des Patienten müssten diesen zu Untersuchung bringen, damit ein Krankenhaus, womöglich gedeckt durch ein Berufungskrankenhaus, fachlich sauber ermitteln könnte, welches weitere Vorgehen „zum Besten“ des Patienten sei.

Konsequenterweise könnten dann die Menschen, die dem „best interest“ des Patienten Steine in den Weg legen, auch dafür bestraft werden, was in der Praxis natürlich immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit sein wird.

Wenn nicht ein Gesetz, so wird nach und nach die Gerichtspraxis klären, ab welcher Diagnose, oder, allgemeiner, ab welchem QALY-Wert – in Großbritannien gibt es für Rationierungsentscheidungen ja schon heute das „quality adjusted life year“, die Herbeiführung des Todes dem Wohl des Patienten dient.

Es ist oft sinnvoll, den möglichen Konsequenzen ethisch bedeutsamer Entscheidungen nachzugehen, eine Sache „zu Ende zu denken“. Aber auch wenn Wilhem Busch Recht hat mit seinem Diktum „Der liebe Gott muss immer ziehen, dem Teufel fällt’s von selber zu“, steht der bösestmögliche Ausgang einer Entwicklung alles andere als fest.

Ärzte können erklären, dass sie eine solche Macht über Leben und Tod ablehnen, weil sie das kostbare Vertrauen des Patienten zum Arzt von vornherein vergiftet.

Bürger können erklären, dass der Staat weder selbst das Recht hat, den Todeszeitpunkt eines Menschen zu bestimmen, noch Dritten ein solches Recht zusprechen kann.

Philosophen können erklären, dass nur der Betroffene selbst entscheiden kann, ob für ihn der Tod besser ist als das Leben.

Und Christen können bekennen, dass der Tod nicht das letzte Wort ist. Auch nicht für Alfie Evans.

Daran glaube ich.

 

 

Anhang: Publikationen zum Fall Alfie Evans

BBC

Welt

Welt: Interview mit dem Intensivmediziner Nikolaus Haas

 

 

 

Tafeln in Not

In vielen deutschen Städten gibt es Tafeln – ich selbst bin Mitglied bei der Tafel Duisburg. Ich habe Unterstützer, Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Kunden kennengelernt. Letztere sind ein weites Feld, von alten Frauen mit schmaler Rente über Migranten und Flüchtlinge bis zu drogenabhängigen Obdachlosen. Je weiter diese Menschen von einer bürgerlichen Normalität entfernt sind, desto wichtiger ist für sie die Hilfe der Tafel; für manche von ihnen ist die Begegnung mit den Tafel-Helfern (meistens Helferinnen) die einzige, bei der sie ihre Menschenwürde spüren.

 

Tafelkunde Thomas: „Für mich ist die Tafel mein Lebensmittelpunkt; meine zweite Familie.“ (Bild: Tafel Duisburg)

 

Ich nehme das Engagement der ehrenamtlichen Helferinnen bei der Tafel Duisburg als zutiefst christliches Handeln wahr, auch wenn dieses Motiv kaum zur Sprache kommt, und ich glaube, dass diese Frauen (und Männer) eine gute Chance haben, in den Himmel zu kommen.
Anders als manche Kritiker in Politik und Medien, die sich in Rassismusvorwürfen überbieten, glaube ich das auch vom Team der Tafel Essen, das vor ein paar Tagen in allerdings ungeschickter Weise wegen Überlastung die Notbremse gezogen und die Neuaufnahme ausländischer Kunden gestoppt hat. Ich bezweifle, dass auch nur einer der Rassismusrufer sich Gedanken darüber gemacht hat, wie es weitergehen soll. Der Normalfall bei einer erfolgreichen Stigmatisierung als Nazi-Verein ist nämlich das Ende des betroffenen Vereins, weil entweder die Helfer wegbleiben oder die Spender oder beides. Die Wahrscheinlichkeit dürfte gering sein, dass die Rassismusrufer anschließend eine neue, bessere Tafel gründen, bei der dann alles zum Besten steht.
Gleichwohl ist diese Krise Anlass zu fragen, was Tafeln eigentlich erreichen können. Nachhaltig helfen können die Tafeln offenbar nur einer Minderheit ihrer Kunden. Es ist aber ungerecht, deswegen (man liest das in diesen Tagen oft) den Tafeln mangelnde Nachhaltigkeit vorzuwerfen. Die Tafeln sind ja überhaupt nur entstanden, weil schon vorher die Nachhaltigkeit gefehlt hat. Wer ausgerechnet den Tafeln vorwirft, dass sie Armut und Ausgrenzung nicht heilen können, der würde auch die Feuerwehrleute für den Ausbruch des Feuers verantwortlich machen.
Tafeln lindern Armut. Tafeln lindern Einsamkeit. Heilen können Tafeln beides nicht. Heilung anzustreben ist edel und gut – aber nicht zulasten der Linderung. Ich bleibe bei der Tafel.

Spendenkonto der Tafel Duisburg:
Sparkasse Duisburg
Kontonr. 200 220 150
BLZ 350 500 00
IBAN: DE61 3505 0000 0200 2201 50
BIC: DUISDE33XXX

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Der Eisvogel